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Gütiger Mose, grausamer Gott

Der Film „Exodus - Götter und Könige“ zeigt Mose als erfahrenen Feldherren, Ramses als liebenden Vater und Gott als gnadenloses Kind. Damit gibt die Hollywood-Produktion Christen eine Denksportaufgabe mit: Wie grausam darf ein liebender Gott sein? Eine Filmkritik von Anna Lutz
Von PRO
(v.l.) Moses (Christian Bale) und Ramses (Joel Edgerton) im Zweikampf
(v.l.) Moses (Christian Bale) und Ramses (Joel Edgerton) im Zweikampf
Wenn Hollywood sich an die Verfilmung großer biblischer Geschichten begibt, darf der Zuschauer erwarten, dass sich die Regisseure nicht allzu genau an die Vorlage halten. Das hat zuletzt die Umsetzung der Noah-Geschichte gezeigt, in der Darren Aronofsky die Geschehnisse rund um und auf der Arche fröhlich umdichtete und die biblische Vorlage einem wilden Showdown opferte. Bei Ridley Scotts „Exodus – Götter und Könige“ müssen Christen keine Verfälschung des eigentlichen Plots fürchten. Der Regisseur der Alien-Reihe und anderer preisgekrönter Blockbuster gibt die Geschichte fast originalgetreu wieder. So lässt Scott Mose (Christian Bale) als Freund des späteren Pharaos Ramses (Joel Edgerton) am königlichen Hof aufwachsen. Dass Moses als Kind ausgesetzt wurde und eigentlich zum Volk Israel gehört, wissen weder er noch sein brüderlicher Freund. Moses entpuppt sich mit den Jahren als der geschicktere Kämpfer und weisere Anführer als der eigentliche Thronfolger Ramses. Dennoch, so verlangt es die Erbfolge, wird letzterer nach dem Tod seines Vaters Pharao – und stürzt sein Volk ins Unglück. Sein Größenwahn treibt ihn dazu, immer höhere, immer prunkvollere Denkmäler seines Reichtums errichten zu lassen. Vor allem die israelitischen Sklaven leiden unter Ramses‘ strenger Herrschaft. Bei einem Ausflug in die Sklavengebiete erfährt Mose schließlich von seiner wahren Herkunft. Der Sklave Nun (Ben Kingsley) klärt ihn auf und berichtet ihm auch von einer Verheißung, nach der Mose sein Volk befreien soll.

Popcornkino mit toten Kindern

Bis hierhin musste Ridley Scott das ein oder andere dazuerfinden – schlicht deshalb, weil die Bibel die Jugend des Mose nicht sonderlich ausführlich abbildet. Weiter schlimm ist das nicht, passen die Details doch stringent in die restliche Geschichte, die ab diesem Punkt dann auch so ihren Lauf nimmt, wie Bibelleser sie kennen. Moses Identität wird offenbart, der Pharao verbannt ihn aus Ägypten, Mose trifft Zippora, heiratet und begegnet Gott, kehrt zurück in seine Heimat und schlägt die Ägypter mit Gottes Hilfe in die Flucht. Beeindruckend rauschen die Plagen über Ägypten hinweg. Noch beeindruckender ersaufen die Bösewichte im Roten Meer, nachdem Mose es geteilt hat und mit den Israeliten hindurchgezogen ist. Soweit, so pompös, so popcorntauglich. Wäre da nicht die Sache mit den toten ägyptischen Kindern. Denn die letzte der zehn Plagen, die Ägypten durch Gottes Hand heimsucht, ist das Sterben der Erstgeborenen. Nur, dass der Pharao im Film dem Zuschauer emotional weit näher kommt als der Bösewicht in der biblischen Geschichte. Ramses schreit und weint um seinen Sohn, küsst das tote Baby, lässt es feierlich bestatten und gibt ihm mit auf den Weg, dass es ruhig schlafen könne, weil es geliebt sei. Mit der Leiche seines toten Kindes im Arm und von Tränen zerlaufener Schminke im Gesicht steht er vor Mose und fragt: „Ist das dein Gott? Ein Kindermörder?“ Zuvor hatte Mose selbst Gott angeklagt, ihm vorgeworfen, dass er diesen Schritt nicht tun könne, dass er zu weit gehe. Gott aber, der hier in Gestalt eines Kindes auftritt, bleibt erbarmungslos. Das lässt Mose moralisch integer wirken – und Gott nicht.

Mose: Agnostiker mit Kampfeslust

Während Mose im Original wieder und wieder an den Pharao appelliert, sein Volk ziehen zu lassen, beschränkt er sich im Film auf wenige Sätze, die er mit Ramses wechselt. Die Grausamkeit Gottes trifft den Sklaventreiber weit überraschender als im biblischen Kontext. Auch ohne diese Neuerung gehört das verstockte Herz des Pharaos wohl zu den größten theologischen Herausforderungen, denen sich Christen, die an einen liebenden und gnädigen Gott glauben, stellen müssen. Der Film lässt den Gegensatz noch härter erscheinen. Dazu trägt auch der Charakter des Film-Mose bei. Die Bibel präsentiert den Anführer der Israeliten als wortkargen Mann, dem Gott seinen Bruder Aaron als Redner zur Seite stellen muss, weil sein eigenes Selbstbewusstsein nicht dafür ausreicht, beim Pharao vorzusprechen. Scott hingegen lässt Mose gekonnt Schwerter schwingen und Kampfesreden halten – nicht umsonst ist die Rolle durch Christian Bale (The Dark Knight, American Psycho) besetzt. Sogar mit Gott selbst legt sich diese Mose-Neuschöpfung an, was wenig verwunderlich ist, findet er doch erst durch seine Ehefrau zum Glauben an Gott. Zuvor, am ägyptischen Hof, ist Mose eher als Agnostiker zu beschreiben, der religiöse Kulte ablehnt. Das vermittelt zwei theologisch fragwürdige Einsichten: Zum einen, dass Gott seine Gnadenlosigkeit gewaltsam und auch ohne Rücksicht auf die eigenen Leute durchsetzt. Zum anderen, dass er mit Mose einen kampfeslustigen Draufgänger berufen hätte. Es sind kleine Veränderungen wie diese, die am Ende dafür sorgen, dass die biblische Botschaft im Hollywood-Tohuwabohu nur noch schwer auszumachen ist. Wer sie dennoch sucht und den Film vielleicht sogar dazu nutzen will, um mit Freunden über Glaubensthemen ins Gespräch zu kommen, der sollte sich warm anziehen. Denn am Ende wird auch er die Frage des Pharao beantworten müssen: „Ist das dein Gott? Ein Kindermörder?“ (pro) „Exodus – Götter und Könige“, Kinostart 25. Dezember, 150 Minuten, USA 2014, FSK 12
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