Wegen des Bürgerkriegs in Syrien sind hunderttausende Menschen auf der Flucht. In Städten wie etwa Aleppo bleibt die Lage gefährlich (Symbolfoto)

Wegen des Bürgerkriegs in Syrien sind hunderttausende Menschen auf der Flucht. In Städten wie etwa Aleppo bleibt die Lage gefährlich (Symbolfoto)

„Ermutigt syrische Christen, nicht nach Europa zu gehen“

Harout Selimian ist Präsident der Armenisch-Evangelischen Kirche in Syrien und Pastor der Bethel-Kirche in Aleppo. Im Interview spricht er über das Leben der Christen in Aleppo und Versöhnung in Syrien.

pro: Pastor Selimian, Sie kommen ursprünglich aus Aleppo. Seit Dezember 2016 ist die Stadt wieder unter Kontrolle der Regierungstruppen. Viele Menschen konnten in ihre Häuser zurückkehren. Wie ist das Leben in Aleppo in diesen Tagen?

Harout Selimian: Ich bin in Aleppo geboren und aufgewachsen. Die Stadt war schon immer mein Zuhause. West-Aleppo wurde seit Beginn des Krieges von der Regierung kontrolliert. Ost-Aleppo war von Rebellen und militanten Gruppen besetzt. Diese kamen oftmals aus dem Ausland. Am 26. Dezember 2016 haben die Regierungstruppen die Stadt vollständig übernommen. Mittlerweiler sind ehemalige Bewohner Ost-Aleppos zurückgekommen. Die Menschen fangen wieder bei Null an. Sie wollen zurückfinden zu ihrem kulturellen und sozialen Leben. Das ist natürlich eine herausfordernde Aufgabe. Während des Krieges gab es schwere Angriffe auf Kirchen – wie auf die Emanuel-Gemeinde der Armenisch-Evangelischen Kirche. Das Dach wurde durch eine Rakete zerstört. Wir sind immer noch dabei, es wiederaufzubauen. Leider blieben auch Schulen nicht von den Angriffen verschont.

Gab es regelmäßige Gottesdienste während des Krieges?

Seit Beginn des Krieges in Aleppo haben wir nicht aufgehört Gottesdienste zu feiern. Die Gläubigen haben immer Wege gefunden sich zu versammeln, obwohl es schwere Raketenangriffe gab. Es wurde trotzdem angebetet und Gott gelobt. Wir glauben, dass Gott die Situation in Syrien fest in seiner liebenden Hand hält.

Wie ist die Sicherheitslage heute? Wie geht der Wiederaufbau voran?

Die Rebellen haben zwar Ost-Aleppo verlassen, aber sie haben Syrien nicht verlassen. Sie sind noch immer im Land. Es ist ein Scheinfrieden. Auf der politischen Ebene gibt es Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und den Rebellen. Momentan ist es so, dass diese relative Sicherheitslage viele Menschen ermutigt zurückzukehren. Viele wollen ihre Häuser und Geschäfte wiederaufbauen. Der Krieg hat so viel Schaden angerichtet. Familien sind auseinandergerissen worden. Manche Menschen kommen nach Aleppo zurück, um ihre Familienangehörigen wiederzufinden. Dass sich die Lage beruhigt hat, gibt Hoffnung, dass Familien wieder zusammenfinden.

Aleppo ist eine multikonfessionelle Stadt. Es gibt dort Griechisch-Orthodoxe Gemeinden, Assyrische Gemeinden, Aramäer und natürlich armenische Protestanten. Insgesamt gibt es elf verschiedene Denominationen. Wie ist das Verhältnis zwischen ihnen?

Während der heftigen Kämpfe haben sich Vertreter der verschiedenen Kirchen regelmäßig zum Gebet getroffen. In den letzten Jahren war das Verhältnis zwischen den Konfessionen harmonisch. Momentan arbeiten die Kirchen daran, Statistiken zu erstellen. Es geht darum, Zahlen zu erheben, um zu erfahren, wie viele Christen tatsächlich noch in Aleppo leben. Wir arbeiten auch an einer Strategie, um Anreize zu schaffen, dass syrische Christen, die in die Diaspora gegangen sind, zurückkehren. Sie werden so dringend gebraucht hier.

Wie hat die Kirche Nächstenliebe während des Krieges praktiziert?

