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Gottesdienst in schwarz

An Pfingsten trägt Leipzig schwarz und schwerer Patchouli-Duft schwängert die Luft. Zum weltgrößten Treffen der Gothic-Szene strömen jedes Jahr Hunderttausende jedes  Alters in die sächsische Großstadt. Einen festen Programmpunkt bildet mittlerweile ein Gottesdienst der etwas anderen Art.
Von PRO

Foto: pro

An prominenter erster Stelle bewirbt das Wave-Gotik-Treffen (WGT) in seinem fünftägigen Programm dieses Jahr nicht eine namhafte Szeneband, sondern einen Gottesdienst. „Rabe & Kreuz” – Gotischer Christ / „Gothic Christ XII” nennt sich die Veranstaltung, zu welcher die dunklen Besucher in eine der bedeutendsten Sakralbauten des 19. Jahrhunderts geladen werden.

Die Gothic-Szene ist so vielseitig wie die Kostüme, in denen sich ihre Träger an Pfingsten in Leipzig zeigen. Was sie verbindet, ist nicht nur ihre auffallend dunkle Kleidung. Die meisten sind auf der Suche nach einem tieferen Sinn, suchen einen Weg aus der schnelllebigen Spaßgesellschaft unserer Zeit und gehören – abgesehen vom Wave-Gotik-Treffen – eher zu den Außenseitern in ihrem Umfeld.

Während sich in den Menschenmengen der Innenstadt Fotografen um die besten Bilder reißen und Gothics die ihnen gewidmete Aufmerksamkeit sichtbar genießen, setzt die Ruhe der gotischen Peterskirche einen Kontrapunkt. Hier sollen die schwarzen Gestalten in sich gehen können. Ordner wachen penibel darauf, dass Fotografen nur bei  vorher schriftlich eingeholter Genehmigung die mächtige Kirche betreten.

"Deine Trauer soll ein Ende haben"

Auch wenn es eigentlich ein kleines Jubiläum ist, dreht sich alles nur um die Ankömmlinge. Zum zehnten Mal scheut der Freundeskreis „Gothic Christ“ keine Mühen, in den Gemäuern der Peterskirche stilvoll düster eine Atmosphäre zu schaffen, welche Anhänger der Szene fast magisch in ihren Bann zieht. Grablichter säumen Empore und Altar, Blumen ragen aus tönernen Gefäßen. Prächtig geschmückt sitzen dunkle Gottesdienstbesucher in den Stuhlreihen, als ob sie selbst Teil der Dekoration wären.

Zweimal kann die Veranstaltung „Rabe und Kreuz“ besucht werden, die Kirche ist bis Mitternacht geöffnet und wird am späteren Abend noch mit christlicher Live-Musik aus der Szene Besucher anlocken. Die ortsansässige Kirchengemeinde ist über den regen Anklang, den der Gottesdienst findet, scheinbar selbst überrascht und begeistert. So lud sie nach der letztjährigen Veranstaltung offiziell wieder in ihr Gotteshaus ein.

Poetisch und doch klar hallt die Botschaft von vorne. „Die Predigt ist kein Plädoyer für Depression und Niedergeschlagenheit.“ Jedoch könne eine „gesunde Traurigkeit Zugang zu einem Alltag sein, in dem das Mystische und Geheimnisvolle wieder eine Rolle spielt“. Immer wieder gibt das Duo „Lambda“ zwischen der vorgetragenen Botschaft Möglichkeit, das Gehörte beim Lauschen ihrer Klänge, welche nicht so recht in diese Welt zu passen scheinen, in sich dringen zu lassen. Am Ende steht ein Vers aus dem 20. Kapitel des Propheten Jesaja, welchen die Besucher an einem Band um eine Kerze auch mit nach Hause nehmen können: „Deine Sonne wird nicht mehr untergehen und dein Mond nicht den Schein verlieren; denn der Herr wird dein ewiges Licht sein und die Tage deiner Trauer sollen ein Ende haben.“ Gothic und Christ sein, kann man das überhaupt?

Weinen erlaubt

Karin, eine aus Brandenburg angereiste WGT- und Gottesdienstbesucherin, erzählt im Gespräch mit pro, warum sie sich auch nach ihrer Bekehrung der Szene zugehörig fühlt. Gothics seien oft viel offener und gefühlvoller. „Man darf auch mal weinen“, weiß sie. Als Kind erlebte sie Mobbing, ihr Vater war alkoholkrank. Schon früh war ihr bewusst, dass es einen Gott gibt. Geflohen ist sie trotzdem lange Zeit vor ihm, bis sie ihr Leben in einem christlichen Chat Jesus übergab. Die Szene fungiere wie eine große Familie, man könne am WGT kaum durch die Straßen gehen, ohne jemanden Bekanntes zu treffen.

Franz Steinert gibt sich zufrieden. Der Familienvater ist seit 2006 dabei, schon im darauffolgenden Jahr übernimmt er die Leitung und Moderation von „Gothic Christ“. Seine „heiße Phase“ in der Szene als Mitglied einer Gothic-Metal-Band ist bereits Vergangenheit, er bezeichnet sich selbst als „Sympathisant“. Ansporn geben ihm Rückmeldungen der Besucher. „Es kam auch schon vor, dass Leute für sich beten ließen“. Gläubige Gothics kommen auch, weil sie sich verstanden fühlen und Austausch suchen. Steinert freut sich, wenn er Kontakte herstellen kann. Die Vision für die nächsten zehn Jahre? „Wir machen auf jeden Fall weiter. Mal sehen, was Gott noch so vor hat“, meint Steinert. (pro)

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