Der Kenianer Frederick Gitonga war Leiter der christlichen Studentenvereinigung an der Universität in Garissa. „Open Doors“ hat ihn nach Deutschland eingeladen. Die Organisation unterstützt verfolgte Christen in dem afrikanischen Land.

Der Kenianer Frederick Gitonga war Leiter der christlichen Studentenvereinigung an der Universität in Garissa. „Open Doors“ hat ihn nach Deutschland eingeladen. Die Organisation unterstützt verfolgte Christen in dem afrikanischen Land.

„Die Angst ist da, aber der Glaube steht über allem“

Der Kenianer Frederick Gitonga hat 2015 den Anschlag der Al-Shabaab-Miliz auf die Universität in Garissa erlebt. Damals wurden 148 überwiegend christliche Studenten getötet. Der 23-Jährige berichtet exklusiv in pro, wie er das Attentat überlebte und diese Erfahrung seinen Glauben veränderte. Und er hat eine konkrete Botschaft an die Christen in Europa.

Der Kenianer Frederick Gitonga ist ehemaliger Leiter der christlichen Studentenvereinigung an der Universität in Garissa. Er überlebte den Anschlag am 2. April 2015 auf die Universität, bei der 148 zumeist christliche Studenten von Al Shabaab ermordet wurden. Mittlerweile wurden alle Studenten, die den Anschlag überlebt haben, umgesiedelt.

Im Interview mit pro berichtet der Lehramtsstudent exklusiv von diesen Erlebnissen und wie sie seinen Glauben verändert haben. Er erklärt auch, wie europäische Christen Christen in Kenia helfen können.

pro: Kenia ist ein christliches Land. Rund 80 Prozent der Bevölkerung sind Christen. Wie leben Christen, Muslime und die verschiedenen Stämme zusammen?

Frederick Gitonga: In weiten Teilen des Landes ist das Leben normal. An der Grenze zu Somalia ist die Situation jedoch nicht friedlich. Die Christen sind nicht da, wo sie sein sollten. Manchmal hört man, dass Kirchen angegriffen oder bombardiert wurde. Aber regulär ist das Leben normal, Christen und Muslime leben nebeneinander.

Wie können Christen im Nordosten und der Küstenregion des Landes, wo es immer wieder zu Anschlägen kommt, ihren Glauben leben?

Auch wenn ihre Sicherheit beeinflusst ist, hält sie das nicht davon ab, ihren Glauben zu leben. Sie sind beständig. Die Gemeinden wachsen in den Teilen des Landes. Die Regierung versucht auch, den Christen in der Region Sicherheit zu spenden.

Sie sagen, die Gemeinden in dem Teil des Landes wachsen, andererseits werden sie verfolgt. Bringt die Verfolgung die Christen dazu, zusammenzuhalten und stark zu sein?

Die Verfolgung bringt alle Gläubigen, Pastoren, Kirchenanführer zusammen. Verfolgung gab es auch schon zu Zeiten Jesu. Diese entmutigt Christen nicht, ihren Glauben zu leben.

Aber die verfolgten Christen leben in Angst?

Das ist erwartbar, wenn etwa die Kirche angegriffen wurde. Vielleicht bist du der Pastor oder der Leiter der Kirche, einige Gläubige wurden getötet, dann ist dein Leben nie wieder das Gleiche. Angst ist menschlich. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Die Angst ist da, aber der Glaube steht über allem.

„Gott behält immer noch die Kontrolle.“

Wie geht man damit um, Gottesdienst zu feiern, und im Hinterkopf die Angst zu empfinden?

Nicht nur in der Kirche erleben Christen aufgrund ihres Glaubens Verfolgung, sondern überall, wo sie sich aufhalten: Sie können auch Angst auf der Straße oder zu Hause empfinden. Der beste Weg, um damit umzugehen, ist, daran zu denken: Gott behält immer noch die Kontrolle. Ein Angriff kann auf der Straße passieren, in der Kirche – egal wo Sie sind, Sie sind stets Christ. Denken Sie immer daran: Gott hat das Sagen. Ich kann dadurch gehen, aufgrund meines Vertrauens in Christus. Deswegen muss ich mir keine Sorgen machen. Ich muss auf ihn bauen und ihm fest vertrauen.

