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“Gott war auf unserer Seite”

Weil er sich gegen den den militärischen "Wehr-Unterricht" stark machte, saß der Pfarrer Matthias Storck 14 Monate im DDR-Gefängnis, bevor er durch die Bundesregierung freigekauft wurde. Er und seine Frau Christine haben ihr Leben der Erinnerung an das Unrecht der SED gewidmet. Dafür wurden sie am Donnerstag anlässlich des Tages der Deutschen Einheit mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Im Vorfeld sprach Storck mit pro darüber, warum Glaube und Widerstand Hand in Hand gehen und was ihn mit Joachim Gauck verbindet.

Von PRO

Foto: Brunnen Verlag

pro: Herr Storck, Sie haben sich Ihr Leben lang für Versöhnung zwischen Ost und West eingesetzt und nun ehrt Sie der Bundespräsident persönlich mit einem Bundesverdienstkreuz. War das überfällig?

Matthias Storck: Ich habe es immer für das Selbstverständlichste gehalten, anderen meine Lebensgeschichte zu erzählen. Meine Frau und ich haben in der ehemaligen DDR im Gefängnis gesessen – nur weil wir uns in unsere eigenen Angelegenheiten eingemischt haben, weil wir unzufrieden mit den Verhältnissen waren und etwas dagegen getan haben. Wir wollten den Menschen erklären, in was für einer Welt wir gelebt haben. Das tun wir bis heute in Schulen, und ich habe Bücher und Artikel geschrieben. Viele wissen nicht mehr, was Diktatur überhaupt ist. Das allein sagt so viel über die wunderbare Freiheit in dieser Bundesrepublik aus. Die Deutsche Einheit ist ein Geschenk. Das müssen wir den Menschen mitteilen.

Das Bundesverdienstkreuz erhalten Sie von Joachim Gauck, mit dem Sie einiges verbindet. Sie waren beide DDR-Bürgerrechtler, sind Pastoren und auch langjährige Bekannte…

Ich habe ihn vor vielen Jahren kennengelernt. Damals war ich im Deutschlandfunk zu hören, er hat daraufhin angerufen. Seitdem verbindet uns eine Freundschaft. Noch kurz bevor er die Nachricht erhielt, dass er Bundespräsident werden sollte, hat er uns besucht. Ihn hat unsere Lebensgeschichte sehr erschüttert und uns verbindet, dass der Glaube unserem Leben die Form gibt.

Sind gläubige Menschen die vehementeren Bürgerrechtler?

Ich würde sagen: Sie müssen vehement sein. Das liegt im Glauben selbst begründet. Wir Protestanten verdanken unseren Namen schließlich einer Protestation in Speyer mit dem Tenor: "Wir stehen für uns selbst ein!" Freiheit und Verantwortung gehen zusammen, und jemand wie Joachim Gauck zieht dieses Wissen aus seinem Glauben. Natürlich kann auch ein Wolf Biermann, der ja kein gläubiger Mensch ist, zu einem solchen Schluss kommen. Aber er weiß auch: Wir leben in der Kultur des christlichen Abendlandes wie die Fische im Wasser. Die Wurzeln der Humanität ziehen ihre Nahrung aus dem christlichen Glauben. Meine Überzeugung ist: Die Widerstände im Osten waren erfolgreicher, wenn sie vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens geschahen, schließlich hatten wir einen tollen Verbündeten – den lieben Gott! Der Glaube hat die Menschen stark gemacht.

Wie hat Ihnen Ihr Glaube in der Zeit im DDR-Gefängnis geholfen?

Ich sehe die Handschrift des lieben Gottes an ganz vielen Stellen. Zum Beispiel haben wir mitten in der Zelle mit Kaffee und Kuchen Abendmahl gefeiert. Man hatte uns ein reguläres Abendmahl verboten, also haben wir über dem, was wir hatten, die Einsetzungsworte gesprochen. Tiefgründiger kann ein Abendmahl nicht sein als dort, in einer Zelle, mit Kaffee und Kuchen. Doch es gab auch Verrat, und darüber habe ich im Laufe meines Lebens viel gelernt. Ein Pfarrer wollte uns zum Beispiel in eine Falle locken, indem er uns zu einer Flucht anstachelte. Er war ein Agent der Stasi. Ein weiterer Pfarrer besuchte mich im Gefängnis, führte seelsorgerliche Gespräche mit Gefangenen und fertigte Protokolle davon an. Das ist so grauenvoll. Auch mein eigener Vater ist schwach geworden. Nur durch meinen Glauben konnte ich barmherzig sein und lernen: Wenn man in einer Diktatur nicht zum Verräter wird, ist das in den seltensten Fällen eine Charakterfrage. Meistens ist es einfach göttliche Gnade, die uns nicht in Situationen kommen lässt, in denen wir versucht sind, andere zu verraten.

Hat sie das an der Kirche zweifeln lassen? Immerhin waren es Geistliche, die Sie verraten haben…

Es hat mich aus der Bahn geworfen. Ich hatte irgendwann das Gefühl, überhaupt keinen Talar mehr tragen zu wollen. Ich habe dann eine Pause eingelegt. Verrat kann aus Schwäche geschehen, etwa im Falle eines Mitgefangenen von mir. Dem sagten Sie damals, er könne nach einem, statt nach sieben Jahren aus dem Gefängnis kommen, wenn er mich bespitzele. Ich bin heute froh, dass er es getan hat, hätte dieser damals 19-Jährige seine volle Haftstrafe abgesessen, er wäre zum Wrack geworden. Doch Verrat kann auch geschehen, weil Menschen Orden dafür erhalten, wie im Falle vieler anderer Spitzel. In der DDR sind Menschen dafür ausgezeichnet worden, dass sie die Geheimnisse anderer ausplauderten. Nun bekomme ich eine Auszeichnung dafür, dass ich von diesen Dingen erzähle.

Sie haben schon erzählt, wie Ihr Glaube Ihren Widerstand geprägt hat. Wie hat denn Ihr Widerstand Ihren Glauben geprägt?

Ich wäre ohne die DDR heute ein andere Christ. Die Vorstellung, in der DDR Pfarrer zu werden, war damit verbunden, diesen Staat menschlicher machen zu wollen. Nicht umsonst standen Pfarrer wie Joachim Gauck beim Widerstand in der ersten Reihe. Im Westen dachte ich dann: Hier brauche ich nicht Pfarrer zu sein, die Gesunden brauchen keinen Arzt. Doch dann habe ich verstanden, dass die Menschen erfahren müssen, dass nichts von dem, was sie hier glauben und tun dürfen, selbstverständlich ist. Das hat also meinen Dienst geprägt. Das erzähle ich zum Beispiel meinen Konfirmanden.

Herr Storck, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Anna Lutz.

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