Viele irakische Christen sind vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in die kurdische Provinzhauptstadt Erbil geflüchtet. Die Organisation Christan Aid Program Northern Iraq (CAPNI) kümmert sich um sie.

Viele irakische Christen sind vor der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in die kurdische Provinzhauptstadt Erbil geflüchtet. Die Organisation Christan Aid Program Northern Iraq (CAPNI) kümmert sich um sie.

„Betet für uns!“

Pater Emanuel Youkhana kümmert sich als Leiter der assyrisch-christlichen Hilfsorganisation CAPNI im Nordirak um Menschen, die vor der Terrororganiation Islamischer Staat (IS) geflohen sind. Im Interview spricht über das Leben der Christen im Nordirak und darüber welche Hilfe Christen in Europa leisten können.

Pater Emanuel Youkhana: Wie ist die derzeitige Situation im Nordirak?

Die Situation ist sehr herausfordernd. Wir reden hier von einer menschlich verursachten Katastrophe. Das Ende ist nicht in Sicht. Wir können uns vermutlich darauf einigen, wann, wie und warum die Katastrophe begann. Aber wir können nicht sagen, wann und wie es vorbei sein wird. Mittlerweile hält der IS seit zweieinhalb Jahren 40 Prozent des Irak besetzt. Wir sind in einer Phase, in der mit Hilfe der Peschmerga und der irakischen Armee Land befreit und zurückerobert wurde. Militärisch können wir also gegen den IS vorgehen. Aber was ist mit der Ideologie? Wie wird eine Post-IS-Zeit im Irak aussehen? Hier sind sich alle kämpfenden Parteien uneinig. Auch die Anrainerstaaten des Irak wollen die Phase nach dem IS mitgestalten.

pro: Wie hat der Angriff auf Mossul die Situation im Nord-Irak beeinflusst?

Natürlich hat die Situation in Mossul den kurdischen Teil des Irak stark beeinflusst. Mossul ist die zweigrößte Stadt im Irak, die geographisch sehr nahe an der irakisch-kurdischen Region liegt. Da ist einmal die humanitäre Ebene. Es sind tausende Menschen aus Mossul nach Kurdistan geflohen. Hinzu kommt, dass mit dem Flüchtlingsstrom auch IS-Kämpfer nach Kurdistan kommen. Gerade gestern erst haben Peschmerga 50 IS-Anhänger unter den Flüchtlingen identifiziert. Es ist eben auch ein Sicherheitsrisiko. Doch es gab auch positive Effekte. Menschen konnten in Gebiete nahe Mossul zurückkehren. Zum Beispiel sind 450 assyrische Familien nach Telskuf zurückgekehrt. Das ist für uns ein positives Ergebnis aus dem Kampf um Mossul.

Wollen viele der Christen hier in Kurdistan bleiben oder sehen sie ihre Zukunft in Europa und den USA?

Sehr oft wird von dem einen Irak gesprochen. Doch in der Realität gibt es zwei Iraks. Also Kurdistan und den geografischen Teil des Irak, der vom IS und von Bagdad aus regiert wird. Die assyrischen Christen, welche in allen Teilen des Nahen Ostens gelebt haben, sind bei Vertreibung in der Diaspora geblieben. Ich spreche hier von assyrischen Christen in Syrien und dem ehemaligen Osmanischen Reich. Die Ausnahme ist Kurdistan. Als der Irak 2003 kollabierte und das Saddam-Regime abgesetzt wurde, sind viele Assyrer wieder zurück nach Kurdistan gegangen. Es gibt hier Sicherheit für das persönliche Leben, aber leider gibt es keine wirtschaftliche oder politische Sicherheit. Wir haben mehr Fragen als Antworten. Migration setzt sich ja zusammen aus „Pushfactors“ und „Pullfactors“. Unglücklicherweise sind für uns als irakische Christen diese beiden Dimensionen vorhanden. Die „Pushfaktoren“ sind die wirtschaftliche und politische Unsicherheit sowie Diskriminierung und die „Pullfaktoren“ sind unsere Familien, die in großen Teilen in der Diaspora im Westen leben.

Lukas Reineck (rechts) traf Pater Emanuel Youkhana im Nordirak

Lukas Reineck (rechts) traf Pater Emanuel Youkhana im Nordirak

Sie sagen, dass der Nord-Irak ein pluralistisches demokratisches System ist?

