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„Größter Missbrauchsskandal unserer Gesellschaft“

Der Bund will Minderjährige im Netz besser vor Mobbing und Belästigung schützen. Für die Psychotherapeutin Tabea Freitag geht das aber noch nicht weit genug. Sie fordert in einer Petition einen wirksameren Kinderschutz vor Pornografie.
Von Martin Schlorke
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Foto: Aaron Escobar, Wikimedia Commons | CC BY 2.0 Generic
Eine neue Bundeszentrale soll Kinder und Jugendliche besser vor Gefahren des Internets schützen. Für die Psychotherapeutin Tabea Freitag geht das jedoch nicht weit genug.

Um Kinder und Jugendliche im Internet besser vor pornografischen Inhalten zu schützen, fordert die Psychotherapeutin Tabea Freitag ein verantwortungsvolleres Handeln von Politik und Gesellschaft. Ziel müsse es sein, „Kinder und Jugendliche vor den vielfältigen Formen sexueller und emotionaler Grenzverletzungen durch frei zugängliche Pornografie konsequent zu schützen“. Dafür hat sie eine Online-Petition gestartet.

„Je früher und häufiger Kinder mit Pornografie konfrontiert werden, desto mehr prägt es ihre Sicht auf Beziehungen und Sexualität. Pornokonsum gefährdet die Empathie- und Beziehungsfähigkeit und hat Auswirkungen bis ins Erwachsenenleben. Ein regelmäßiger Konsum fördert sexuelle Gewalt in Beziehungen und sexuelle Übergriffe unter Minderjährigen“, erklärt Freitag gegenüber pro.

Der novellierte Gesetzentwurf zur Reform des Jugendschutzes der Koalition geht Freitag daher nicht weit genug. Zwar soll es künftig per Gesetz einen besseren Schutz vor Interaktionsrisiken geben durch eine Meldefunktion, eine einheitliche Alterskennzeichnung und Symbole auf Online-Games, die zum Beispiel auf Glücksspiel-Elemente, Kostenfallen und ungeschützte Kontaktfunktionen hinweisen. Das könne für informierte Eltern eine hilfreiche Orientierung sein, werde jedoch Jugendliche kaum davon abhalten, entsprechende Inhalte im Internet zu nutzen, sagt Freitag. Ein Schutz vor unbewachten Chats und sexueller Belästigung durch Fremde sei das nicht. Stattdessen seien verbindliche Vorgaben für Spielehersteller und ausgebildete Chatmoderatoren sinnvoller.

Zudem werde Pornokonsum, der ein wesentlicher Treiber von sexueller Belästigung und Cybergrooming (Anbahnung von sexuellem Missbrauch über das Internet) sei, völlig ausgeblendet. Die alltägliche Konfrontation mit Pornografie verletze massiv die Grenzen von Kindern, normalisiere sexuelle Grenzverletzungen und „ist eine Form des sexuellen Missbrauchs“. Viele Kinder würden die Bilder nicht mehr los.

„Umweltschutz für die Seele“

„Pornos haben meine Phantasie vergiftet und meine Kindheit gestohlen“, zitiert Freitag eine Betroffene. Mehr als die Hälfte der elf- bis 13-jährigen Kinder habe einer Studie zufolge bereits Pornografie im Internet gesehen, eine Mehrheit wünsche sich, dass solche Seiten für sie gesperrt wären. Mädchen, die früh mit Pornografie in Kontakt kommen, nähmen sich selbst vermehrt als Sexobjekt wahr und würden häufiger Opfer von sexueller Gewalt. Viele würden zu Tätern an anderen Kindern und machten das Gesehene nach, erklärt Freitag.

Durch die beschleunigte Digitalisierung von Schule und Kinderzimmer im Lockdown, weitgehend ohne technische und pädagogische Schutzkonzepte, habe beides – Pornokonsum und sexuelle Gewalt – deutlich zugenommen. Missbrauch mache Kinder stumm und lebe vom Wegschauen der Erwachsenen. Daher halte sie die frei zugängliche, alltägliche Konfrontation von Kindern mit harter Pornografie für „den größten Missbrauchsskandal unserer Gesellschaft“.

Die in der Novelle geplante Meldefunktion für Kinder, die sich im Netz bedroht fühlen, könne für manche Kinder hilfreich sein. Aber sie greife aus Sicht von Freitag ebenfalls zu kurz und könne gerade für Kinder, deren Schamgrenzen durch Pornografie bereits verletzt seien, nicht helfen.

Medienkompetenz bietet für Freitag kein Allheilmittel gegen die Gefahren im Internet. Sie beschränke sich häufig auf die Vermittlung technischer Bedienkompetenz, das Wissen um Datenschutzeinstellungen und Appelle an die Moral der Kinder, dass Werte wie Respekt auch in der digitalen Welt gelten. „Wir können die Verantwortung jedoch nicht auf die Schultern der Kinder legen, sich selbst vor toxischen Einflüssen zu schützen. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass es auch Umweltschutz für die Seele beziehungsweise Schutz vor Innenweltverschmutzung braucht.“

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