Der „Platz zum Tor des Himmlischen Friedens“, der Eingang zur „Verbotenen Stadt“ in Peking

Der „Platz zum Tor des Himmlischen Friedens“, der Eingang zur „Verbotenen Stadt“ in Peking

Trügerischer himmlischer Frieden

Vor 30 Jahren fand das Massaker auf dem Tian'anmen-Platz in Peking statt. Auch zahlreiche Christen waren unter den Opfern. Wie viele Menschen starben, ist unklar, denn zu dem Massaker zu recherchieren oder Gedenkfeiern abzuhalten, ist in China verboten. Ein Gastbeitrag von Albrecht Kaul, Chinabeauftragter des CVJM

Der Platz des Himmlischen Friedens in Peking (Tian'anmen) hat seinen Namen vom Eingangstor zum Kaiserpalast, der Verbotenen Stadt, und heißt eigentlich: Platz am Tor des Himmlischen Friedens. Mit fast 40 Hektar ist er der größte befestigte Platz der Welt, der schon viele Proteste, aber auch die Gründungsfeier des kommunistischen Chinas am 1. Oktober 1949 erlebt hat. Bis zu eine Million Menschen finden hier Platz ohne zu drängeln. Im Mai 1989 wurde er wieder zum zentralen Platz von Unzufriedenheit, Kritik und Protest. Studenten richteten sich mit Zelten, Versorgungseinrichtungen und einer Druckerei ein, um gegen Misswirtschaft, Korruption und die Allmacht der Partei friedlich zu demonstrieren. Die Staatsregierung drohte mit Gewalt, aber es gab auch Mitglieder des Politbüros, die sich zu Diskussionen unter die Studenten mischten. Arbeiter und Künstler solidarisierten sich mit den Demonstranten, es wurden sogar einzelne Betriebe bestreikt. Der Protest weitete sich auf viele Städte in China aus, es keimte Hoffnung auf Veränderung auf.

Doch die Regierung zog die „Volksbefreiungsarmee“ um die Stadt zusammen und ab dem 19. Mai begann diese Richtung Tian'anmen vorzurücken. Jetzt solidarisierte sich auch die Bevölkerung von Peking mit den Protestierern, errichtete Straßensperren und brennende Barrikaden, sabotierte Armeefahrzeuge und lynchte Soldaten, die auf Passanten geschossen hatten. Ein tragisches Kalkül der Parteiführung war, dass viele Soldaten, die aus dem Hinterland herangebracht wurden, den Pekinger Dialekt nicht sprachen und so nicht mit der Bevölkerung diskutieren konnten. Sie waren den Befehlen der Offiziere ausgeliefert. Wahllos wurde auf Passanten, Rotes-Kreuz-Helfer und bereits Verwundete geschossen. In der Nacht vom 3. zum 4. Juni umstellten die Panzer den zentralen Platz. Den Demonstranten wurde an einer Stelle des Platzes freier Abzug versprochen, aber hier wurden sie von der Polizei verhaftet. Circa 500 Studenten blieben, sie wurden mitsamt ihren Zelten, Feldbetten und Fahrrädern niedergewalzt. Die Demokratiebewegung in China war damit im Blut erstickt. Das ganze Land stand unter Schockstarre und die Welt sah tatenlos zu.

Niemand spricht über den „4. Juni“

Es folgte eine gnadenlose Razzia im Land. Tausende wurden verhaftet und zum Teil wegen konterrevolutionärer Umtriebe zum Tode verurteilt. Bis heute ist es nicht möglich – und bei hohen Strafen verboten –, die genaue Zahl der Opfer dieses Massakers zu recherchieren. Die Schätzungen ausländischer Organisationen gehen von 2.000 bis 10.000 Toten aus. In China wagt niemand, Zahlen zu nennen, aber das Trauma sitzt tief. Mahnwachen oder Gedenkfeiern sind verboten. Dennoch haben sich betroffene Eltern im Untergrund zusammengetan, um sich zu trösten und die Hoffnung nicht zu verlieren, dass sie eines Tages erfahren werden, was mit ihren Kindern geschehen ist. Wer als Mitglied dieser „Mütter des Tian'anmen“ bekannt ist, wird regelmäßig vor dem 4. Juni inhaftiert oder unter Hausarrest gestellt, wer Kontakt mit ausländischen Journalisten sucht, bekommt Gefängnis wegen Staatsverleumdung.

