Das christliche Medienmagazin

Gott macht glücklich und andere fromme Lügen

Der ARD-Hauptstadtkorrespondent Markus Spieker redet Klartext. In seinem neuen Buch „Gott macht glücklich und andere fromme Lügen“ findet der Journalist deutliche Worte für den Zustand vieler Gemeinden, die falsche Vermittlung des christlichen Glaubens und darüber, welche Mythen ihn sonst noch stören. Eine Rezension von Johannes Weil.
Von PRO

Foto: pro

Die Kirche definiert Spieker als weltweite Gemeinschaft der Gläubigen und hält sie für die beste Kulturschöpfung. Leider gelinge den Christen oft keine geistliche Erneuerung, sondern das spirituelle Siechtum schreite voran. In anderen – von Spieker bereisten – Ländern bezahlten Christen einen viel höheren Preis für ihren Glauben.

Kein Joint Venture mit Jesus

Die USA sind aus seiner Sicht ein ideales Betätigungsfeld für viele „Trash-Theologen“, wo das eigene Sendungsbewusstsein die Überzeugungskraft falscher Doktrinen steigert. Auch Christen würden sich häufig lieber für die schmackhafte Lüge als für die bittere Wahrheit entscheiden. Wissenschaftliche Studien sähen sogar das jugendlich-naive Christentum auf dem Vormarsch. Weil sich Gott durch Geschichten offenbart habe und nicht durch Regeln und Versprechungen, basiere Theologie aber nicht auf der Grundlage einzelner Verse, sondern sei innerhalb des Kontexts zu verstehen. Auch Christen mit tiefem Glauben erlebten Leid, „weil die Gemeinschaft mit Jesus kein flottes Joint Venture, sondern ebenso Liebesbeziehung wie Leidensgemeinschaft ist“.

Gott erhöre zwar Gebete, aber nicht so, „wie wir es wollen, sondern so, wie wir es brauchen“. Ratschläge aus der pop-psychologischen Mottenkiste verwirrten da nur. Zu einem erwachsenen Glauben gehört für Spieker die Einsicht, dass „für das Leben auf dieser Welt nicht Sicherheit, Macht und Genussbefriedigung, sondern Glaube, Liebe und Hoffnung“ versprochen werden.

Familienpapier „hanebüchener Stuss“

Spieker kritisiert den Mythos, dass Gott aus Menschen Prominente macht. Die Luft an der Spitze sei für Christen dünn oder ihr Stern verglühe schnell. Politiker, die sich zu Jesus bekennen, ihre Politik aber nicht danach ausrichten, hätten es schwer. Der Soziologe Robert Putnam begründet den schwindenden Einfluss der Frommen damit, dass sie an vielen Fronten zu hart gekämpft hätten. Die Sonderkompetenz von Christen liege aber nicht im Kämpfen, sondern im Verbinden von Verletzten. Die Christenheit brauche wieder Persönlichkeiten vom Schlage eines Dietrich Bonhoeffers oder des Propheten Jeremia. Markus Spieker sieht eine „nachlassende Wirkung der spirituellen Vitaminspritzen“ aus Amerika. Viele Amerikaner seien beseelt vom Glauben an die eigene Einzigartigkeit, wenn aber Fernsehprediger wie Pat Robertson das Erdbeben in Haiti als göttliche Strafe interpretierten, richteten sie damit mehr Unheil an als Mode-Atheisten wie Hitchens und Dawkins.

In Deutschland vermisst Spieker die Reformfähigkeit der Kirchen. Der Sohn eines Pfarrers konstatiert träge kirchliche Behörden. Den Bischöfen wirft er vor, dem nachzulaufen, „was in den Feuilletons der Zeitungen als fortschrittlich und emanzipatorisch gefeiert wird“. Das Familienpapier der EKD hält er für „hanebüchenen Stuss“, dem jedes Bewusstsein für die Wirklichkeit des allmächtigen Gottes fehle. Während Bücher über Willensstärke und Disziplin auf den Bestsellerlisten ganz oben stünden, verramschten „Kirchenführer und ihre Hof-Theologen die letzten Prinzipien“. Spieker wünscht sich eine „starke, geeinte und vor allem institutionalisierte Bekenntnisbewegung, die beim trägen Volkskirche-Behemoth den nötigen Veränderungsdruck erzeugt“. Das Internet biete eine Infrastruktur dazu.

Absage an den Ich-Jetzt-Alles-Zeitgeist

Auch das in vielen christlichen Kreisen umstrittene Thema Sexualität spricht  Spieker an. Die Gesellschaft lebe unter dem Dreigestirn Porno, Pille und Promiskuität. Kirche biete kein klares Bild, wie ein verantwortungsvoller Umgang damit aussieht. Das Christsein konterkariere das „Lustprinzip der Masse und den Absolutheitsanspruch des Markts“. Christliche Ethik ziele darauf, die Liebe und die institutionalisierte Form der Liebe zu fördern und stelle eine „heldenhafte Absage an den Ich-Jetzt-Alles-Zeitgeist“ dar. Gerade junge Familien und Kinder wichtig seien für das Wachstum von Gemeinden, allerdings gebe es für Erwachsene in vielen Gemeinden lediglich Hauskreise, wo sie der theologischen Selbstversorgung überlassen werden.

Für Spieker ersetzt der Glauben auch nicht das kritische Denken. Ihn enttäuscht, wie wenig Qualität und Nachhaltigkeit der christliche Medienmarkt produziere. Theologisch sieht er die rote Linie da überschritten, wo die leibliche Auferstehung von Jesus geleugnet wird. Die Bibel ist für ihn das zentrale Offenbarungsmedium des lebendigen Gottes. „Die Haltung, mit der man sich auf die Bibel einlässt, ist entscheidend.“ Er versteht sie „als Gottes Weg, um uns seine erlösende Botschaft zu vermitteln“. Christen müssten die Spannung zwischen dem Jetzt und dem Noch-Nicht aushalten. Spieker wünscht sich, dass sie es vielmehr auskosten und produktiv nutzen: „Unser Platz ist an der Schnittstelle zwischen Himmel und Erde“, meint Spieker.

Begegnung mit Gott in der entgegengesetzten Richtung

Alle echten Propheten hätten erfahren, dass Gott ihnen gerade da begegne, „wo wir nicht sein wollen, nämlich in der zu unseren Wünschen entgegengesetzten Richtung“. Gott nur ins Klein-Klein der Alltagsprobleme hinein zu holen, hält er Spieker für falsch: „Wir Christen haben Grund zu glauben, einen Anlass zu lieben und eine berechtigte Hoffnung.“ Dazu gehörten auch Ansprechpartner, an die man sich bei Glaubenszweifeln wenden könne.

Nach einer kurzweiligen Lektüre hat es Markus Spieker mit seinem Buch geschafft, den Finger in so manche – auch evangelikale – Wunde zu legen. Das Buch enthält viele Denkanstöße, an denen sich auch mancher reiben wird und kann. Aber alle Denkanstöße fasst Spieker gut zusammen, wenn er bilanziert: „Gott beschenkt uns nicht nur. Er erlöst uns. Gott macht mehr als nur glücklich. Er mach heil. In Jesus.“ So wird das Buch zu einer runden Sache. (pro)
Markus Spieker, Gott macht glücklich und andere fromme Lügen, SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5504-5

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