Unser christliches Bekenntnis hat während des Krieges stets durch Nächstenliebe Ausdruck gefunden. Es war mir immer ein Anliegen, dass das, was ich predige, auch in Taten umgesetzt wird. Wir haben unsere Lebensmittelboxen und Hilfsgüter nicht nur an unsere Kirchenmitglieder weitergegeben, sondern auch an Fremde und an unsere muslimischen Nachbarn. So sind Kontakte und Beziehungen entstanden, die es vorher nicht gab. Es sollte von der Kirche her keine Diskriminierung wegen ethnischer oder auch religiöser Zugehörigkeit geben. Die Mission der Kirche in Syrien ist es natürlich, auch anderen Menschen zu helfen – gerade im Krieg. Wenn wir uns nur um unsere eigenen Familienmitglieder kümmern, dann können wir den kirchlichen Dienst gleich beenden. Das Umsetzen der Nächstenliebe Gottes hat uns neue Möglichkeiten gegeben, das Wort Gottes zu verkündigen und den christlichen Glauben unseren Nachbarn vorzuleben.

Wie hat christlicher Glaube dazu beigetragen, Hass und Angst zu überwinden?

Im Grunde gäbe es so viele Geschichten von Christen zu erzählen, die während des Krieges Gottes Beistand erlebt haben. Es kommt mir aber gerade eine Familie in den Sinn. Diese Familie hat durch den Krieg ihre beiden Kinder verloren. Sie hatten einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter war 18 Jahre alt. Sie war sportlich aktiv und eine gute Studentin. In ihrem kurzen Leben konnte sie sogar einige Titel beim Schwimmen ergattern. Auch der jüngere Sohn war ein guter Schüler. Nach dem tragischen Verlust ihrer Kinder haben die Eltern ein weiteres Kind bekommen, und damit gezeigt, dass sie das Leben lieben. Darüber hinaus haben sie sich für Aussöhnung der syrischen Gesellschaft eingesetzt. In einem Gespräch haben sie mir gesagt: „Eigentlich sollten wir mit so vielen Menschen in Feindschaft leben, weil wir durch den Verlust unserer Kinder großes Leid erfahren haben. Wir wollen aber in Aleppo bleiben, um ein Vorbild für Versöhnung zu sein.“ Das ist aber nur eine Geschichte unter vielen.

Was sind Ihrer Meinung nach die Bedürfnisse der Christen in Aleppo jetzt und in der nahen Zukunft?

Da ist erst einmal der psychologische Aspekt. Die Menschen sind durch den Krieg schwer traumatisiert. Wir brauchen Therapeuten, die sich Zeit nehmen für die Menschen in unseren Gemeinden. Die Kinder brauchen dringend therapeutische Hilfe, um die Kriegserinnerungen zu verarbeiten. Es sind mittlerweile mehr als drei Millionen syrische Kinder, die nicht zur Schule gehen. Man kann keine Hoffnung für eine Nation und eine Generation haben, wenn nicht die Bildung gesichert ist. Es wird ein Nachkriegs- Schulsystem in Syrien geben. Auch die Lehrer müssen auf die Arbeit mit den traumatisierten Kindern vorbereitet werden.

Darüber hinaus ist natürlich die Arbeitslosigkeit in Aleppo sehr hoch. Es gibt leider momentan kaum Arbeit. Wenn, dann reicht diese nicht aus, die eigene Familie zu ernähren. Hier sind auch wir als Kirchen gefragt. Es ist nun unsere Aufgabe, Jobmöglichkeiten zu schaffen, um die Menschen zu ermutigen, Aleppo nicht zu verlassen.

Wie sieht es mit der Versorgung aus?

Da ist dann noch der Lebensmittelmangel. Wir haben in Aleppo immer noch das Problem, dass wir nicht genügend Lebensmittel haben. Gemeindemitglieder kommen häufig zu mir und sagen: „Pastor, Sie ermutigen uns in Syrien zu bleiben, aber es mangelt an allem. Wir brauchen Eier, Milch, Kleidung. Unsere Kinder sind schlecht ernährt. Was sollen wir machen?“ Meine Antwort ist dann häufig: „Gott wird uns versorgen. Wir vertrauen Gott und wir als Kirche tun unser Bestmögliches, um euch mit Lebensmitteln zu versorgen.“

Leider ist noch immer das Wasser knapp. Bis auf den heutigen Tag kommt kein Wasser aus den Wasserhähnen in Aleppo. Trinkwasser, aber auch Wasser für die tägliche Hygiene ist mangelhaft. Der Krieg hat viele Menschen nachlässig mit sich selbst werden lassen. Man könnte fast von „Verwahrlosung“ sprechen. Wenn es keinen Arbeitsalltag gibt, dann fragen sich die Menschen: „Warum sollte ich aufstehen? Warum soll ich mich überhaupt waschen? Es gibt ja sowieso nichts zu tun.“ Es ist nicht gut, dass sich die Menschen gehen lassen. Die Kirchen müssen etwas dagegen tun. Deswegen brauchen wir einen konstanten Zugang zu Wasser.

