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Handbuch Internetseelsorge: Lesen statt Hören

Seelsorge im Netz erfordert vom Berater zusätzliche Kompetenzen. Neben seelsorgerlichem Wissen geht es auch darum, Emotionen und Anteilnahme auf virtuellem Weg zu verstehen und zu vermitteln. Das „Handbuch Internetseelsorge“ zeigt auf verständliche Weise, wie Seelsorge im Netz gelingen kann und verknüpft anschaulich die Theorie mit der Praxis. Eine Rezension von Swanhild Zacharias
Von PRO

Foto: Gajus / Gütersloher Verlagshaus

Wie funktioniert Seelsorge im Internet? Worauf müssen Berater achten? Und welche Chancen bietet die Beratung im Netz? Das „Handbuch Internetseelsorge“ von Birgit Knatz, Diplom-Sozialarbeiterin und stellvertretende Leiterin der TelefonSeelsorge Hagen-Mark, liefert dazu Antworten auf gut 300 Seiten.

Im ersten Kapitel geht die Autorin auf das Seelsorgerverständnis ein und betont die kirchliche Anbindung der Beratungsstellen. Allerdings macht sie auch die Aussage, Psychotherapie und Beratung seien nicht „prinzipiell an eine religiöse oder spirituelle Haltung gebunden“. Es gehe darum, Lebenshilfe zu leisten und persönliche Konflikte und Schwierigkeiten eines Menschen abzubauen. Anschließend erklärt sie sprachliche Besonderheiten im Internet wie Emoticons und Smileys.

Knatz informiert auch über die Fähigkeiten, die ein Internetseelsorger mitbringen sollte. Außerdem stellt sie die Erwartungen der Nutzer dar und belegt dies durch Zahlen und Fakten aus Studienergebnissen. Schließlich bietet sie dem Leser Informationen, wie er ein eigenes Seelsorgeeangebot ins Leben rufen kann, vom Internetauftritt bis hin zu den inhaltlichen Kriterien. Knatz weist darauf hin, dass soziale Netzwerke wie Facebook zwar zum Bekanntmachen eines Angebots dienen können, die Seelsorge selbst aus Datenschutzgründen aber immer von einer eigenen, verschlüsselten Webseite aus erfolgen sollte.

Lesen statt Hören

Vier kommunikationspsychologische Modelle finden sich im folgenden Abschnitt, unter anderem auch das Kommunkationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun. Die Autorin analysiert außerdem die Bedeutung des Schreibens. So könne es beim Ratsuchenden zur Selbstreflexion führen oder befreiend wirken. Schließlich bietet Knatz den Seelsorgern verschiedene praktische Ansätze, wie Antworten aufgebaut und auf den Schreiber eingegangen werden kann. Es gehe bei virtuellen Angeboten immer um „Lesen statt Hören“, schreibt sie.

Kapitel vier widmet sich den typischen Themen der Ratsuchenden und vermittelt Wissen und Tipps zum  Umgang damit. Unter anderem geht es um Suizidankündigung und psychische Störungen, wie das Borderline-Syndrom, Depressionen oder Essstörungen. Auch sexuellen Missbrauch und Cybersex spricht Knatz an. Im letzten Kapitel wird der Leser über rechtliche Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die Schweigepflicht, und über den Datenschutz informiert. Auch darüber, auf welche rechtlichen Aspekte es beim Aufbau einer eigenen Webseite ankommt, informiert die Autorin.

Nachschlagewerk für Seelsorger

Das Handbuch gibt vermittelt handfestes Wissen rund um die Internetseelsorge. Fachspezifisches Wissen verknüpft die Autorin mit praktischen Beispielen und Anwendungstipps. Zu jedem Thema sind anonymisierte E-Mail- und Chatprotokolle abgedruckt, die das zuvor Gesagte veranschaulichen. Ein Fazit am Ende jedes thematischen Abschnitts fasst das Wichtigste kurz zusammen. Einige Informationen, wie zum Beispiel der Überblick über die geläufigsten Smileys, Emoticons und Abkürzungen, sind tabellarisch dargestellt. Das Buch eignet sich daher auch als Nachschlagewerk für Seelsorger, die bereits im Internet aktiv sind.

Zur Veranschaulichung der Kompetenzen zieht sich ein E-Mail-Protokoll jedoch über 41 Seiten. Für den Leser ist es hier schwer, die einzelnen Techniken herauszulesen. Anmerkungen wären dabei hilfreich. Ebenso wie Smileys und Emoticons in einer Tabelle dargestellt werden, hätten auch die verschiedenen Kommunikationsmodelle grafisch dargestellt werden können, besonders das Kommunikationsquadrat von Friedrich Schulz von Thun.

Christlicher Glaube als Basis?

Inhaltlich fällt auf, dass die Autorin zwar mehrmals die Bindung der Seelsorgeangebote an die Kirche betont, der christliche Glaube des Beratenden jedoch nicht zwingend als Basis für die Arbeit verstanden wird. Dieses Thema wird nur am Rande kurz angesprochen. Aus theologischer Sicht ist die Seelsorge jedoch eng mit dem christlichen Glauben verknüpft. Auch wenn das Handbuch keinen theologischen Anspruch erfüllen will, wäre doch eine kurze Auseinandersetzung mit dem Thema wünschenswert gewesen. Besonders im Hinblick darauf, wie die Seelsorger ihrerseits herausfordernde Gespräche über Themen wie Suizidgedanken verarbeiten können.

Im Großen und Ganzen bietet das Buch jedoch fundiertes Wissen, Anleitungen und Hilfestellungen rund um die Internetseelsorge. Es eignet sich für Leser, die bereits selbst in dem Bereich tätig sind und ihr Wissen erweitern oder sich als Einsteiger einen Überblick verschaffen wollen. (pro)

Birgit Knatz: „Handbuch Internetseelsorge – Grundlagen, Formen, Praxis“, 336 Seiten, Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-07402-3, 29,99 Euro

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