In China wachse das Christentum, und immer mehr Missionare gingen von dort aus in die Welt, berichtet der Theologieprofessor Tobias Brandner in der Neuen Zürcher Zeitung

In China wachse das Christentum, und immer mehr Missionare gingen von dort aus in die Welt, berichtet der Theologieprofessor Tobias Brandner in der Neuen Zürcher Zeitung

Missionar in China: „Auch der Buddhismus wächst, aber das Christentum wächst am stärksten“

In China sei die Repression gegenüber Christen gewachsen, seitdem Xi Jinping 2012 neuer Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas wurde, sagt der Theologieprofessor Tobias Brandner in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung. Gleichzeitig wachse das Christentum, und es seien viele chinesische Missionare in der Welt unterwegs, berichtet Brandner.

Chinesen seien „spirituell heimatlos“, sagt der Theologe Tobias Brandner in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (Dienstagausgabe). Brandner ging 1996 mit der Basler Mission (der heutigen „Mission 21“) nach Hongkong. Er ist als Gefängnisseelsorger tätig und unterrichtet und forscht an der Chinese University of Hong Kong (CUHK) als reformierter Theologieprofessor. Sein neustes Forschungsprojekt befasst sich mit den Missionsbewegungen von Christen aus China. „Autoritäre Gesellschaften führen zu einer gewissen Schizophrenie: Die meisten Chinesen glauben zwar nicht an die Ideologie der Kommunistischen Partei Chinas, aber sie müssen ständig Lippenbekenntnisse ablegen.“

Außerdem führe das enorme wirtschaftliche Wachstum dazu, dass die Menschen der Meinung sind, die Gesellschaft habe Schaden davongetragen. Brandner sieht „eine Entsolidarisierung, einen Verlust von Gemeinschaft und moralischen Zerfall“. All dies sorge dafür, dass die Menschen „spirituell suchend sind, heimatlos“. Brandner weiter: „Auch der Buddhismus wächst, aber das Christentum wächst am stärksten.“

Für das Jahr 2011 schätze das Pew Research Institute, dass es rund zwölf Millionen Katholiken und 58 Millionen Protestanten in China gibt, so Brandner. Inzwischen sei deren Zahl auf 80 Millionen gestiegen, mutmassten Theologen. Seitdem Xi Jinping 2012 neuer Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas wurde, sei die Repression gegen Christen im Land größer geworden, so Brandner.

„Repression erfahren erst Personen, die stark sichtbar sind“, sagt der Missionar. „Auch in China kann der Glaube auf individueller Ebene relativ gut gelebt werden. Aber der Staat beansprucht die letzte Autorität für sich." In China gebe es die staatlich anerkannten sowie die unabhängigen Kirchen. Doch letztere toleriere der Staat nur, solange sie „unter dem Radar bleiben“, sagt Brandner. „Um sich selbst zu schützen, haben sich diese Gemeinden in den Untergrund zurückgezogen.“ Der Staat fürchte nicht zu Unrecht derartige religiöse Bewegungen, denn geschichtlich gesehen hätten Reformbewegungen und Revolutionen häufig eine religiöse Wurzel gehabt. Er selbst habe zuletzt im Jahr 2018 eine Predigt in China halten. „Danach nie mehr. Im August 2019 habe ich das letzte Mal eine Kirche besucht.“

Missionare profitieren von Strukturprogramm der Regierung

Im Ausland jedoch profitierten die chinesischen Christen von der Präsenz chinesischer Firmen und den Geschäftsleuten dort. Dennoch müssten auch sie im Ausland im Verborgenen arbeiten, so Brandner. Der Theologe schätzt die Zahl chinesischer Missionare in der Welt auf 1.000 bis 5.000.

Das Bild von einem Missionar, der aus dem Westen kommt und in die „armen“ Länder geht, sei „absolut überholt“, sagt Brandner. Internationaler religiöser Austausch gehe mittlerweile „in alle Richtungen“. Die Missionare profitierten von den wachsenden Handelsbeziehungen Chinas und der Belt-and-Road-Initiative, ein geostrategisches Vorzeigeprojekt der Regierung, das Infrastruktur aufbauen soll, also Straßen, Zuglinien, Häfen und Pipelines. Für die Missionare seien neben den Landesbewohnern dabei vor allem die chinesischen Arbeiter „interessant“, so Brandner. „Migranten sind für einen religiösen Austausch relativ offen: Sie befinden sich in einem Umbruch, sind entfremdet von ihrem Heimatkontext, offen für neue Lebensentwürfe.“ Allerdings gebe es in muslimischen Ländern Spannungen zwischen den chinesischen Missionare und den Landesbewohnern wegen der Einschränkung der Religionsfreiheit in diesen Ländern. Vor drei Jahren etwa habe vermutlich der Islamische Staat zwei chinesische Missionare in Pakistan umgebracht. „Die chinesische Regierung war schockiert, zu erfahren, dass ihre Landsleute die Belt-and-Road-Initiative zum Missionieren nutzen. Ganz vermeiden, dass so etwas geschieht, kann der chinesische Staat aber nicht. Chinesen im Ausland stehen nämlich nicht vollständig unter der Kontrolle der Regierung.“

Von: Jörn Schumacher

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