Tausende Kinder werden auf den Philippinen sexuell ausgebeutet - häufig von den eigenen Verwandten (Symbolbild)

Tausende Kinder werden auf den Philippinen sexuell ausgebeutet - häufig von den eigenen Verwandten (Symbolbild)

„Das jüngste Opfer war zwei Monate alt“

Tausende Kinder werden jeden Monat auf den Philippinen von westlichen Sexualstraftätern missbraucht – und zwar via Internet. Evelyn Pingul kämpft mit der christlichen Organisation International Justice Mission (IJM) gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Cybersex in ihrem Heimatland. Sie fordert von der deutschen Politik härtere Strafen für Missbrauch. Die Fragen stellte Anna Lutz

pro: Wie viele Kinder und Jugendliche auf den Philippinen arbeiten derzeit im Cybersex-Geschäft?

Evelyn Pingul: Wir als IJM haben in den vergangenen acht Jahren 450 Kinder gerettet, die Opfer sexueller Ausbeutung durch Cybersex waren. Diese Kinder haben ausländischen Straftätern zum Zweck der sexuellen Befriedigung und gegen Bezahlung Fotos oder Videos von sich zur Verfügung gestellt oder Liveshows im Internet vorgeführt. Die Hälfte der Kinder waren zwölf Jahre oder darunter. Das jüngste Kind, das wir befreit haben, war zwei Monate alt. Betroffen sind natürlich viel mehr, aber es ist schwer, genaue Zahlen zu nennen. Das Justizministerium der Philippinen ging für das Jahr 2016 von rund 40.000 Kindern aus. Die philippinischen Behörden erhalten monatlich circa 3.800 Hinweise auf Cybersexausbeutung, alleine aus den USA. Doch das Geschäft ist global. Die Konsumenten kommen aus den Vereinigten Staaten, Deutschland, Großbritannien, Australien und vielen anderen Ländern. Die Zahlen sind also vermutlich weit höher.

Wie kommt es, dass Kinder – sogar so kleine – in das Sexgeschäft hineingeraten?

73 Prozent der Täter sind Verwandte, Nachbarn oder enge Bekannte der Familien ihrer Opfer. Sie haben direkten Zugang zu den Kindern. Sie vermarkten sie online, um Geld mit ihnen zu verdienen. Normalerweise läuft das so ab: Ein Kontakt aus dem Ausland fragt den philippinischen Zuhälter an, bittet etwa um Fotos eines Kindes oder um einen scheinbar harmlosen Videokontakt, nur zum kurzen Kennenlernen. Nach und nach gehen die Anfragen dann weiter, schließlich geht es dem ausländischen Täter um die Befriedigung sexueller Wünsche. Sie bitten die Kinder dann darum, sich anzufassen oder ihnen alles Mögliche andere vor der Webcam vorzuführen.

Evelyn Pingul lebt auf den Philippinen und war schon bei mehreren Rettungsaktionen für ausgebeutete Kinder dabei

Evelyn Pingul lebt auf den Philippinen und war schon bei mehreren Rettungsaktionen für ausgebeutete Kinder dabei

Das heißt, Eltern tun das ihren eigenen Kindern an?

Es ist schwer zu glauben, aber ja. Ganz oft glauben die Eltern tatsächlich, sie täten nichts Schlimmes. Die Straftäter aus dem Ausland sagen ihnen Dinge wie: „Das Kind soll nur für mich modeln.“ Sie lassen das ganze Geschäft harmlos erscheinen, auch mit der Erklärung, dass der Täter ja gar nicht körperlich anwesend ist, sondern nur übers Internet zugeschaltet. Opfer haben uns erzählt, dass die Wünsche erst nach und nach anzüglicher und drängender wurden. Bis sie an diesen Punkt kommen, haben die Eltern oft schon ein gewisses Vertrauen zu den Sextätern. Außerdem erhalten sie natürlich Geld oder andere Gegenleistungen für die Aufnahmen und Livevideos ihres Kindes.