Lukas Reineck mit zwei jungen Pastoren aus Syrien (Jiro Ghazarian/Kessab) und Libanon (Hagob Akbasharian/Anjar). Das Bild ist auf der 71. Kirchenkonferenz der Armenisch-Evangelischen Kirche des Nahen Ostens im Libanon entstanden.

Lukas Reineck mit zwei jungen Pastoren aus Syrien (Jiro Ghazarian/Kessab) und Libanon (Hagob Akbasharian/Anjar). Das Bild ist auf der 71. Kirchenkonferenz der Armenisch-Evangelischen Kirche des Nahen Ostens im Libanon entstanden.

Der syrische Präsident Baschar Al-Assad gilt als Schutzpatron für die Christen in Syrien. Er selbst ist Teil einer muslimischen Minderheit - der Aleviten. Wenn nun der Fall eintritt, dass Assad gestürzt würde, glauben Sie, dass es dann noch eine Zukunft für die Christen in Syrien gibt?

Die Frage müsste hier eigentlich anders gestellt werden. Es ist nicht der syrische Präsident Baschar Al-Assad, der den Christen Schutz bietet, sondern es ist das gesellschaftliche System Syriens, dass die Christen schützt. Viele Menschen in Deutschland werden jetzt überrascht sein, wenn ich sage, dass die muslimische Mehrheit, also die syrischen Sunniten in Kriegszeiten uns Christen brüderlich zu Seite standen. Gerade in Aleppo gibt es ein Band der Solidarität zwischen Sunniten und Christen. Das rührt daher, dass wir in der Vergangenheit gut miteinander gelebt haben. In unserem Selbstverständnis sind wir – syrische sunnitische Muslime und Christen – Brüder der einen Erde, des biblischen Landes Syrien.

Was sind Ihre Träume und Hoffnungen für die kommenden Jahre in Syrien?

Als armenischer Christ hoffe ich natürlich einen Beitrag zum Friedensprozess leisten zu können. Die Christen, die während des Krieges in Syrien geblieben sind, werden in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Sie haben zusammen mit den Muslimen in Aleppo ausgeharrt. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Christen im kommenden innersyrischen Versöhnungsprozess zu ermutigen, an der Versöhnung zwischen den Konfessionen teilzunehmen. Es ist wichtig, mit der Kriegsvergangenheit versöhnt zu sein, um eine Zukunft zu haben.

Was meinen Sie genau mit einer innersyrischen Versöhnung?

Der Versöhnungsprozess ist wesentlich für den Wiederaufbau Syriens. Im Krieg ist so viel Misstrauen zwischen den Menschen entstanden. Dieses Misstrauen wird nicht einfach verschwinden, wenn der Krieg vorüber ist. Aus diesem Grund ist es die Verantwortung der Kirche, Brücken zu bauen zwischen verfeindeten Gruppierungen. Die Vision ist ein Syrien, das demokratischer, offener und integrativer wird. Es sollte ein Syrien werden, das Menschen von Außerhalb willkommen heißt. Das Problem ist, dass viele Menschen hier Vorurteile gegenüber Ausländern haben – was natürlich verständlich ist. Viele Kämpfer, die Syrien zerstörten, kamen von außen. Darum ist es wichtig, dass die Menschen Heilung erleben in ihren Erinnerungen. Auch die kollektive Erinnerung der Syrer an die Tage des Krieges soll geheilt werden. Europäer, Amerikaner sollen in Zukunft willkommen sein in unserem Land. Gerade jetzt brauchen wir Menschen aus Europa und den USA, die ihre helfende Hand ausstrecken. Auswärtige, die uns helfen, Syrien wiederaufzubauen, unsere Institutionen neu zu ordnen und uns unterstützen, wenn es darum geht, in den Alltag zurückzufinden.

Was wollen Sie den Christen, die in Europa leben, sagen?

Meine spontane Antwort ist: „Vielen, vielen Dank!“ Ein großes, wenn man so möchte, „Like“. Während des Krieges fühlten wir uns nie im Stich gelassen. Viele Kirchen und Organisationen haben uns unterstützt – von Anbeginn des Krieges. Wir wurden ermutigt, zu bleiben und damit eine Quelle der Hoffnung zu sein. Bitte betet weiterhin dafür, dass die Christen in Syrien bleiben. Ermutigt Christen, nicht nach Europa zu gehen. Unsere Heimat ist der Nahe Osten, Syrien, Aleppo. Es ist viel wichtiger, die Christen zu ermutigen, im Nahen Osten und hier ein Zeugnis zu sein. Wir sollen mutige Nachfolger Jesu sein – in Syrien!

Vielen Dank für das Gespräch! (pro)

Die Fragen stellte Lukas Reineck

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