Wir hatten eine wirkliche Vielfalt an Ethnien im Irak. Es gab Assyrer, Armenier, Kurden, Araber, Jesiden, Juden und Turkmenen. Darüber hinaus gab es natürlich eine religiöse und konfessionelle Vielfalt. Jede Ethnie hat einen wertvollen Beitrag zum Pluralismus des Irak geleistet. Ich würde sagen, wir sind im Prozess, eine Demokratie werden. Demokratie ist aber eine Ausbildung, die Jahrzehnte braucht. Die nächsten Generationen müssen in einer demokratischen „Umwelt“ aufwachsen, um Demokratie zu verstehen. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind eine junge Demokratie, die noch viel zu lernen hat.

Christen in anderen arabischen Staaten sind traditionell gut ausgebildet. Im Libanon, in Syrien und Jordanien arbeiten viele Christen in akademischen Berufen. Was könnte die politische Rolle der Christen in Kurdistan sein?

Unglücklicherweise wird es aufgrund der Migration der Christen aus dem Irak nicht möglich sein, unsere Demographie wiederherzustellen, aber wir müssen unsere Rolle wiederfinden. Im gesamten Nahen Osten waren die Christen führend in Bildung, im Gesundheitssystem und in zivilgesellschaftlichen Prozessen. Wir als CAPNI wünschen uns zum Beispiel ein christliches Krankenhaus und eine Schule in der Ninive-Ebene. Dadurch können wir Brücken schlagen.

Was meinen Sie damit?

ch meine, wir können dadurch Menschen um uns herum dienen. Die meisten Politiker hier bauen Mauern. Wir können Brücken bauen. All die Botschaften von Hass und Ausgrenzung können ersetzt werden durch Botschaften der Nächstenliebe, des Friedens und der Co-Existenz. Wir als Christen werden jetzt umso mehr gebraucht, weil wir die Brücken sind.

Wie ist das Verhältnis der Christen zum restlichen Teil des Irak?

Hier müssen wir uns erst einmal die geographischen Verhältnisse verdeutlichen. Von den 18 irakischen Provinzen leben in nur drei Provinzen Christen: In der Ninive Ebene, in Dohuk und Erbil. Die meisten Christen leben also mit den Kurden zusammen. In Dohuk und Erbil unter der PDK (Demokratischen Partei Kurdistans) und in der Ninive Ebene unter dem Schutz der Peschmerga. Das heißt für uns, dass wir eine gemeinsame Zukunft mit den Kurden haben. Wir als assyrische Christen haben gute Erfahrungen mit den Kurden gemacht. Es ist uns erlaubt, unsere Häuser wiederaufzubauen. Kurdistan ist eine offene Gesellschaft. Man kann hier sehr einfach konvertieren. Ein Moslem kann Christ werden. Es ist gesetzlich nicht verboten. Diese Freiheiten unterscheiden Kurdistan von den umliegenden Ländern auch vom südlichen Teil des Irak.

Wie ist das wirtschaftliche Verhältnis Kurdistans zu den umliegenden Ländern?

Fast 80 Prozent des wirtschaftlichen Handels findet mit der Türkei statt. Die Türkei ist ein „Big Player“ in Kurdistan. Dieser wirtschaftliche Austausch ist natürlich gut für Kurdistan. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass die Menschen mit der türkischen Politik zufrieden sind. Gerade jetzt vor ein paar Tagen attackierte die türkische Luftwaffe im Norden das Sindschar Gebirge. Hierbei kamen sechs Peschmerga ums Leben. Die Zivilbevölkerung ist davon natürlich auch betroffen. Die inneren Konflikte der Nachbarländer werden nach Kurdistan importiert. Das ist nicht gut.

Vor ein paar Wochen gab es einen Raketenangriff der USA auf die syrische Stadt Idlib. Wie wirkt sich so etwas auf Kurdistan aus?

Der letzte Angriff hat keinen direkten Effekt auf unsere Region gehabt. Der Bürgerkrieg in Syrien jedoch sehr stark. Allein in Dohuk haben wir mehr als 250.000 syrische Flüchtlinge. In ganz Kurdistan sind es mehr als 400.000 aus dem Nordosten Syriens. Das Problem ist, dass die irakische Zentralregierung keine finanzielle Unterstützung nach Kurdistan schickt. Es sind ja nicht nur die Flüchtlinge aus Syrien, die nach Kurdistan kommen, sondern auch die 1,5 Millionen Flüchtlinge aus dem Süd-Irak.

Welche Geschichten wecken Hoffnung?

