Kenneth Bae sprach auf dem Kongress „Christenverfolgung heute“ in Schwäbisch Gmünd

Kenneth Bae sprach auf dem Kongress „Christenverfolgung heute“ in Schwäbisch Gmünd

„Auch in Korea kann die Mauer fallen“

Der koreanisch-amerikanische Missionar Kenneth Bae war zwei Jahre in einem nordkoreanischen Arbeitslager in Haft. Der Vorwurf: Er wolle mit Gebeten die Regierung stürzen. So abwegig findet er das gar nicht, schließlich sei die Berliner Mauer auch durch Gebete gefallen.

pro: Sie wurden 2012 in Nordkorea verhaftet. Was war der Auslöser dafür?

Kenneth Bae: Ich habe zu der Zeit als Missionar in China gearbeitet. Ich konnte Nordkorea auf Einladung eines Freundes besuchen, der in Nordkorea arbeitete. Zum ersten Mal war ich 2010 da. Ich habe dann andere Christen mit ins Land genommen, um in Nordkorea zu beten und Gottesdienste zu feiern. Zwischen 2011 und 2012, also innerhalb eines Jahres, konnte ich 300 Christen aus 17 Ländern nach Nordkorea bringen. Am 3. November 2012 wurde ich verhaftet. Ich hatte einen Fehler gemacht: Ich hatte eine Festplatte dabei, auf der ein westlicher Dokumentarfilm über Nordkorea war. Die Behörden fühten sich von dem Inhalt des Filmes angegriffen, deswegen wurde ich verhaftet. Auf der Festplatte waren aber auch meine Missionsberichte und Newsletter über meine Tätigkeiten in China und Nordkorea.

Waren Sie sich des Risikos bewusst, als Sie nach Nordkorea gegangen sind?

Ich wusste um das Risiko, dass in Nordkorea alles passieren kann. Aber die nordkoreanische Verfassung garantiert Religionsfreiheit, jeder darf zu seinem Gott beten. Das haben wir uns bei den Reisen zu Nutze gemacht. Solange wir unter uns blieben und beteten, war das okay. Es hat auch nie Probleme gegeben deswegen. Aber als ich verhaftet wurde, beschuldigten die Behörden mich, die Regierung mit Gottesdiensten und Gebeten stürzen zu wollen – auch weil ich 300 Menschen ins Land gebracht hatte, um zu beten. Sie haben das Gebet als Waffe gegen sich verstanden. Ich wurde zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt – als erster Amerikaner seit dem Koreakrieg. Ich wurde aber nach zwei Jahren freigelassen.

Hatten Sie auch Kontakt zu Christen in Nordkorea?

Nein. Der Zweck unserer Reisen war es, Menschen nach Nordkorea zu bringen, damit sie das Land sehen und dafür beten. Wir hatten dabei keinen Kontakt zu Christen dort. Aber wir wissen, dass es Untergrundkirchen gibt.

Wie hat die Zeit in Haft Ihren Glauben geprägt?

Jeder Tag war unterschiedlich. Aber ich habe immer unter Schmerzen gelitten. Ich musste sehr hart arbeiten. Ich habe Gott gefragt: „Wie lang wird das Leiden andauern?“ Und Gott hat mir gesagt: „Das Leiden bringt dich weiter, es ist gut für dich.“ Das war nicht die Antwort, die ich gesucht habe. Aber er hat mir gesagt: „Ich bin mit dir, meine Gnade ist ausreichend für dich.“ Diese Worte beschäftigten mich, als ich in Haft war. Durch das Leiden habe ich gelernt, meinen Blick noch stärker auf Gott zu richten und ihm noch mehr zu vertrauen – denn ich hatte ja gar niemanden anderes, dem ich vertrauen konnte. Wenn mein Glaube schwächer wurde und ich die Hoffnung verlor, gab es immer wieder besondere Momente von Gottes Gegenwart, Schutz und Fürsorge, um mich wissen zu lassen, dass er mit mir ist. Insgesamt war es trotz allem eine Zeit, die meinen Glauben gestärkt hat. Auch meine wahre Berufung für die Mission habe ich dadurch neu entdeckt. Ich musste verstehen, dass ich nicht als Gefangener dort war, sondern als Missionar, als jemand, der Gottes Reich verkündet. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis ich das wirklich begriffen habe.

Gab es Situationen im Gefängnis, die Ihnen geholfen haben, so zu denken?

Da gab es verschiedene Situationen. Am dritten Tag meiner Gefangenschaft, als ich Tag und Nacht verhört wurde, zwangen sie mich, den ganzen Tag mitten im Raum zu stehen. Wenn ich mich bewegte, kamen sie herein und schrien mich an. Ich musste stundenlang absolut still stehen. Mein Rücken hat geschmerzt, mein Bein hat wehgetan, ich war müde. Ich war sehr besorgt, habe mir selbst Vorwürfe gemacht und mich gefragt: „Wo ist Gott? Hat er mich verlassen?“ Plötzlich ist meine linke Hand ganz warm geworden. Ich habe meine Handfläche geöffnet und da hat irgendetwas golden geglänzt und die Wärme hat sich im ganzen Arm ausgebreitet. Und da wusste ich: Gott ist ein guter Gott, der gerade ganz nah bei mir ist und für mich sorgt, deshalb brauche ich mich nicht zu fürchten. Der Heilige Geist stand neben mir und hat mich an die Hand genommen. Mir kamen die Worte in den Sinn: „Gott ist mit mir, wer kann gegen mich sein?“ (Römer 8,30).

