Ein Panzer erinnert an eine militärische Operation der Armenier 1992 während des Krieges um Bergkarabach. Seit Ende September herrscht dort wieder Krieg.

Ein Panzer erinnert an eine militärische Operation der Armenier 1992 während des Krieges um Bergkarabach. Seit Ende September herrscht dort wieder Krieg.

Armenier fürchten neuen Genozid

Seit fast zwei Wochen herrscht im Südkaukasus Krieg zwischen Bergkarabach und Aserbaidschan. Aserbaidschan beansprucht die international nicht anerkannte, von Armeniern besiedelte Republik als eigenes Territorium. Doch für Armenier ist klar, dass mehr hinter der aktuellen Eskalation steckt: Die älteste christliche Nation fürchtet einen neuen Genozid – unterstützt von der Türkei.

Seit fast zwei Wochen herrscht Krieg zwischen Aserbaidschan und der international nicht anerkannten Republik Bergkarabach im Südkaukasus. Immer wieder war die Region im Südkaukasus umkämpft, seit Armenien und Aserbaidschan 1918 unabhängig von Russland wurden und Stalin Bergkarabach Aserbaidschan als autonome Region innerhalb des Landes zuwies. Bergkarabach erklärte nach dem Ende der Sowjetunion 1991 seine Unabhängigkeit von Aserbaidschan. Im Bergkarabachkrieg Anfang der 90er Jahre mit zehntausenden Toten gewannen die armenischen und bergkarabacher Kräfte die Kontrolle über die Region. Seit dem Ende des Krieges 1994 gilt offiziell ein Waffenstillstand, den Aserbaidschan, Armenien und Bergkarabach unterzeichneten. Doch Aserbaidschan beansprucht das fast ausschließlich von Armeniern besiedelte Gebiet bis heute, während Armenien auf der Unabhängigkeit der Republik besteht und sie unterstützt.

Nun hat Aserbaidschan offenbar den seither größten Angriff auf Bergkarabach gestartet, um das Gebiet zurückzuerobern. Es sind die schwersten Kämpfe seit 1994. Unterstützt wird Aserbaidschan von türkischen Offizieren und syrischen Söldnern, die der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan dorthin schickte. Das betonte Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan in einer Rede an die Nation sowie in Interviews von Bild und Spiegel. Auch die französische Regierung und andere Beobachter gehen davon aus, dass die Türkei aktiv in dem Konflikt mitmischt und dschihadistische Kämpfer einsetzt: „Der neue Aspekt liegt in der militärischen Beteiligung der Türkei, was das Risiko vergrößert, dass daraus ein internationaler Konflikt wird“, zitiert die britische Zeitung Guardian den französischen Außenminister Jean-Yves Le Drian. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete ebenfalls über syrische Söldner, die von türkischen Kräften angeheuert worden seien.

„Das Volk wendet sich an Gott“

Aus Sicht der Armenier geht es deshalb in dem Krieg um mehr als ein Territorium. Sie fürchten einen neuen Genozid. „Sie haben sich selbst das Ziel gesetzt, den Völkermord an den Armeniern zu vollenden“, deutet Paschinjan die Absicht der Gegner und bezieht sich damit auf den Völkermord von 1915. Während des Ersten Weltkriegs wurden über eine Million Armenier im Osmanischen Reich systematisch deportiert und ermordet.

Diesen Bezug stellt auch auch Baru Jambazian her, ein in Deutschland aufgewachsener Armenier, der in Eriwan die christliche Hilfsorganisation Diaconia leitet. „Es geht um das nackte Überleben des armenischen Volkes“, sagt er im Gespräch mit pro. „Das Ziel Erdogans ist mindestens eine ethnische Säuberung, wenn nicht ein Genozid.“ Er verwies dabei auf Äußerungen des türkischen Präsidenten, der solche Ankündigungen gemacht haben soll. Er wolle die panturanische Idee, die Einheit aller Turkvölker verwirklichen und strebe eine Vormachtstellung im islamischen Raum an. Jambazian warnt im Gespräch Europa vor der imperialistischen Politik des türkischen Präsidenten – und vor einer beschwichtigenden Reaktion des Westens.

