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„Glaube ohne Auferstehung bleibt blutleere Theorie“

Die Evangelische Kirche muss sich ernsthaft mit christlich begründetem Fundamentalismus auseinandersetzen. Zu diesem Ergebnis kommt der Diplom-Physiker Martin Urban, der sich in einen Diskurs mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider begeben hat. Dessen Ergebnis ist das neue Buch „Was kann man heute noch glauben?“. Eine Rezension von Johannes Weil
Von PRO

Foto: Gütersloher Verlagshaus

Urban vermisst sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche, dass es zu wenig um Inhalte gehe. Beide müssten ihre „Lehren ins Licht der heutigen Wissenschaft rücken“, da sie ansonsten Aberglaube verbreiteten. Eine Theologie ohne die historisch-kritische Forschung sei von großer Beliebigkeit geprägt. Die Tendenz zur Gewalt bei Fundamentalisten aller „Offenbarungsreligionen“ erfordere einen kritischen Umgang mit den als „gottgegeben gedeuteten Schriften“.

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider ist nicht davon überzeugt, dass eine „richtige wissenschaftlich abgesicherte und widerspruchsfreie Lehre uns Menschen getrost leben und hoffnungsvoll sterben lässt“. Viel wichtiger seien Erfahrung und Hoffnung. Glaube habe für ihn eine andere Qualität als Wissen. Die Texte der Bibel verstehe er als „Ergebnis einer Mischung von Gotteswort und Menschenwort, von Gottes Geist und Menschengeist“. Die Beziehung zu Gott sei für ihn wie die zu einem geliebten Menschen.

Ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus

Kirchenmitglied Urban vertritt die These, dass der Mensch getrost seinen Erkenntnissen vertrauen dürfe, ohne dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse  zur Ideologie würden: „Wer Lücken im naturwissenschaftlichen Weltbild sucht, macht Gott zum Lückenbüßer.“ Für bemerkenswert hält er Gemeinsamkeiten islamischer und christlicher Fundamentalisten in ihrem unhistorisch-unkritischer Umgang mit ihren Schriften. Die Evangelische Kirche müsse sich deshalb ernsthaft mit dem christlich begründeten Fundamentalismus auseinander setzen.

Für Schneider liegt die Zukunft der Kirchen zuerst im Handeln Gottes und im Wirken des Heiligen Geistes. Dabei komme es auch auf Selbstkritik und Selbstdistanz an. Mit seinem eigenen stückweisen Erkennen verlasse er sich darauf, „dass Gott das Leben und Sterben der Menschen in seiner Hand hält“. Grund allen Handelns bleibe das Evangelium von Jesus Christus, sonst gäbe die Kirche sich selbst auf.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Glauben vereinbaren

Auch der Physiker Urban baut auf Gott als Realität. Er bemühe sich, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mit seinem christlichen Glauben zu vereinbaren. Die Geschichte christlicher Gewalt gegen Unmündige sei vor allem eine Geschichte des christlichen Fundamentalismus. Für ihn steht fest: „Die Kirche darf nicht nur bekennen, sie muss ihr Bekenntnis immer wieder im Licht neuer Erkenntnis neu zu begründen suchen.“ Kirche müsse eine Kirche der Aufklärung und wider jeglichen Fundamentalismus sein. Er persönlich hoffe auf ein Wirken Gottes im Leben des Einzelnen, die eigene Kirche solle den Raum für jede „ernsthafte Auseinandersetzung“ geben.

Die Grundannahme, dass Gott uns in Jesus Christus als „wahrer Gott und wahrer Mensch“ begegnet, ist für Nikolaus Schneider das Fundament des Glaubens. Aus der Tatsache, dass Gott wirklich und den Menschen unbedingt nahe sei, erwachse Hoffnung und Mut im Leben, wie im Sterben: „Ohne Jesu Tod und Auferstehung wäre für mich das Bekenntnis ‘Gottes Lebensmacht ist stärker als alle Todesmächte diese Welt’ im Wortsinn eine ‘blutleere’ Theorie. Wenn sich Kirche von der Kreuzestheologie verabschiedet, dann gibt sie sich selbst auf“, meint Schneider, der vor einem unkritischen Fundamentalismus warnt.

Raus aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit

Urban fühlt sich seiner Kirche weiter – wenn auch kritisch – verbunden. Nur ein aufgeklärter Glaube, der sich selbst immer wieder in Frage stellt, könne in einer Welt voller Aberglaube dem Menschen zum Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit helfen: „Dazu beitragen ist die bleibende Aufgabe der Kirche“. Schneider stimmt ihm zu, dass es nicht zur Gefangenschaft des Denkens kommen darf: „Nur ein vertrauensvoller Glaube, der Gottes Gegenwart mit mit Herz und Verstand wahrzunehmen vermag, hilft Menschen zuversichtlich zu leben und getrost zu sterben. Dazu beizutragen ist für mich die bleibende Aufgabe der Kirche.“ Sowohl die Zukunft der Kirche, der Welt als auch des Lebens liege in Gottes Hand.

Der Leser muss die wissenschaftliche Disputation mögen, um sich in dem Buch zurechtzufinden. Trotz mancher komplexer Passagen geben die beiden Autoren wichtige Impulse und Gedankenanstöße für den eigenen Glauben und für die Zukunft der Kirche. Das Buch enthält zudem noch ein Glossar, in dem Martin Urban noch die wichtigsten Begriffe des Buches ausführlicher erklärt. (pro)

Was kann man heute noch Glauben? Ein Disput, Nikolaus Schneider / Martin Urban mi Cartoons von Oswald Huber, Gütersloher Verlagshaus, ISBN 9-783579-085012, 144 Seiten, 16,99 Euro.

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