Sie sagen, die Eltern werden betrogen – aber warum beenden sie die Ausbeutung nicht spätestens dann, wenn der sexuelle Missbrauch beginnt?

Viele sind natürlich arm und in Not. Aber das alleine reicht als Erklärung nicht aus. Millionen von Philippinern sind arm, aber würden ihre Kinder nicht missbrauchen. Ich glaube, es fehlt vielen tatsächlich an einem moralischen Kompass. Sie wollen auf einem einfachen Weg Geld verdienen und sie erkennen nicht, dass diese sexuelle Ausbeutung zu weit geht. Wenn sie erst einmal regelmäßig Geld erhalten, ist es für sie umso schwerer, die Verbindung zu dem Ausländer wieder zu trennen. Schließlich ist es ein sehr einfacher Weg, um viel Geld zu verdienen – und die Eltern müssen nicht einmal mehr arbeiten gehen. Und sie können ihren Kindern etwas zu essen auf den Tisch stellen und sie in die Schule schicken. Es ist natürlich ein Trugschluss, aber viele denken wohl tatsächlich, sie täten ihren Kindern damit etwas Gutes. Wirklich verstehen kann das wohl niemand. Es hat vielleicht auch noch mit dem kolonialen Erbe der Philippinen zu tun. In meiner Heimat herrscht noch immer die Sicht: Wenn ein Ausländer dich unterstützt, dann bist du ihm verpflichtet. Wir können nicht Nein sagen.

Warum ist das Problem der Cybersex-Ausbeutung ausgerechnet auf den Philippinen so groß?

Es geschieht nicht nur bei uns. Aber die Philippinen sind attraktiv für pädophile Ausländer. Wir sprechen Englisch. Wir haben eine gute Netzabdeckung. Finanztransfers sind leicht zu bewerkstelligen. Die Infrastruktur ist gut für Sextäter und zugleich ist die Überwachung unzureichend. Der Missbrauch von Kindern online ist auch bei uns illegal. Leider sind unsere Behörden noch nicht genügend geschult und ausgerüstet, um Onlineverbrechen wirksam zu bekämpfen, die Polizei kann das Gesetz nicht durchsetzen. Zum Beispiel ist es aus verschiedenen Gründen schwer für sie, IP-Adressen zu verfolgen. Wir arbeiten derzeit als Organisation eng mit offiziellen Stellen zusammen, um das zu verbessern. Soweit ich das sehe, sind sie auch sehr engagiert, um den Kindern zu helfen. Aber natürlich geschehen diese Dinge nicht nur in meiner Heimat. Auch in Thailand und anderen Ländern werden Kinder missbraucht.

Wissen die Menschen auf den Philippinen, dass solche Verbrechen mitten unter ihnen geschehen?

Tatsächlich ist es eine unserer Hauptaufgaben, Aufmerksamkeit für dieses Problem auf den Philippinen zu schaffen. Nur wenn die Philippiner selbst aufstehen und gerechte Strafen für die Täter fordern, kann sich wirklich etwas verändern. Wir arbeiten dazu mit anderen Nichtregierungsorganisationen zusammen, aber auch mit Kirchen auf den Philippinen. Am wichtigsten ist es aber, dass die Verbrechen tatsächlich im Inland geahndet werden und die Menschen in meiner Heimat das sehen. Die Täter müssen wissen, dass sie mit ihrem Verbrechen nicht davonkommen.

Was wünschen Sie sich von Deutschland?

Es ist an Deutschland, die Nachfrage nach pädophilem Cybersex aus dem eigenen Land zu stoppen. Auch in der Bundesrepublik muss die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam gemacht werden. Es sollte auch einen Politikwechsel geben. Die Strafen für Sextäter sind zu niedrig. Fünf Jahre Haftstrafe reichen nicht aus. Auf den Philippinen kommt man dafür lebenslang ins Gefängnis.

Frau Pingul, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Anna Lutz

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