Armenien und Bergkarabach riefen Ende September die Generalmobilmachung aus – zahlreiche Reservisten und Freiwillige gingen in den Krieg. Sie wollen ihr Land, ihr Volk verteidigen, erklärt Jambazian. Die Armenier würden „wie ein Mann“ zusammenstehen und sich gegenseitig unterstützen, Hilfsgüter für Flüchtlinge aus Bergkarabach sammeln. Durch den Krieg inmitten der Corona-Pandemie drohe zudem eine humanitäre Katastrophe. In den Räumen seiner Gemeinde seien beispielsweise 70 Feldbetten aufgebaut, um Flüchtlingen Unterschlupf zu bieten. „An Mindestabstände und Infektionsschutz ist hier nicht zu denken.“

Seit dem Jahr 301 ist das Christentum Staatsreligion der Armenier, sie gelten daher als das älteste christliche Volk der Welt. Die armenisch-apostolische Kirche, die eigene Sprache, die erfunden wurde, um die Bibel aufschreiben zu können, die christlich geprägte Kultur – all das habe seit Jahrhunderten dabei geholfen, die armenische Identität zu wahren und in allen Wirren der Geschichte als Volk zu überleben. Auch jetzt spiele die Kirche daher eine wichtige Rolle dafür, als Armenier zusammenzuhalten und sich erneut einer existenziellen Bedrohung zu stellen, sagt Jambazian. Den Krieg zu verlieren, sei daher keine Option. „Das Volk wendet sich an Gott“, sagt Jambazian. „Ich bin sicher, dass Gott uns hört.“

Auch die EU sorgt sich

Die Sorge, dass der Konflikt sich über die Region hin ausweiten könnte, teilt der Christliche Hilfsbund im Orient, eine Hilfsorganisation, die Projekte in Armenien wie auch in anderen Ländern des Nahen Ostens unterstützt. Weitere Eskalationen mit der Folge ethnischer Säuberungen seien jederzeit möglich, heißt es in einem Aufruf der Organisation. Besonders problematisch sei die „Positionierung des türkischen Präsidenten Erdogan, der mit seinen Äußerungen eine aserbaidschanische Aggression geradezu befeuert“. Der Hilfsbund fordert die deutsche Regierung auf, das Vorgehen zu verurteilen, und erinnert an die historische Verantwortung durch die deutsche Mitschuld am Völkermord während des Ersten Weltkrieges.

Josep Borrell, Vizepräsident der EU-Kommission und Hoher Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, malte am Mittwoch vor dem Europäischen Parlament ein düsteres Bild: „Die Situation wird wirklich immer schlimmer“, sagte er. Er sei sehr besorgt darüber, dass der türkische Außenminister Aserbaidschan volle Unterstützung zugesagt habe. Zudem habe der Außenminister Aserbaidschans gegenüber Borrell deutlich gemacht, dass sein Land die Kämpfe erst dann beende, wenn Armenien einen Zeitplan akzeptiere, um Bergkarabach zu räumen. International zuständig, um den Konflikt zu moderieren und Verhandlungen zwischen den Parteien zu erwirken, sei die sogenannte Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, betonte er. Federführend sind dabei Frankreich, Russland und die USA. Diese Gruppe wurde bereits 1992 bei einer Konferenz in Minsk eingesetzt, um an einer friedlichen Lösung im Bergkarabach-Konflikt zu arbeiten. Borrell forderte von den Konfliktparteien, die Zivilbevölkerung zu schützen.

Im Rahmen einer Regierungsbefragung vor dem Parlament rief der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) Aserbaidschan dazu auf, einer Waffenruhe zuzustimmen. Armenien habe bereits die Bereitschaft dazu signalisiert. Sollte die Regierung in Baku nicht einlenken, müsse die EU mehr Druck auf sie ausüben, sagte er laut einem Bericht des MDR.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, erklärte auf Facebook, dass er seit dem Kriegsausbruch jeden Tag um Frieden bete. Vor zwei Jahren hatte er die Republik selbst besucht. „Die Menschen, denen ich bei diesem Besuch begegnet bin, haben einen festen Platz in meinem Herzen“, schrieb er. Dem armenischen Patriarchen Karekin II. sowie dem Oberhaupt der deutschen armenischen Christen, Bischof Isakhanyan, habe er in Briefen seine Verbundenheit im Gebet zum Ausdruck gebracht.

Wie der britische Guardian meldete, ist die Hälfte der Bevölkerung Bergkarabachs auf der Flucht. Genaue Zahlen über Opfer gibt es kaum. Berichten zufolge gibt es mehrere Hundert Tote, darunter auch Zivilisten auf beiden Seiten. In Bergkarabach leben rund 140.000 Menschen.

Von: Jonathan Steinert

In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, dass Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan herrscht. Das ist nicht präzise: Der Krieg herrscht zwischen dem von Armenien unterstützten Bergkarabach und Aserbaidschan. Daher haben wir dies korrigiert und Ungenauigkeiten präzisiert.

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