In der Old South Church in Boston trafen sich zahlreiche Theologen, um die „Boston Declaration“ der Öffentlichkeit zu präsentieren

In der Old South Church in Boston trafen sich zahlreiche Theologen, um die „Boston Declaration“ der Öffentlichkeit zu präsentieren

„Bostoner Erklärung“ gegen ein Christentum von „weißen Unterdrückern“

Über 300 amerikanische Geistliche haben vergangene Woche eine Erklärung unterzeichnet, in der sie die aktuellen Strömungen des evangelikalen Christentums in Amerika kritisieren. Viele Beobachter vergleichen das Dokument mit der Barmer Theologischen Erklärung von 1934, in der sich Kirchenvertreter gegen die Vereinnahmung der Kirche durch das Nazi-Regime aussprachen.

„Wir sind schockiert von den aktuellen Entwicklungen unter den Evangelikalen und einem Christentum, das vor allem durch weiße Vorherrschaft geleitet wird, und das oft aufgrund einer weißen Privilegierung agiert und Unterdrückung zur Norm macht.“ So heißt es zu Beginn der Erklärung, die am Montag, den 20. November, über 300 Theologen unterschiedlicher amerikanischer Hochschulen unterzeichnet und veröffentlicht haben.

Das Dokument, das den Namen „Boston Declaration“ trägt, wurde anlässlich des Jahrestreffens der „American Academy of Religion and the Society of Biblical Literature“ in der Old South Church in Boston der Öffentlichkeit präsentiert. An der Konferenz nahmen in diesem Jahr rund 10.000 Personen teil. Bei der Pressekonferenz hatten sich die Unterzeichner demonstrativ Säcke umgehängt und die Gesichter mit Asche beschmiert. Sie wollten damit die Notwendigkeit einer Umkehr in der amerikanischen Kirche verdeutlichen. Zu den Unterzeichnern gehören Shane Claiborne, Timothy Scherer und Brian McLaren.

Gegen Hass und Hetze gegen Minderheiten

Jesus habe im Sinne der Ärmsten gepredigt, und nicht nur für privilegierte, weiße Männer aus dem Westen, lautet eine der Kernthesen der „Boston Declaration“. „Als Nachfolger Christi müssen wir aktiv werden, wenn unsere Regierung permanent dem Leben von Menschen schadet, die nach Gottes Bild erschaffen wurden, indem sie soziale Sicherheitsnetze beschneidet und die Ärmsten und Machtlosen unter uns in einen Abgrund der Verzweiflung zwingt. Die Kirche muss handeln, wenn Frauen, Menschen mit dunkler Hautfarbe, verschiedener Herkunft, anderen Religionen, Einwanderer sowie Menschen mit anderem Geschlecht das Ziel von Beleidigungen und Gewalt von höchster offizieller Ebene der Regierung werden.“

Die Unterzeichner sprechen sich zudem gegen die Ansicht aus, dass Frieden durch militärische Stärke erreicht werden könne und dass Gewalt die Grundlage für Freiheit und Sicherheit sei. Sie weisen es zurück, dass Christentum in Amerika mit Weißsein oder gar der amerikanischen Staatsbürgerschaft gleichgesetzt wird. Weiter heißt es: „Wir weisen Islamophobie und anti-muslimischen Fanatismus zurück. Wir weisen Homophobie und Gewalt gegen die LGBTQ-Community zurück.“

Eine der Initiatoren der Erklärung, Pamela Lightsey von der Boston University School of Theology,

merkte an, dass das Evangelium in Kontrast zu dem stehe, was heutzutage in manchen konservativen Kreisen praktiziert werde, sowohl politisch als auch religiös. Sie sagte: „Jesus hat uns gelehrt, unseren Nächsten so zu lieben wie uns selbst. Wir nehmen uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu Herzen. Wir sind hier, weil wir nicht wollen, dass das Christentum von Menschen vereinnahmt wird, welche die Misshandlung von Frauen unterstützen, das Abschotten unserer Nation vor Einwanderern, die in Not sind, und die eine Lüge nach der anderen zur Norm machen.“ Pastor David Wilhite, Professor für Theologie am George W. Truett Theological Seminary an der Baylor University, sagte: „Evangelikal ist eine Kategorie, zu der ich mich nicht mehr zähle. Evangelikale haben das Christentum verdreht.“ Wilhite fuhr fort: „Das evangelikale Christentum ist ein weißes, männliches Christentum geworden. Und dafür müssen wir Buße tun.“

Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer

Pastor Reggie Williams, Professor für Ethik am McCormick Theological Seminary, erklärte, dass sein Herz so wie die Herzen vieler Afro-Amerikaner derzeit betrübt sei. „Dies sind finstere Zeiten, aber sie sind nicht neu. Als ein Schwarzer, der in evangelikalen Institutionen ausgebildet wurde, ist mir ein Christentum vertraut, das seine Geschichte hat mit dem Ignorieren von Personen wie mir, und das dann auch noch theologisch rechtfertigt.“ Er prangerte an, dass Christen heute die Gute Nachricht vor allem den Reichen anbieten. „Die Zeit ist gekommen, wieder dem Jesus zu folgen, der ein armer, jüdischer Prophet war, und dessen Lehre vom Königreich die Inspiration für diese Boston Declaration ist.“

Susan Thistlethwaite, Professorin für Theologie am Chicago Theological Seminary, schrieb in der Huffington Post: „Wenn rechtsgerichtete Radikale in Charlottesville, Virginia, einen Fackelmarsch durchführen und dabei ‚Blut und Boden‘ sowie ‚Juden werden uns nicht ersetzen!‘ rufen, haben wir es mit Nazis zu tun, und denen müssen wir mit dem selben Mut entgegentreten wie jene es getan haben, die die Nazis im Deutschland der 30er Jahre kritisiert haben.“ Thistlethwaite erinnerte an den deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der aus seiner christlichen Überzeugung das Regime Hitlers kritisierte und deswegen mit dem Tode bestraft wurde. Er sei überzeugt gewesen: „Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade.“

Thistlethwaite erklärte: „Billige Gnade bedeutet, dass sie wie Ramsch auf dem Markt verkauft wird. Die Sakramente, die Vergebung der Sünden und der Trost der Religion werden für Tiefpreise verschleudert.“ Bonhoeffer habe schon damals ein Christentum verurteilt, das heutzutage wieder in den USA zutage trete, sagte die Theologin. „Es ist ein Christentum, das Hass hervorbringt, gegen Schwarze, Einwanderer und Menschen anderer Religionen, gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender, gegen Frauen und Mädchen, gegen Arme und die Verletzlichsten unter uns.“ Die Theologin fügte hinzu: „Und warum machen diese sogenannten Christen das? Nicht, weil sie der Lehre Jesu folgen, denn die verlangt das Gegenteil ihrer hasserfüllten Hetze. Nein, sie tun es für Macht und für den politischen Vorteil. Doch Jesus sagte: Liebt einander. Und wir sagen: Amen.“

Von: Jörn Schumacher

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