Glaube: Motor oder Bremsklotz

Verhindern Wohlstand und Modernität einen ausgeprägten Glauben? Zu diesem Ergebnis könnte man kommen, wenn man die Zahlen des aktuellen Religionsmonitors auswertet. Stark ausgeprägt ist dieser Trend in Europa, aber es gibt auch die Gegenbeispiele USA und Brasilien.
Von PRO

Foto: Gina Sanders / fotolia

Laut der internationale Vergleichsstudie der Bertelsmann-Stiftung gelten nur 77 Prozent der Protestanten als hoch- oder mittelreligiös. Diese Zahl gilt allerdings nur für die evangelischen Großkirchen. Bei Evangelikalen und Pfingstlern liegt dieser Anteil bei 92 Prozent und damit deutlich höher. Welt-Redakteur Matthias Kamann sieht in seiner Analyse eine wachsenden Kluft zwischen Etablierten und freikirchlich Geprägten. Fast 100 Prozent der Muslime sind hoch- oder mittelreligiös, bei den Katholiken liegt der Wert bei rund 86 Prozent.

Auch geographisch gibt es deutliche Unterschiede: Besonders geringe Werte weisen Ostdeutschland (35 Prozent), aber auch das lutherische Schweden (45 Prozent) auf, während der Anteil im katholischen Spanien 75 Prozent und in den USA 94 Prozent beträgt. Dies deckt sich mit der Selbsteinschätzung der Befragten: Als „nicht“ oder „weniger“ religiös bezeichnen sich knapp 70 Prozent der Schweden, in Ostdeutschland sind es 72 Prozent der Befragten. In Westdeutschland liegt der Wert der nicht oder wenig glaubenden Bürger bei 36 Prozent, in den USA bei 31 Prozent.

Glaube als Motor von Modernisierung

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass die höchste Zuwendung zur Religion außerhalb Europas liegt, etwa in Indien, Brasilien oder der Türkei. Klassisches Gegenbeispiel dafür, dass mit der Modernisierung der Glaube nicht schwinde, seien die USA. Für Kamann ist Brasilien ein Beispiel dafür, „dass starker Glaube ein Motor oder Modus von Modernisierung sein kann“. In dem traditionell katholischen Land boomen protestantische Freikirchen. Dies resultiere aus einer Mischung „aus einer gewissen Sicherheit garantierendem Dogmatismus, der starken sozialen Integrationskraft dieser Kirchen und einem hohen Charisma der Geistlichen“.

Erosionsprozesse gibt es auch im Katholizismus. In Spanien ist die Religiosität bei jüngeren Menschen rückläufig. Bei den über 45-Jährigen liege der Wert für eine „hohe“ oder „mittlere“ Religiosität bei mehr als 80 Prozent, bei den unter 29-Jährigen nur bei 57 Prozent. Hier wirke sich „die sozioökonomische Modernisierung von Gesellschaften eher negativ auf die Bedeutung von Religion aus“. Ein ähnliches protestantisches Phänomen gibt es in Südkorea.

Keine bestimmende Rolle in der Politik

Selbst die Befragten in Ländern mit sehr stark ausgeprägter Religiosität wünschten sich nicht mehrheitlich, dass die Religion eine bestimmende Rolle in der Politik erhalten solle. Nur 22 Prozent der türkischen Befragten wollten, dass „führende Vertreter der Religionen auf die Entscheidungen der Regierung Einfluss nehmen“ sollten. Die Werte sind ähnlich gering wie in Deutschland oder Frankreich und noch niedriger als in den USA, wo sich 27 Prozent einen Einfluss von Religionsführern auf die Politik wünschen.

Kamann bilanziert, dass unter bestimmten Bedingungen „harte“ Religiosität durchaus mit bestimmten Formen der Modernisierung zusammengehen könne: „Einem pluralistischen Staatsverständnis jedenfalls scheint tiefer Glaube nicht entgegenzustehen“. Mit ausgelöst hatte die Debatte der Schriftsteller Martin Mosebach. Er hatte 2012 behauptet, dass der Protestantismus fast notwendig zur Schwächung des Glaubens geführt habe. (pro)

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