Natürlich sind auch Christen unter den Opfern und den Hinterbliebenen. Weil das Massaker aber ein hochpolitisches Thema ist, wollen sie das nicht vermischen. Ihr Glaube hilft und gibt Hoffnung. Sie wissen ihre toten, aber getauften Kinder in Gottes Reich. Doch den Protest in die Kirchen zu tragen, hieße die Gemeinde Gottes einer zu großen Gefahr auszusetzen. Die Religionspolitik des Staates versucht, die christlichen Kirchen verstärkt zu überwachen und ihnen bisher gegebene Freiheiten zu beschränken. Wenn ich mit Chinesen über das Thema „4. Juni“ sprechen will, merke ich sofort eine Barriere. Ich merke eine tiefe Traurigkeit, die bei Opfern von Gewaltverbrechen und Missbrauch zu beobachten ist. Sie wissen aus Erfahrung, jegliche Äußerung darüber, zu wem auch immer, kann dem Pastor seine Lizenz kosten oder dem Gemeindemitglied eine verstärkte Überwachung einbringen. Erst der Zuspruch: „Ich weiß, wie schwierig das für euch ist, aber wir beten für euch“, bringt das Gespräch langsam wieder in Gang.

Heute, nach 30 Jahren, beobachten Chinakenner eine ganz andere Interpretation der Aufarbeitung. Die Zeitung HNA zitiert den Menschenrechtsanwalt Teng Biao: „Wir sind heute weiter von der Demokratie entfernt als 1989.“ Er sieht einen Zusammenhang zwischen der Niederschlagung der Proteste und der Wirtschaftsentwicklung. Sie habe ihr nicht geschadet, sondern ihr genützt, lautet seine These. Keine Demokratie, dafür aber Wohlstand – die Formel mag simpel klingen, doch in der Praxis ist es das, was der Staat beabsichtigt. Den Menschen Wohlstand und einen gewissen persönlichen Reichtum ermöglichen, dann wird das Vertrauen in die Parteiführung wachsen. „Wenn sie uns so viel Gutes tun, dann ist das mit dem 4. Juni damals vielleicht doch richtig gewesen.“ In den Geschichtsbüchern kommt das Ereignis auf dem Tian'anmen nicht vor und wenn sich eine Erwähnung nicht vermeiden lässt, dann wird es als „ein Zwischenfall“ bezeichnet. Aber wer den Käfig vergoldet, kann dennoch die frische Luft der Freiheit nicht aussperren.

„Chinesische Lösung“ wird zum Rettungsanker

Warum mich das Ereignis auf dem riesigen Platz, auf dem ich bereits elf- oder zwölfmal gestanden habe, besonders bewegt, ist die Tatsache, dass in diesem Frühjahr 1989 in meiner Heimat, der damaligen DDR, eine andere Demokratiebewegung im Gange war. Nach den gefälschten Kommunalwahlen am 7. Mai gingen die Menschen auf die Straße, machten ihrer Wut Luft, dass sie bewusst betrogen werden und ließen sich nicht mehr durch Verhaftungen einschüchtern. Umwelt- und Oppositionsgruppen bildeten sich im Schutzraum der Kirchen und viele erklärten durch den Antrag auf Ausreise aus der DDR, dass ihnen dieser Staat nichts, aber auch gar nichts mehr bedeutete. In Ungarn wurden die Grenzbefestigungen nach Österreich abgebaut, in Polen war die erste freie Gewerkschaft entstanden und von Michael Gorbatschow kamen Töne der Entspannung und Veränderung. Im Laufe des Jahres gingen mehr und mehr Menschen auf die Straße.

Besonders in Leipzig wurden aus Friedensgebeten in der Nikolaikirche friedliche Demonstrationen, Massendemonstrationen, die sich niemand in der DDR hatte vorher vorstellen können. Auch in anderen Städten kamen Menschen zu Friedensgebeten und Demonstrationen zusammen. Der Staat wollte den Unwillen der Bürger nicht begreifen, fühlte sich die Führung der DDR doch als humane und einzige Alternative zum imperialistischen, kapitalistischen Westen. Unter den Funktionären und den Protestlern wurde der Begriff „Chinesische Lösung“ zum Rettungsanker, beziehungsweise zum schlimmsten aller Szenarien – Panzer statt Diskussionen. Dass dies die DDR-Regierung als Möglichkeit ansah, zeigte uns damals die Tatsache, dass Egon Krenz (zweiter Mann im Staat) als erster ausländischer Regierungsvertreter das weltweit geächtete Regime in China besuchte. Uns war klar, dass er sich den Bauplan für die Chinesische Lösung geholt hat. In Leipzig war es dann am 9. Oktober soweit, dass die Demonstrationen mit militärischer Macht aufgelöst werden sollte. Dass es zu einem nie dagewesenen Blutbad kommt, war den Demonstranten, aber auch den Sicherheitsbeamten klar. Die Leipziger Volkszeitung hatte am Morgen des 9. Oktober gewarnt, dass „heute mit der Konterrevolution in Leipzig Schluss gemacht wird notfalls mit der Waffe in der Hand“.

Dass es nicht zur Chinesischen Lösung kam, ist für mich ein Wunder unseres Gottes – umso mehr braucht das immer noch gewaltbeherrschte China unsere Solidarität und Fürbitte.

Von: Albrecht Kaul

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