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#HashtagInDerKrise

Radikale Gruppen wie der „Islamische Staat“ begleiten ihren Kampf mit einer ausgeklügelten Social-Media-Strategie. So sorgen sie für Begeisterung, Einschüchterung und Unterstützung.
Von PRO
Schlagworte werden bei dem Kurznachrichtendienst Twitter mit einer Raute (engl. „Hashtag“) markiert

Foto: pro

Schlagworte werden bei dem Kurznachrichtendienst Twitter mit einer Raute (engl. „Hashtag“) markiert

Für die einen ist #GazaUnderAttack, die anderen sehen es genau umgekehrt: #IsraelUnderAttack. Über den Kurzmitteilungsdienst Twitter verbreiten Nutzer im Internet ihre Deutung des eskalierten Nahost-Konflikts. Um sicherzustellen, dass die jeweilige Perspektive Gehör findet, markieren sie wichtige Schlagworte mit einer Raute, auf Englisch heißt das „Hashtag“. Entweder wird also der Gazastreifen „angegriffen“ und Israel ist der Aggressor, oder es verhält sich eben andersherum. Auf welcher Seite man im Nahost-Konflikt steht, zeigt sich auf Twitter daran, wen man an den Anfang der Kausalkette von Tod und Zerstörung stellt.
In der zerklüfteten Twitter-Welt, in der die etwa 240 Millionen Nutzer mit 140 Zeichen für eine Botschaft auskommen müssen, ist die durch Hashtags erzeugte Bindungskraft unersetzlich. Im Falle des Nahost-Konfliktes funktioniert das ausgezeichnet: Gab man am Wochenende des 12./13. Juli im Suchfeld von Twitter nur die Zeichen „#“ und „g“ hintereinander ein, erschien #GazaUnderAttack mal als Erstes in der Liste der Suchvorschläge, mal als Zweites hinter #GERARG, den Länderkürzeln der Final-Teilnehmer der Fußball-WM, deren Spiel zu der Zeit anstand. Ebenso verhielt es sich mit #IsraelUnderAttack. Dieser Hashtag stritt sich in der Rangfolge der Hashtags mit „i“ mit #IanThorpe. Der australische Schwimmer, Olympiasieger und Weltrekordler hatte an besagtem Wochenende öffentlich bekannt gemacht, dass er schwul sei.

Terrorgruppen nutzen Soziale Medien

Das Ringen um Aufmerksamkeit bedient sich mal mehr, mal weniger skrupelloser Mittel. Vergleichsweise harmlos ist es, seinen eigenen Twitter-Namen herzugeben und sich nach dem jeweiligen Hashtag zu benennen. Andere Nutzer, die nach dem Begriff suchen, stoßen dann womöglich direkt auf das eigene Konto. Diese Methode hat die #GazaUnderAttack-Fraktion mit Bravour betrieben, Twitter listet viele solcher Namen auf, wenn man danach sucht. Die #IsraelUnderAttack-Fraktion hat da Nachholbedarf: Nur zwei Nutzer benannten sich nach diesem Hashtag.
Fragwürdig wird es, wenn Nutzer bewusst falsche Informationen verbreiten. Der britische Sender BBC hat unlängst aufgedeckt, dass viele von ihnen unter dem Hashtag #GazaUnderAttack Bilder vom Gaza-Krieg 2008/09 auf Twitter stellten mit der Botschaft, dies sei ein „aktuelles“ Bild. Mitunter stammen die Bilder gar nicht aus dem Gazastreifen, sondern aus anderen Krisenherden wie Syrien oder dem Irak.
Dieser Methode haben sich nicht nur einzelne Nutzer mit ihren wenigen hundert Followern bedient, sondern auch beliebte Internetseiten, wie etwa der propalästinensische Blog Mondoweiss, dem mehr als 26.100 Menschen folgen. Dieser re-tweetete ein Bild von einem anderen Nutzer, das den Times Square in New York zeigt, wo auf Videoleinwänden der palästinensischen Vertreibung, der sogenannten Nakba im ersten israelisch-arabischen Krieg 1948/49, gedacht wurde. Anlass war der Nakba-Tag am 15. Mai. Ein solches Bild, verbreitet zum Zeitpunkt der Gazakrise, wirkt so, als ob es breite Unterstützung für die Palästinenser – gar für die Hamas? – gäbe. Zumal Mondoweiss in einem Tweet kurz zuvor ins Netz warf: „In Bildern: Weltweite Proteste gegen israelischen Angriff auf Gaza“.