Eines Tages habe ich mich nach Essen gesehnt – Schokolade, amerikanisches Beef Jerky und so Sachen. Dafür hab ich gebetet. Drei Monate später wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Meine Mutter aus den USA durfte mich später besuchen und brachte genau die Dinge mit, nach denen ich mich so gesehnt hatte. Ich hatte sie nicht angerufen oder irgendjemandem davon erzählt. Das war auch so ein Beispiel, wo ich merkte: Gott sorgt für mich, er ist an meiner Seite. Das hat meine Perspektive auf den geistlichen Dienst und die Mission verändert: Es geht nicht darum, Dinge zu tun und zu erreichen, sondern mit Gott zu leben, in seiner Gegenwart, daran zu glauben, dass wir in Christus alles tun können.

Sie arbeiten unter Flüchtlingen, die aus Nordkorea nach Südkorea kommen. Was berichten die über die Lebensverhältnisse dort?

Als ich in Nordkorea in Haft war, hat mich einer beim Verhör gefragt: „Ich habe schon von Gott gehört, aber nie von Jesus. Wo lebt dieser Jesus – in China oder in Korea?“ Er war in der Hauptstadt geboren, war auf dem College, und hat nie den Namen Jesus gehört. Das ist eine Tatsache, die heute auf 25 Millionen Menschen in Nordkorea zutrifft. Der Name Jesus ist für die meisten Menschen dort kein Allgemeinwissen. Es gibt keine Kirchen, keine Pfarrer, keine Bibel, kein Fernsehen, keien Bücher oder Filme, die von Jesus erzählen. Ich habe hunderte Menschen getroffen, die aus Nord- nach Südkorea gekommen sind. Aber noch niemanden, der bis dahin von Jesus gehört hatte. Allerdings: Als es in den Neunzigerjahren eine Hungersnot gab, verließen viele Menschen Nordkorea Richtung China. Dort hörten einige das erste Mal von Jesus. Manche wurden Christen und gingen später zurück – ob freiwillig oder nicht. Es gibt also heute insgesamt mehr Christen in Nordkorea als je zuvor. Aber man kann nicht einfach herausfinden, wer Christ ist. Denn die Strafe dafür, Christ zu werden, ist der Tod. Die ältere Generation, die über 70 ist, hat vielleicht in ihrer Jugend mal was von Jesus gehört. Aber diejenigen, die 50 Jahre oder jünger sind, haben in Nordkorea praktisch keine Cahnce dazu, etwas von Jesus zu erfahren. Das ist die verzweifelte Situation in Nordkorea. Es ist das Land, in dem Christen am stärksten verfolgt werden.

Seit 2018 haben sich US-Präsident Donald Trump und Diktator Kim Jong-un mehrmals getroffen. Gibt es dadurch Chancen, dass Nordkroea offener wird und sich die Lebensbedingungen für Christen verbessern?

Es war schon ein Lichtblick, dass sich die beiden getroffen haben. Aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Situation in Nordkorea verbessert. Im Gegenteil: Sie wird derzeit eher schlechter.

Gibt es irgendeinen Weg, wie man den Christen in Nordkorea von außen helfen kann?

Um das Evangelium zu hören, müssen die Menschen eigentlich außerhalb von Nordkorea sein. Aber was wir tun ist zum Beispiel Folgendes: Einmal im Monat senden wir Bibeln per Flaschenpost über den Ozean nach Nordkorea. Der Wind bläst sie dorthin. Auf diese Art haben wir bisher rund 2.000 Bibeln verschickt. Aber der beste Weg ist, so viele Menschen wie möglich aus Nordkorea herauszubekommen. Das wird die Mauer in Korea zum Einsturz bringen, so wie es auch in Deustchland 1989 war. Zuvor waren tausende aus der DDR geflohen. Ich denke, so etwas kann sehr bald auch in Nordkorea geschehen. Deshalb helfe ich dabei, dass Menschen aus Nordkorea nach China und nach Südkorea kommen.

Sie haben in diesen Tagen auf einem Kongress für verfolgte Christen gesprochen. Was ist Ihre Botschaft für die Christen in Deutschland?

Ich bitte die Christen in Deutschland, sich an die Menschen in Nordkorea zu erinnern. Denn bevor die Mauer in Deutschland fiel, haben auch Christen rund um die Welt für eine Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland gebetet. Und durch die Kraft des Gebetes ist die Mauer gefallen, Deutschland wurde vereinigt. Das kann auch auf der koreanischen Halbinsel geschehen. Wir sind in Korea seit 70 Jahren geteilt. Menschen in Nord- und Südkorea haben schlimme Schwierigkeiten durchlebt: Familien wurden getrennt und durften sich nicht besuchen. Sie haben in Deutschland ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Christen in Deutschland können beten für Erlösung, für Freiheit, Wiedervereinigung, dass Menschen nicht länger leiden müssen, sondern befreit werden. Gebete können Wunder bewirken und an einem Wunder werden wir auf der koreanischen Halbinsel Gottes Herrlichkeit sehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kenneth Bae wurde 1968 in Südkorea geboren. Mit 16 Jahren kam er in die USA. Er hat die Organisation Nehemiah Global Initiative gegründet und arbeitet selbst am Standort der Organisation in Südkorea. Die Organisation betreibt unter anderem ein Gebetsnetzwerk für Nordkorea und ein Hilfsangebot für Flüchtlinge aus Nordkorea. Auf Einladung der Hilfsaktion Märtyrerkirche war Bae im November in Deutschland und sprach unter anderem beim Kongress „Christenverfolgung heute“ in Schwäbisch Gmünd.

Die Fragen stellte Jonathan Steinert

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