Es gibt viele wunderbare Geschichten, wie Christen sich unter der IS-Besatzung versteckten und überlebten. Ich denke an Mossul. Dort wurden Christen verfolgt und gefoltert, aber sie haben ihren Glauben nicht verleugnet. Ich finde es wunderbar zu sehen, dass christliche Familien in die chalädische Stadt Batnaya und die assyrische Stadt Telskuf zurückkehren. Auch in die Ninive-Ebene kommen Christen zurück. Viele Christen verloren ihre Familienangehörigen. Doch der Wille zur Vergebung und zur Feindesliebe ist da. In Batnaya erzählte mir eine Familie: „Sie (der IS, Anm. d. Red.) können zwar unsere Häuser zerstören, aber sie werden nicht unseren Glauben erschüttern. Wir werden hierbleiben.“ In Enishke, einem christlichen Ort an der türkischen Grenzen wurden hunderte jesidische Familien aufgenommen. Die Christen haben dort ihr Brot, ihr Wasser und ihre Häuser mit den Familien geteilt. „Wir sehen es als Berufung zu bleiben. Gott hat uns gefragt, seine Zeugen im Irak zu sein. Deswegen wollen wir nicht den Ruf Gottes an uns ablehnen oder verleugnen. Wir wollen hier ein Licht hier sein. Gottes Ruf zu folgen ist, ein Segen“, sagte mir eine Frau vorige Woche nach einem Gottesdienst in Batnaya. Natürlich gibt es auch Familien, die das Leid nicht aushalten und den Nord-Irak verlassen.

Pater Emanuel Youkhana leitet die Hilfsorganisation „Christian Aid Program Northern Iraq“ (CAPNI) in Dohuk im Nordirak

Pater Emanuel Youkhana leitet die Hilfsorganisation „Christian Aid Program Northern Iraq“ (CAPNI) in Dohuk im Nordirak

Die Kirche im Nordirak wird also bleiben? Trotz Verfolgung, Enteignung und Mord?

Das Osterereignis ist für uns nicht nur die Auferstehung am Ostersonntag. Zuerst kommt Karfreitag und dann Ostersonntag. Ostern ist beides – Tod und Auferstehung. Wenn man den Schmerz spürt, dann ist die Freude über das Ende des Leides viel größer. Das ist für mich der Reichtum der verfolgten Kirche im Irak. Es ist die Leidenszeit, aber auch die Hoffnung der Auferstehung und das Ende des Leides. Wahrscheinlich ist ein Leben in Europa sicherer. Der Lebensstandard, die Ausbildung, die Wirtschaft, das Gesundheitssystem sind besser. Aber was ist mit der 2000-jährigen Geschichte der Christen in Mesopotamien? Soll das einfach alles so verschwinden?

Die Kirche hat also eine Zukunft im Irak?

Wenn der IS militärisch besiegt ist, dann geht die Arbeit erst richtig los. Wir müssen die Wurzel bekämpfen. Die Ideologie muss aus den Herzen der Menschen verschwinden. Die Bildungspläne in Schulen müssen wieder geändert werden. Es muss sich auch einiges in der Rechtsprechung ändern. Diskriminierung muss abgebaut werden. Die mediale Hetze gegen Minderheiten muss aufhören. Wenn es hier Veränderung gibt, dann haben Christen, aber auch alle anderen Minderheiten, eine Chance, dauerhaft im Irak zu bleiben.

Was möchten Sie den Christen in Europa sagen?

Betet für uns. Wir sollten nie die Kraft des Gebetes unterschätzen. Die Unterstützung der Christen aus Europa sollte nicht nur materialistisch sein. Wir wünschen uns auch moralische Unterstützung. Ich sage unseren Partnerorganisationen oft: „Vielen Dank, dass ihr uns finanzielle Unterstützung schickt, aber bitte kommt uns auch besuchen und betet mit uns. Wir wollen eine Beziehung mit euch haben.“ Es bedeutet uns sehr viel, Glaubensgeschwister aus dem Westen hier zu empfangen. Wir wollen nicht vergessen werden. Die europäischen Christen sollen sich nicht für ihren Glauben schämen. Sie sollen sich auch nicht für ihre Solidarität mit der verfolgten Kirche schämen. Vermutlich haben wir Unterschiede in unserer Theologie und Liturgie. Doch wir können eins sein im gemeinsamen Handeln.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Lukas Reineck von der Hilfsorganisation Christlicher Hilfsbund im Orient e.V.. (pro)

Von: pro

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