40.000 Tweets an einem Tag

Es sind jedoch nicht nur Twitter-Nutzer oder Betreiber von Blogs, die mit der einen oder anderen Seite eines Konflikts sympathisieren und relativ unorganisiert für Aufmerksamkeit sorgen. Auch Terror-Gruppen selbst bedienen sich der sozialen Medien. Das ist an sich keine neue Entwicklung. Doch während bislang meist Internet-Foren gebraucht wurden, um Botschaften weiterzuverbreiten, setzt die Terror-Gruppe „Islamischer Staat“ (IS) fast ausschließlich auf Twitter.
Mit einer ausgeklügelten Social-Media-Strategie erreicht IS eine „nie dagewesene Breitenwirkung“. Das meint jedenfalls der amerikanische Politik-Analyst J. M. Berger. Die Organisation führt seit Jahresbeginn einen Feldzug in der Levante, um dort ein islamisches Kalifat zu errichten. Ähnlich wie im Irak verübt die Terrormiliz auch in Syrien laut UN-Angaben Verbrechen gegen die Menschlichkeit. So würden IS-Milizen regelmäßig Hinrichtungenveranstalten und selbst Kinder zum Zuschauen zwingen, heißt es in einem von der Syrien-Untersuchungskommission der UN veröffentlichten Bericht.
IS hat für ihre Zwecke eigens eine App namens „Der Anbruch guter Nachrichten“ entwickelt. Damit erhält die Terror-Gruppe Zugriff auf die Twitter-Profile williger Nutzer und kann in deren Namen ihre Botschaften versenden. Mit dieser Methode erhält IS nicht nur erheblich mehr Reichweite. Tweets, die auf diese Weise versendet werden, wirken so, als ob die Nutzer selbst am Kampf beteiligt seien oder zumindest selbst die Botschaften verschickten. Am 10. Juni, als die Kämpfer die zweitgrößte irakische Stadt Mossul einnahmen, versandte IS auf diese Weise etwa 40.000 Tweets.
Zu den Informationen, die so mit einem Klick in alle Welt verbreitet werden, gehören nicht nur einfache Nachrichten – etwa über den Fortschritt der Gebietseroberungen –, sondern auch Bilder von Enthauptungen, Links zu „inspirierenden“ Kurzvideos mit Reden von Kämpfern oder ganze Filme – wie etwa der 60-minütige Streifen „Das Klirren der Schwerter IV“. Darin zu sehen sind Aufrufe zum Kampf, Kampfszenen oder Gefangene des IS, die ihr eigenes Grab ausheben.

Twitter-Trends: Die Masse macht‘s

Die verbreitete Propaganda dient nicht nur der Rekrutierung neuer Kämpfer, sondern auch der Einschüchterung von Gegnern: Vor dem angeblich anstehenden Sturm auf Bagdad versandte IS mithilfe ihrer App ein bearbeitetes Bild, auf dem über einem Bagdader Gebäude die IS-Fahne weht. Dazu der Schriftzug: „Bagdad, wir kommen.“ Das aber sei ein Bluff gewesen, sagt Martin Chulov, Nahost-Korrespondent der englischen Zeitung Guardian. „Die Angst vor einem Sturm auf Bagdad kommt von der Social-Media-Kampagne, nicht von der Wirklichkeit. Die haben nicht genug Mann, um die Stadt zu erobern.“ Tatsächlich hörte man in der Berichterstattung viel von einem anstehenden Sturm auf Bagdad, der bis heute jedoch ausgeblieben ist. Mithilfe von Twitter wirkt IS größer, als er ist.
Neben dieser medialen Propaganda bedient sich der IS noch eines weiteren Mittels: Sie organisiert Hashtag-Kampagnen. Wie J. M. Berger in einem Artikel für die amerikanische Zeitschrift The Atlantic erklärt, tweeten tausende Aktivisten zur Zeit bestimmte Hashtags wie #AllEyesOnISIS (Alle Augen auf IS) oder #CalamityWillBefallTheUS (Unheil wird über die USA hereinbrechen). Durch die schiere Masse werden diese Hashtags auf Twitter kurzfristig zum Trend. Auf diese Weise überbiete IS auch konkurrierende Terror-Gruppen wie die al-Nusra-Front an Reichweite.
Für J. M. Berger ist das eine „Kombination aus einem sehr ambitionierten Militärfeldzug und einer sehr ambitionierten PR-Kampagne“. Diese Art von Öffentlichkeitsarbeit führe dazu, dass sich mehr Menschen der Gruppe anschlössen oder sie finanziell unterstützten, sagt Berger gegenüber dem amerikanischen Sender CBS News. John Little, der mit der Internetseite „Blogs of War“ die weltweite Entwicklung des Terrorismus beobachtet, ist ebenfalls erstaunt, wie IS mithilfe von Twitter Gleichgesinnte in aller Welt zusammenführt. „Die Unmittelbarkeit und Häufigkeit der Kommunikation zwischen absolut barbarischen Kräften des Bösen und Menschen fernab der Konflikte ist relativ neu“, schreibt er.

