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Glaube in Deutschland: ein Paradigmenwechsel

Es ist ein Mammut-Werk, das der Münsteraner Historiker Thomas Großbölting vorgelegt hat. In dem Buch „Der verlorene Himmel“ beschreibt er die Entwicklung des Glaubens in Deutschland seit dem Jahr 1945. Neben der Geschichte von Katholiken und Protestanten behandelt er auch die von Juden und Muslimen.
Von PRO

Foto: Vandenhoeck & Ruprecht

In Europa habe sich ein Paradigmenwechsel vollzogen. Das einstige Zentrum der Christenheit sei selbst zum Missionsobjekt geworden. In der ehemaligen DDR wachse mittlerweile die dritte konfessionslose Generation auf. Auch im Westen gebe es weniger Menschen, die „mit Hilfe des Glaubens ein sinnvolles Leben führen“ oder in der Welt den „Willen Gottes erfüllen“ wollen.

Kirchen an den Rand gedrängt?

Zudem besitze Religion in vielerlei Hinsicht nicht mehr dieselbe Bedeutung wie in der Vergangenheit. Es gebe zwar kirchliche Großereignisse, diese wirkten sich aber oft nicht auf den alltäglich gelebten Glauben aus. Daneben trete Religion als Bedrohung auf. Historisch seien zwischen Religion und Gesellschaft geknüpfte Bande gekappt worden. Das Christentum sei als Sinnstifter zu einem Anbieter unter vielen geworden.

Das Kriegsende sorgte auch bei den Kirchen für Desorientierung, war aber mit der Hoffnung verbunden, die Gesellschaft maßgeblich mitzugestalten, führt Großbölting aus. Nach dem Krieg starteten beide Kirchen mit dem Anspruch einer umfassenden Rechristianisierung, die sich vor allem in einer tiefen christlichen Prägung der Gesellschaft ausdrücken sollte. 1952 verließen erstmals mehr Menschen die Kirche als aufgenommen wurden. In moralischen Fragen distanzierten sich immer mehr Angehörige der Religionsgemeinschaften zunächst lautlos, später formal von der Kirche.

Integrationskraft eingebüßt

In der Politik waren die beiden Großkirchen akzeptierte Diskussionspartner, deren Stimme nicht nur respektiert, sondern oftmals auch zur Legitimation eigener Deutungen herangezogen wurde. Vor allem in den 60er- und 70er-Jahren gab es eine rasante und tiefgreifende Phase des Wandels. Immer weniger Menschen besuchten die Gottesdienste und die Kirchen büßten einen großen Teil ihrer Integrationskraft ein.

Vor allem katholische Christen erlebten diese Zeit als Suche nach Orientierung.  Am Beispiel der sich gesellschaftlich wandelnden Normen über Familie, Ehe und Sexualität änderten sich viele Leitbilder. Die „68er“-Protestkultur sorgte dafür, dass katholische und evangelische Studentengemeinden von vormals frommen Organisationen zu stark politisierten Einrichtungen wurden.

„Verheutigung der Kirche“

Zugleich habe diese Entwicklung eine Reihe von Gegenbewegungen ausgelöst. Auch der Informationsdienst der Evangelischen Allianz, idea, wurde in dieser Zeit gegründet. In den Medien bekamen evangelische und katholische Kirche eigene Sendeplätze für Rundfunkgottesdienste. Für Katholiken war in dieser Zeit das Zweite Vatikanische Konzil prägend, das für Papst Johannes XXIII. den Anspruch der „Verheutigung“ der Kirche hatte. Während eine Vielzahl von Theologen und Laien darin einen großen Fortschritt sahen, betrachteten es andere Katholiken mit Skepsis.

Zum festen Bestandteil des Glaubenslebens wurden auch die regelmäßigen Kirchentage. Sie sollten auch ein politisches Signal im geteilten Deutschland sein. Seit den 1990er Jahren sieht der Autor in den „Kirchentagschristen“ einen neuen Typus des religiösen Menschen: „Ebenso aufgeschlossen für soziale Probleme wie für neue Formen der Spiritualität.“ Gestiegen sei in der letzten Generation auch die Zahl konfessionsfreier Menschen. Der Religionssoziologe Gert Pickel sieht darin eher einen Trend als eine Besonderheit.

In weiteren Kapiteln geht Großbölting auf den muslimischen und den jüdischen Glauben ein. Für die 3,5 Millionen Muslime seien stark religiös aufgeladene Konflikte im Gegensatz zu anderen Ländern eine Seltenheit. Die christlichen Kirchen sehen sich durch ihr Selbstverständnis an dieser Stelle trotzdem herausgefordert. Zahlen und Fakten liefert der Autor auch zum jüdisches Glauben. Das Zusammenleben habe sich trotz vieler Irritationen entspannt. Die neureligiösen Bewegungen und die privat gelebte Spiritualität spielen für ihn im Feld der Religionen eine untergeordnete Rolle.

Ein schwieriger Spagat

Spannend ist der Blick des Autors in die ehemalige DDR. Hier fand nach der Wiedervereinigung keine Renaissance des kirchlichen Lebens statt. Im SED-Regime selbst befanden sich Christen in einem schwierigen Spagat zwischen Identitätswahrung und gesellschaftlicher Öffnung. Viele empfanden Kirche als attraktiv, weil sie dort Raum für eine Weltsicht und politische Überzeugungen jenseits der staatlichen Einheitsideologie hatten. Für viele, die im Herbst 1989 in die Kirchen geströmt waren, blieb die christliche Lebenswelt doch fremd.

Die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte sei das soziale Leben von Religion durchtränkt gewesen, nun habe der Himmel als Sinnbild für den Bezug auf eine Transzendenz seine Bedeutung verloren, bilanziert Großbölting. Er erwarte keine Rückkehr zu den früheren Formen. Den Rückgang der traditionellen Strukturen hätten die Menschen durch Bastel- oder Patchwork-Religiosität ersetzt. Religiosität wurde zu einer Option unter mehreren.

Auch die demographische Entwicklung führe zur Auflösung verbliebener volkskirchlicher Strukturen, wobei Großbölting die evangelische Kirche hier etwas besser aufgestellt sieht als die katholische Kirche. Die privilegierte Stellung der beiden Großkirchen könne unter diesen Umständen nicht mehr bestehen bleiben, resümiert der Historiker. Die Unterschiedlichkeit der Bekenntnisse und die wachsende Gruppe der Nichtreligiösen müssten beachtet werden.

Die Religionsgemeinschaften müssten für die Zukunft ein stärkeres Interesse entwickeln, im Dialog mit der Gesellschaft zu bleiben. Der Historiker empfiehlt deswegen einen selbstreflexiven Glauben und ein hohes Maß an Dialogfähigkeit und Offenheit gegenüber der Gesellschaft und anderen Religionen. Dies gebe die Möglichkeit, ein wichtiger Bezugspunkt für die religiösen Bedürfnisse der Menschen zu sein und auch in Zukunft einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt und zur Gestaltung der Gesellschaft zu leisten.

Thomas Großbölting ist seit 2009 Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Thomas Großbölting: "Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945." Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, 320 Seiten, 29,99 Euro. (pro)

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