Und wenn Gott wäre? Diese Frage musste Uwe Böschemeyer noch loswerden, seinen Lesern mitgeben. Er will sie ermutigen, nach Gott zu suchen, sich der Tiefe der eigenen Seele zuzuwenden. Denn dort, im Grunde der eigenen Seele, nehme der Mensch Gott wahr, sagt der Theologe und Psychotherapeut mit Kirchenvater Augustin. Selbsterkenntnis sei Gotteserkenntnis. Im Frühjahr erschien das Buch mit diesem unvollendeten Nebensatz als Titel, der im Hauptsatz eine Schlussfolgerung einfordert: „Und wenn Gott wäre …“. Von der Beantwortung der Frage nach Gott hängen Sinn, Glück und Lebensqualität ab, ist Böschemeyer überzeugt.
Es ist eine Einsicht, die ihm in den letzten Jahren seines Lebens immer deutlicher und wichtiger geworden ist. Und sie ist so etwas wie sein „eigentliches“ Vermächtnis, wie er im Nachwort schreibt. „Das Buch floss nur so aus mir heraus, wie ich kein anderes Buch geschrieben habe“, sagt der 87-Jährige im Gespräch mit PRO. Und er hat deren mehr als drei Dutzend verfasst. Mehrmals sagt er, es Gott einfach schuldig zu sein, mit und von ihm zu schreiben. „Ich habe ihm so viel zu verdanken. Ich habe die existenzielle Erfahrung gemacht, dass ich mich auf ihn verlassen kann, was immer auch kommt. Er hat mich durch viele schwere Zeiten geführt und gelenkt. Er war bei mir.“
„Ich habe die existenzielle Erfahrung gemacht, dass ich mich auf Gott verlassen kann.“
Uwe Böschemeyer
Böschemeyer studierte einst Theologie, außerdem Philosophie und Psychologie. Er wird zornig, als er jetzt davon spricht, wie ein Professor mit seinen Aussagen über die Bibel Böschemeyers Glauben erschütterte. „Dieser historisch-kritische Intelligenzler wusste gar nicht, was er in den jungen Menschen anrichtet.“ Aber Gott sei ihm trotz aller Zweifel treu geblieben. Böschemeyer ging für zwei Jahre in den Pfarrdienst und wurde danach Assistent des einflussreichen Theologen Helmut Thielicke in Hamburg.
„Sein“ Thielicke habe vieles bei ihm hinterlassen, sagt Böschemeyer bewundernd und erzählt davon, wie der Professor seine Studenten und Mitarbeiter zum Gebet einlud. Durch ihn bekam er auch Kontakt zu Viktor Frankl. Der jüdische Wiener Neurologe und Psychiater hatte die Deportation in mehrere KZs überlebt und mit der Logotherapie und Existenzanalyse eine bedeutende psychiatrische Schule entwickelt, die das Streben nach Sinn ins Zentrum stellt. Böschemeyer schrieb seine Doktorarbeit über Frankls Werk, wurde dessen Schüler und von ihm autorisiert, logotherapeutisch tätig zu sein.
Sehnsucht nach Gott ist im Menschen angelegt
Ab den 1990er Jahren entwickelte Böschemeyer ein eigenes psychotherapeutisches Konzept: die Wertimagination. Es ist ein Zugang zum „unbewussten Geist“ des Menschen, wie Böschemeyer es nennt, zur Tiefe der Seele, wobei menschliche Werte wie Liebe, Verantwortlichkeit, Kreativität oder Freiheit als innere Bilder erscheinen. Böschemeyer beobachtete, dass erstaunlich viele seiner Klienten bei diesen Wertimaginationen Bilder vor ihrem geistigen Auge sahen, die sie als religiöse, kirchliche Symbole oder Figuren deuteten, ja, sogar als die Person Jesus. Damit einhergegangen sei bei diesen Klienten ausnahmslos eine überwältigende positive, beglückende Gefühlserfahrung – bei Menschen, die an Jesus glaubten, ebenso wie bei nichtreligiösen.
Prof. Dr. Uwe Böschemeyer wurde 1939 in Oranienburg geboren. Er studierte Theologie, Philosophie und Psychologie. 1982 gründete er in Hamburg das erste deutsche Institut für Existenzanalyse und Logotherapie. 2006 gründete er die „Europäische Akademie für Wertorientierte Persönlichkeitsbildung“ in Salzburg, die er bis zu seinem Tod leitete. 2016 erhielt er eine Ehrenprofessur der Universität Moskau. Böschemeyer starb am 14. Mai 2026. Er hinterlässt seine Frau, zwei Kinder, zwei Enkel sowie eine Stieftochter.
Die Sehnsucht, nach Gott zu suchen, ist in den Menschen hineingelegt, sagt Böschemeyer. In einem seiner Bücher zitiert er Augustin: „Zu dir hin, o Gott, hast Du uns erschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Dir.“ Die Erfahrungen, die Böschemeyer bei seiner psychotherapeutischen Arbeit macht, bestätigen ihn darin. Für ihn sind diese inneren Bilder des unbewussten Geistes Wege, auf denen sich Gott den Menschen offenbart. Manche seien daraufhin sogar zum Glauben „an den lebendigen Gott“ gekommen, berichtet er, selbst staunend darüber. „Das macht mich zutiefst froh.“ Und zugleich schmerzt es ihn, dass so viele Menschen innerlich heimatlos sind, sich selbst verloren haben. Mit vielen von ihnen hatte er als Therapeut zu tun.
Das ist in seinen Augen das Kernproblem unserer Zeit: die Dominanz des Denkens, die Technisierung des Menschlichen, der Verlust an Tiefe, der fehlende Zugang zum unbewussten Geist, zum inneren Reichtum der Seele, zur Transzendenz. Dabei gehöre es zum Wesen des Menschen, über sich hinaus zu fragen, danach, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie es Goethe formulierte – und damit auch nach Gott. Böschemeyer wirbt dafür, sich diesen Zugang offen zu halten, sich auf die Suche nach Gott einzulassen – und er gibt in seinem Buch Anregungen dazu, wie das gelingen kann.
Nicht zuletzt für ihn selbst trugen die Beobachtungen aus seiner Arbeit dazu bei, dass sich sein erschütterter Glauben an Jesus Christus wieder vertiefte. „Warum kann ich es als Psychotherapeut nicht lassen, Gott ins Spiel zu bringen? Weil dieser menschgewordene Gott die Mitte meines Lebens geworden ist“, sagt Böschemeyer. Und weil ihm das so auf der Seele brennt, hat er das nächste Buch schon fast fertig, als er mit PRO spricht. „Wege zu meinem ursprünglichen Wesen“. Er sagt: „So lang Gott mich leben und schreiben lässt, habe ich große Lust, das, was ich erfahre, bekannt zu machen.“ Doch Gott hielt Böschemeyers Werk wohl für vollendet. Am 14. Mai, wenige Tage nach dem Gespräch mit PRO, starb er.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 3/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.