Nahe am Geschehen

„Menschen fernab der Konflikte“ – das bedeutet auch, dass sich der Sturm auf Twitter, den IS veranstaltet, bis hinein nach Deutschland auswirkt. Der aktuelle Verfassungsschutzbericht spricht von einer „beispiellosen Propagandawelle“ der Islamisten. Deren Botschaften, Bilder und Videos führten zu einer „hohen Emotionalisierung“. Die Betrachtung dieser über Social Media verbreiteten Medien führe dazu, dass junge Menschen den Schauplatz des Dschihad aufsuchen und bereit sind, im bewaffneten Kampf ihr Leben zu lassen. Wenn sie dies nicht tun, unterstützten sie die Islamisten finanziell.
Dem Verfassungsschutz sind bislang 320 Personen bekannt, die aus Deutschland nach Syrien gegangen sind, um dort zu kämpfen. Mehr als zwei Dutzend von ihnen seien dort umgekommen, sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, im Juni. Von den etwa 100, teils kampferprobten Rückkehrern gehe eine „erhebliche Gefahr“ aus: Zurück in Deutschland könnten sie Terror-Anschläge planen oder weitere Extremisten anwerben.
Schon seit einigen Jahren sind die Probleme dieser „Selbstradikalisierung“ durch das Internet bekannt. „Der islamistische Terrorismus hat sich sowohl globalisiert als auch individualisiert“, hält der Verfassungsschutzbericht fest. Und dies ist nach wie vor eines der größten Probleme für die Sicherheitsbehörden: Einzeltäter, die nicht zu klassischen Terror-Netzwerken gehören, lassen sich kaum ausfindig machen, um Tatvorbereitungen im frühen Stadium zu erkennen.

Sisyphos-Arbeit gegen Propaganda

Natürlich geht auch Twitter selbst gegen Konten von Islamisten vor. Laut den Richtlinien der Kurznachrichten-Plattform sind Tweets verboten, die „Gewalt und Drohungen“ enthalten. Vier Tage nachdem ISIS-Kämpfer Mossul erobert hatten, sperrte Twitter sechs Konten, die von dem Vormarsch live berichtet hatten. Das Sperren dieser Konten erweist sich jedoch als Sisyphos-Arbeit. Denn neue Konten unter anderem Namen sind leicht zu erstellen. Und wenn Twitter den jeweiligen Computer gesperrt haben sollte, gibt es genug Möglichkeiten, dessen Identität zu verbergen. Anleitungen dazu kursieren selbstverständlich auch unter den Islamisten im Internet.
Können auch die Nutzer etwas gegen die Propaganda-Maschinerie tun? Zunächst hilft der kritische Blick jedes einzelnen. Stimmen die Bilder? Wann wurden sie verbreitet? Sind die Informationen Fakten oder als Fakten verbreitete Gerüchte? Dann besteht die Möglichkeit, mit einem eigenen Tweet korrigierend einzugreifen und die betreffenden Twitter-Nutzer direkt anzuschreiben.
John Little von „Blogs of War“ schlägt vor, bei Antworten auf Falschinformation oder Propaganda nicht die Hashtags der „Gegner“ zu nutzen. Das spiele diesen nur in die Hände. Mehr als alles andere empfiehlt er jedoch, Extremisten im Netz einfach zu ignorieren. „Mache so wenig wie möglich, um sie in ihrem Versuch zu unterstützen, Angst und Einschüchterung zu verbreiten.“ Tatsächlich liegt es nahe, dass ein wohlgemeinter Tweet, der etwa die Aufmerksamkeit auf durch IS verfolgte Christen lenken möchte, eben auch zu einer Erfolgsmeldung für die Terroristen wird, wie etwa der Tweet von @JoeC1776 am 22. Juli: „#PureEvil #ISIS (…) 17 Christian girls at a party in Mosul murdered by ISIS“ („das pure Böse #ISIS (…) 17 christliche Mädchen auf einer Feier in Mossul getötet“).
Will man Propaganda jeglicher Art auf Twitter entgegenwirken, ist also eine Mischung aus Kreativität und Klugheit gefragt. Im Fall von ISIS können sich Nutzer etwa hinter dem Hashtag #NO2ISIS (Nein zu ISIS) versammeln, um ihren Protest zu bekunden. Der Kreativität sind mit der Beschränkung auf 140 Zeichen zwar Grenzen gesetzt. Aber wenigstens besteht in dieser Hinsicht Waffengleichheit. (pro)

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