Sie überlebten den Anschlag der Al-Shabaab-Miliz auf Ihre Universität in Garissa im April 2015, bei dem 148 überwiegend christliche Studenten getötet worden. Wie haben Sie überlebt?

Als dieser Anschlag passierte, war ich in meinen Wohnheimzimmer in der Universität. Als ich die Schüsse hörte, versuchte ich, aus dem Zimmer zu kommen. Aber als ich realisierte, dass es keinen Weg nach draußen gab, musste ich in meinem Zimmer bleiben. Ich habe mich unter meinem Bett versteckt. Als die Terroristen in mein Zimmer kamen, haben sie mich nicht gefunden – durch Gottes Gnade. So habe ich überlebt.

Was haben die Terroristen in Ihrem Zimmer gemacht und was haben Sie in diesen Minuten empfunden?

Als ich unter dem Bett lag, kamen sie in mein Zimmer, haben ihre Magazine gewechselt, und nach ein paar Minuten haben sie den Raum verlassen. Da wusste ich wirklich: Gott hat mein Leben gerettet. Ich werde heute nicht sterben. Danke, Gott. Ich habe Grund, der Welt die gute Nachricht von Christus weiterzugeben, bevor ich sterbe. Denn ich werde definitiv nicht für immer leben.

Der 23-jährige Frederick Gitonga studiert nicht mehr in Garissa, sondern an einer anderen kenianischen Universität. Es wurden alle Studenten umgesiedelt, die den Anschlag überlebt haben.

Der 23-jährige Frederick Gitonga studiert nicht mehr in Garissa, sondern an einer anderen kenianischen Universität. Es wurden alle Studenten umgesiedelt, die den Anschlag überlebt haben.

Waren mit Ihnen noch andere Leute im Zimmer?

Wir Christen an der Universität in Garissa haben um 5 Uhr ein gemeinsames Morgengebet. Meine Mitbewohner sind bis auf einen meiner Zimmernachbarn zum Gebet gegangen. Als wir die Schüsse hörten, kamen wir beide aus den Zimmern. Mein Kommilitone rannte weg, stieß mit den Terroristen zusammen und wurde erschossen. Die anderen waren beim Gebet. Als die Terroristen kamen, töteten sie sie. Die Terroristen begannen dort mit ihrem Anschlag, wo die Christen an diesem Morgen beteten. Unglücklicherweise habe ich zwei meiner Mitbewohner an diesem Morgen verloren, die beim Beten waren.

Wie kann das Leben nach solch einem Erlebnis weitergehen?

Als Christen sollten wir immer bereit sein, den Herrn zu treffen, weil wir nie wissen, was morgen passiert. Unser Morgen liegt in den Händen Gottes. Die Getöteten waren meine Freunde. An dem Abend vor dem Angriff haben wir gefeiert, zusammen Gott gepriesen, gelacht. Am nächsten Morgen waren sie nicht mehr da. Sie wurden getötet. Es ist eine Frage an mich selbst, ob ich bereit bin, den Herrn zu treffen. Jeder Mensch wird einmal sterben, aber der Menschensohn lebt.

Wenn ich den Herrn treffe, wird er etwas Positives über mich sagen können? Habe ich das Leben gelebt, das Gott von mir erwartet hat? Ich habe einen Befehl erhalten, das Evangelium zu verkünden. Habe ich das Evangelium verbreitet? Deswegen ist es wichtig zu wissen, dass unser Morgen in den Händen Gottes liegt. Wir sollten uns nicht durch die Reichtümer der Welt blenden lassen. Die Technologie, die Bildung sind wichtig, aber sie sollten uns nicht die Erwartungen des Lebens als Christen wegnehmen. Das ist wichtig.

„Mein Wunsch ist es hier in Europa, den Menschen zu sagen, dass sie aufwachen sollen: Der Menschensohn kommt. […] Die gute Nachricht – auch für die Terroristen und den Antichrist – ist: Jesus Christus ist für alle gestorben.“

Denken Sie, dass Gott Sie mit Ihren Erlebnissen benutzt, um das Evangelium zu verbreiten?

Ich habe nicht überlebt, weil ich besser oder besonders bin. Ich hatte keine Magie, um die Terroristen zu verwirren, dass sie mich nicht sehen, als ich unter dem Bett lag. Das gibt die Klarheit zu wissen, dass Gott mich aus einem Grund gerettet hat. Meine Priorität ist, Gott zu bitten, diesen Grund zu leben.

