Roland, du warst schon oft im Sudan. Was müssen Menschen über das Land und die politischen Verhältnisse dort wissen?
Ich habe das Land zum ersten Mal als Student im September 1979 besucht. Danach bin ich fast jedes Jahr zu Sprachforschungen in verschiedenen einheimischen Sprachen dort gewesen. Bis 2013 war ich über 30 Mal da. Danach konnte ich das Land nur noch zwei Mal besuchen, weil es immer schwieriger wurde.
Und was sollte man unbedingt über das Land wissen?
Der Sudan war bis zur Abtrennung des Südsudan das flächenmäßig größte Land in Afrika. Nördlich vom Zusammenfluss des Weißen und Blauen Nils bei Khartoum befindet sich eine extrem trockene Wüste. Südlich beginnt zunächst eine Steppenlandschaft. Dort regnet es auch mehr und die Pflanzen können besser wachsen. Der Nil kontrolliert eigentlich alles. Die Transportwege laufen meist entlang seiner Zuflüsse. Im Sudan leben über 100 verschiedene Volksgruppen mit fast ebenso vielen eigenen Sprachen. Das Sudan-Arabische ist als Nationalsprache auch die Sprache der Schule. Neben Christen und Angehörigen traditioneller Religionen ist der Islam im Sudan die Mehrheits-Religion. Offiziell herrscht überall die Scharia, das islamische Recht. Diese wird aber nicht einheitlich streng angewandt.
Welche Konflikte schwelen und belasten das Land am meisten?
Die Sudanesen sind grundsätzlich sehr tolerant, gastfreundlich, warmherzig und ruhig. Umso trauriger ist es, dass sich seit 2023 die „Regierungstruppen“ und die „Rapid Support Forces“ einen blutigen Bürgerkrieg liefern. Leider mischen sich auch bestimmte ausländische Kräfte massiv ein, weil sie Interesse an Bodenschätzen und vor allem am Gold haben. Zwischen den arabisierten Nomaden und den sesshaften, afrikanischen Ackerbauern in den Nubabergen schwelt schon seit Jahrhunderten ein Konflikt, der immer mehr eskaliert. Früher kamen sie meist auf Kamelen, heute auf Pickup-Autos. Sie brennen die Dörfer nieder, stehlen das Vieh und zerstören die Existenzgrundlage der Landwirte, die nach neuen Weideplätzen suchen. Die Nuba-Berge sind im Norden islamisiert, aber die südlichen Gruppen sind häufig Christen. Sie leiden besonders, aber nicht ausschließlich, unter dieser Aggression. Zehntausende, Hunderttausende Menschen sind aus den westlichen Provinzen Darfur und Kordofan geflohen und haben im benachbarten Tschad Zuflucht gesucht. Auch die Hauptstadt Khartoum ist vom Krieg gezeichnet. Viele Gebäude sind zerstört. Der Regierungssitz ist zurzeit provisorisch in Port Sudan am Roten Meer.
Wie ist es um die Verteilung der vorhandenen Ressourcen bestellt?
Das ist von außen sehr schwer zu beurteilen. Es geht bei all diesen Kämpfen und Konflikten letztlich um Macht, Land, Öl und Gold.
Was bedeutet das für die Christen?
Nach der Unabhängigkeit des Südsudan sind sehr viele Christen aus den südsudanesichen Stämmen wie Dinka, Schilluk, Bari, Nuer und andere, die seit den 1980er Jahren als Bürgerkriegsflüchtlinge im Norden waren, wieder in ihre Heimat gezogen. Doch viele sind auch im Norden geblieben und versuchen ihren Unterhalt meist als billige Arbeiter zu bestreiten, etwa beim Hausbau, auf den Feldern oder als Haushaltshilfen. Sie sammeln sich in kleinen Gemeinden überall im Land. Als Dunkelhäutige werden sie häufig von den helleren Nordsudanesen verachtet. Als Flüchtlinge befinden sie sich in einer prekären Lage in ihrem muslimischen Umfeld. Trotzdem sind sie häufig erstaunlich gelassen und fröhlich und finden sogar die Kraft zum christlichen Zeugnis gegenüber der Mehrheitsbevölkerung.
Welche Chancen hat die Bevölkerung, die Entwicklungen zu beeinflussen?
Es gibt kaum Chancen. Die beiden Kriegsparteien stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber. Dennoch kann man natürlich auf der lokalen Ebene mithelfen, dass so etwas wie Normalität herrschen kann, indem man einander hilft und unterstützt. Auch dafür gibt es viele Beispiele.
Hat die internationale Politik zu lange weggeschaut?
Ja, leider. Das Interesse an dem immensen Leiden und den Zehntausenden Opfer ist im Westen offenbar sehr gering. Ich warte auf den Tag, an dem es eine weltweite Kampagne unter dem Titel „All eyes on Sudan“ gibt. Zwar sprechen die Vereinten Nationen inzwischen in Bezug auf den Sudan von der „größten humanitären Katastrophe“, aber in der breiteren Öffentlichkeit ist das meines Erachtens leider noch nicht angekommen.
Wie bewertest Du die Ansagen des amerikanischen Präsidenten zum Sudan, den Krieg dort zu beenden?
Jede Aufmerksamkeit ist gut, die dieser Konflikt bekommt. Ich hoffe, dass die USA hinter den Kulissen endlich starken Einfluss nehmen, auch auf die ausländischen heimlichen Kriegsgewinner, sprich bestimmte Staaten. Leider sehe ich noch nicht viel europäisches Engagement. Auf der anderen Seite müssen wir immer davon ausgehen, dass wir als Öffentlichkeit nur einen sehr begrenzten Einblick haben in das, was möglicherweise an diplomatischen Bemühungen hinter den Kulissen läuft.
Hast Du für die Zukunft Hoffnungen auf eine positive Entwicklung oder eher nicht?
Langfristig ja, mittelfristig bin ich unsicher. Die Menschen im Sudan haben lange genug gelitten. Ein Nebeneffekt der Kämpfe ist, dass viele Menschen neu für Alternativen zu ihren herkömmlichen Überzeugungen offen sind. Gerade der grausame Krieg von Muslimen gegen Muslime hat viele ins Fragen gebracht. Und so tut sich gerade, ebenfalls im Verborgenen, Erstaunliches. Es entstehen kleine Gemeinschaften von Jesus-Nachfolgern in bisher so genannten unerreichten Stämmen wie zum Beispiel den Fur, und das ganz als einheimische Bewegung. Mir ist insgesamt wichtig, dass wir den Sudan nicht vergessen, uns für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit, einschließlich der Religionsfreiheit einsetzen. Dazu gehört auch die Freiheit von Muslimen, sich einem anderen Glauben zuzuwenden. Und vor allem sollten wir für dieses unfassbar geschundene Land beten.
Vielen Dank für das Gespräch.
Roland Werner ist Sprachwissenschaftler und Theologe. Er betätigte sich als Bibelübersetzer und war zu wissenschaftlichen Zwecken häufig im Sudan. Von 2011 bis 2015 war er Generalsekretär des deutschen CVJM. 1996 übernahm er die Leitung des christlichen Jugendkongresses Christival, dessen Vorsitz er bis 2011 innehatte. Werner engagierte sich lange Jahre bei ProChrist und war dort auch Vereinsvorsitzender. Bis 2022 war er Mitglied des Hauptvorstands der Deutschen Evangelischen Allianz. Mit seiner Frau Elke leitete er lange Jahre die ökumenische Gemeinschaft Christus-Treff (CT) in Marburg, Jerusalem und Berlin.