Als ich unter dem Bett lag, betete ich die Worte aus den Psalmen „Ich werde nicht sterben.“ Es ist sehr schwer, zu sagen, dass ich nicht sterben werde, während Sie Menschen sehen, die sterben. Mit dem Glauben an den Herrn, werde ich nicht sterben. Ich werde leben, um die gute Nachricht zu erzählen. Nun bin ich in Europa, um die gute Nachricht des Herrn zu verkünden. Deswegen glaube ich, dass Gott mein Leben gerettet hat.

Mein Wunsch ist es hier in Europa, den Menschen zu sagen, dass sie aufwachen sollen: Der Menschensohn kommt. Wann weiß ich nicht. Aber wir müssen unsere Herzen vorbereiten, den Herrn zu treffen. Wir brauchen uns nichts vorzumachen. Wir sind nicht für immer hier. Wir gehören nicht in diese Welt. Deswegen ist diese Welt gegen uns. Aber die gute Nachricht – auch für die Terroristen und den Antichrist – ist: Jesus Christus ist für alle gestorben. Ich bitte darum, dass sie kommen und den Herrn um Vergebung bitten, ihre Sünden bereuen und Christen werden. Weil Jesus Christus für sie alle gestorben ist.

Sie beten für die Terroristen. Verändert eine Erfahrung, wie Sie sie gemacht haben, den Glauben? Beten Sie anders?

Das ist wahr. Dieses Erlebnis hat mein Leben verändert. Vor diesem Angriff träumte ich davon, ein sehr guter Lehrer [Anm. d. Red.: Gitonga studiert Suaheli und Geschichte], ein Gentleman zu sein. Ich habe früher Gott gedient, habe gebetet, aber heute ist mein Leben nicht mehr dasselbe. Heute sind meine Gebete und Sehnsucht, mein Leben 100-prozentig Christus zu geben. Ihm zu dienen, von seiner guten Nachricht zu sprechen und davon, was Gott tun kann. Mein Wunsch ist es, eine Chance zu bekommen: Wenn ein Terrorist zu mir kommt und sagt: „Frederick, ich habe die Kirche verfolgt und ich möchte meine Sünden bereuen“, dann werde ich nicht sagen, dass ist einer der Männer, die meine Brüder und Schwestern getötet haben. Ich werde einfach für ihn beten und ihm helfen, ein Christ zu werden. Mein Glaube wurde verstärkt, mein Verlangen, dem Herrn zu dienen, ist gestiegen. Deswegen bin ich glücklich, wenn ich vom Evangelium Jesu Christi spreche, das das Evangelium der Wahrheit ist.

Welchen Einfluss hatte der Anschlag auf die Kirche der Universität?

Die Kirche ist aufgewacht. Christen unterschiedlicher Herkunft kamen zusammen und sie versprachen, mit einer Stimme zu sprechen, weil sie wussten und realisiert haben, – Differenzen oder nicht – das Evangelium weit zu tragen. Je mehr wir als Christen gespalten sind, desto mehr bekommt der Feind eine Möglichkeit, uns noch mehr zu trennen. Es brachte die Christen am Campus zusammen. Kirchen aus dem Land und Leiter kamen zusammen.

Ich erinnere mich daran, dass wir einige Konferenzen hatten, zu denen verschiedene Kirchen unterschiedlicher Denominationen zusammenkamen, und versprachen, zu beten und zusammenzuarbeiten. Der Angriff verschreckte die Christen nicht. Er brachte sie näher zusammen. Vielleicht, um ein Licht zu sein. Die Attacke ist eine gute Lehre, damit Christen auf der ganzen Welt sehen, die Denomination ist egal, alle werden gleich verfolgt. Wenn der Feind uns als einen Leib ansieht, sehe ich keinen Grund, dass wir uns als Christen trennen und sagen: Ich bin Katholik, ich bin Protestant, ich bin Freikirchler. Hier geben wir dem Feind eine Chance, die er nicht haben sollte. Lasst uns aufwachen und eine Sprache sprechen!

Mehrere Millionen Menschen teilten bei Twitter den Hashtag #JeSuisCharlie

Mehrere Millionen Menschen teilten bei Twitter den Hashtag #JeSuisCharlie

Im Jahr des Anschlags auf Ihre Universität war auch der Anschlag auf das Satiremagazine Charlie Hebdo in Paris. Die Solidarität in den sozialen Medien, etwa bei Twitter, war für Charlie Hebdo riesig. Millionenfach wurde #JeSuisCharlie geteilt, #JeSuisKenyan nur einige Tausend Mal. Wie sehen Sie es, dass die Solidarität für Anschläge in Europa und in Afrika nicht die gleiche ist?

Das ist wahr, die Wahrnehmung ist so unterschiedlich. Und genau von dort kommt die Notwendigkeit, dass Christen weltweit eine Sprache sprechen: das Wort Christi. Ein Beispiel: Ihr Finger tut weh. Der Finger ist weit weg von den Zehen. Wenn es Verfolgung gibt, muss sich der Schmerz auf der ganzen Welt verbreiten, weil wir ein Leib sind – egal ob das in Amerika oder in Kenia ist. Mein Gebet und mein Ruf ist es, wo auch immer die christliche Kirche ist, lasst uns unsere Brüder und Schwestern ein Anliegen sein. Wenn sie in Schwierigkeiten sind, sollten wir nicht schlafen, wenn sie weinen, sollen wir nicht glücklich sein. Wenn wir so handeln, leben und ehren wir unseren Erretter Jesus. Denn sein Gebet ist es, uns eins zu machen.

Michelle Obama unterstützte die Social-Media-Kampagne #BringBackOurGirls

Michelle Obama unterstützte die Social-Media-Kampagne #BringBackOurGirls

Boko Haram entführte 2014 in Nigeria mehr als 200 Mädchen aus dem Ort Chibok. In den sozialen Netzwerken gab es eine Kampagne mit dem Hashtag #BringBackOurGirls. Denken Sie, dass solche Kampagnen helfen?

Das ist sehr wichtig. Aber ohne ein Handeln erregt dies nur Aufsehen, ohne Auswirkungen zu haben. Der Hashtag #BringBackOurGirls heißt: Bringt unsere Mädchen zurück. Danach sollten wir handeln. Wenn etwa ein Terrorist kommt und Ihr Kind wegnimmt, und Sie treten aus Ihrem Haus und schreien: Bringe mein Kind zurück! Das bringt das Kind nicht zurück. Das bedeutet dem Terroristen nichts, er wird Sie nur als Krachmacher wahrnehmen.

Es ist gut, dass wir zusammengekommen und sagen: Bringt unsere Mädchen zurück. Aber was sollten wir mit dieser Einheit tun, damit wir sicher sein können, dass unsere Mädchen zurückkommen? Und was tun wir, damit andere Mädchen nicht entführt werden? Es ist so, wie es die Bibel sieht: Ein Glaube ohne Handlung ist tot. Die Einheit muss mit einer Stimme sprechen: Bringt unsere Mädchen zurück und dann formulieren, wie das passieren soll. Was tun wir, damit sie nicht wieder entführt werden? Was tun wir, damit andere das nicht auch erleiden müssen? Wenn das in Nigeria passiert ist, was tun wir, damit das nicht in Amerika, in Kenia passiert? Den Worten müssen Taten folgen. Das ist wichtig.

Wir haben so viele gute und einflussreiche Leute in der Regierung. Ich als Bürger habe weniger Einfluss als ein Präsident oder ein Minister. Was tun diejenigen, die Einfluss haben, damit das nicht wieder passiert – und zwar tatsächlich, nicht nur verbal. Ich werde auch dafür beten, aber andere haben die Macht, die Autorität. Warum würden sie nur sagen „Bringt sie zurück“ und dasitzen? Das ist eine Herausforderung.

Wie können Christen in Europa verfolgte Christen in Kenia unterstützen?

Einer der wichtigsten Punkte ist, für diese verfolgten Christen zu beten. Auch wenn Gott diese Last gibt, und eine Kirche niedergebrannt wurde, können Christen in Europa etwas tun, um zumindest die Kirche zurückzubringen, indem sie beten oder Material zur Verfügung stellen wie Bibeln. Oder die Christen zumindest ermutigen, damit sie wissen: Auch wenn wir als Christen in Kenia, in Afrika leiden, denken andere Christen in Europa an uns. Sie beten für uns. So gehen wir den gleichen Weg. Das ist wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Martina Blatt. (pro)

Von: mab

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