In Ostafrika laufen Millionen Menschen Gefahr, zu verhungern. Dort breitet sich eine extreme Dürre aus.

In Ostafrika laufen Millionen Menschen Gefahr, zu verhungern. Dort breitet sich eine extreme Dürre aus.

„Wir sind am Rande einer Katastrophe“

Die Vereinten Nationen warnen vor der größten humanitären Katastrophe seit ihrer Gründung. Rund 20 Millionen Menschen in Ostafrika drohen zu verhungern. Ein Vertreter der Diakonie Katastrophenhilfe vor Ort hat gegenüber pro erklärt, warum Christen in dieser Situation gefordert sind.

Millionen von Menschen droht in Ostafrika wegen extremer Dürre der Hungertod. Am Freitag warnte der UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien vor dem Weltsicherheitsrat vor der größten humanitären Katastrophe seit der Gründung der Vereinten Nationen. Betroffen sind Somalia, Äthiopien, Kenia, der Südsudan sowie der Jemen auf der Arabischen Halbinsel.

pro hat mit dem Leiter des Regionalbüros der Diakonie Katastrophenhilfe für das Südliche und Östliche Afrika mit Sitz in Nairobi, Clemens von Heimendahl, gesprochen. Er benennt einen gigantischen Hilfsbedarf vor Ort.

pro: Woran liegt es, dass 20 Millionen Menschen zu verhungern drohen?

Clemens von Heimendahl: Das muss man von mehreren Seiten betrachten. Es gibt die Dürre, die sich gerade am Horn von Afrika ausweitet. Das betrifft Somalia, Äthiopien, Kenia. Der klimatische Wandel führt dazu, dass der Wasserspiegel absinkt, dass das Vieh verhungert und verdurstet, weil einfach nichts mehr wächst. Im Südsudan haben hauptsächlich die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den großen Parteien dazu geführt, dass Kleinbauern aufgrund des Konflikts nicht anbauen konnten. Ihre Felder sind von Söldnern zerstört worden oder sie haben kein Geld für Saatgut. Wir sind eigentlich schon fast überfordert, auf all diese Nothilfeherde gleichzeitig zu reagieren und eingreifen zu können. Im Jemen auf der Arabischen Halbinsel ist die Situation wiederum anders. Dieser ist von Bürgerkrieg betroffen.

Wie engagiert sich Ihre Organisation vor Ort?

Wir als Diakonie Katastrophenhilfe sind derzeit am Horn von Afrika und im Südsudan aktiv. Dort machen wir Schulspeisungen für Kinder, damit sie zumindest einmal am Tag vollwertige Nahrung bekommen. Am Horn von Afrika beschäftigen wir uns vor allem damit, der Bevölkerung Zugang zu Wasser zu geben und zu schauen, dass die Menschen nicht verdursten. Insgesamt schaut alles nicht gut aus. Wir sind am Rande einer Katastrophe. Normalerweise gibt es dort jetzt eine kurze Regenzeit. Wenn diese Regenfälle ausbleiben, dann haben wir wirklich eine Katastrophe. Dann werden wir auch viele Leute haben, die daran sterben werden.

Wie konnte es soweit kommen, dass wir am Rande einer Katastrophe sind, wie Sie sagen?

Der Klimawandel, der die Erde erfasst hat, hat seine Auswirkungen. Die sind am stärksten da, wo man die Ärmsten der Armen findet. Die Regen in den vergangenen Jahren sind schon recht schwach gewesen, im vergangenen September und Oktober sind die Regen schließlich komplett ausgeblieben. Dadurch ist der Wasserspiegel abgesunken. Es ist extrem schwierig, Wasser an die Bevölkerung zu bringen. Die Menschen mit ihren Viehherden versuchen in andere Regionen vorzudringen, in denen die Situation noch etwas besser ist. Das fördert wieder Konflikte.

Die Diakonie Katastrophenhilfe ist derzeit unter anderem in Somalia tätig

Die Diakonie Katastrophenhilfe ist derzeit unter anderem in Somalia tätig

Durch einen gesunkenen Wasserspiegel ist die Wasserversorgung der Menschen eingeschränkt

Durch einen gesunkenen Wasserspiegel ist die Wasserversorgung der Menschen eingeschränkt

Tiere sterben, weil kein Wasser zur Verfügung steht

Tiere sterben, weil kein Wasser zur Verfügung steht

Was braucht es da, um vor Ort helfen zu können – nur Geld?

Die meisten Probleme kann man wirklich mit Geld lösen. Und zwar mit Geld, was rechtzeitig und relativ zweckungebunden zur Verfügung gestellt wird. So, dass man auf der einen Seite Löcher stopfen kann, aber auf der anderen Seite langfristige Strategien entwickeln kann, um den Menschen zu helfen. Es gibt verschiedene Arten von einkommensschaffenden Maßnahmen, die der Bevölkerung helfen können. Aber wir sind im Augenblick darauf fokussiert, ein Massensterben zu verhindern. Der Bedarf ist so gigantisch, dass es einfach intensive Solidarität braucht von Menschen, die dafür mit einstehen und dafür etwas geben wollen.

„Wir orientieren uns am Gebot der Nächstenliebe. Wir wissen, wie wir darauf reagieren, wenn wir jemanden sehen, der notleidend ist.“

Ein Beispiel: Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck spenden zusammen der Diakonie Katastrophenhilfe 60.000 Euro. Ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Was können Sie damit ausrichten?

Mit 60.000 Euro können Sie fünf bis sechs Ortschaften mit 4.000 bis 5.000 Menschen über zwei Monate lang mit Wasser versorgen. Ich meine Ortschaften, die nicht an Brunnensysteme angeschlossen sind, sondern außerhalb davon sind. Hierfür benötigen wir LKW, die das Wasser heranschaffen, damit auch das Kleinvieh etwas zu trinken hat. Zusätzlich ist gegebenenfalls ein bisschen Nahrungsmittelhilfe möglich.

Die Masse macht es am Ende aus. Was Sie ansprechen, ist eine Aktion zweier Landeskirchen. Wenn mehrere Landeskirchen etwas geben, können wir mehr tun. Mit mehr können wir auch vermehrt helfen. Aber jede einzelne Spende zählt und hilft, Menschenleben zu retten.

Wer kann noch helfen?

Die Vereinten Nationen sind gefordert, die Kirchen, die Nichtregierungsorganisationen, es sind aber auch die einzelnen Staaten gefordert, die internationale Gemeinschaft genauso wie die Länder, in denen die Menschen leben. Es wird nur in der Kombination zusammen funktionieren. Wir haben verschiedene Koordinationsgremien, in denen wir uns abstimmen, wer macht was, damit wir eine Verdoppelung verhindern. Es ist wirklich ein massives Problem, vor dem wir gerade stehen. Wir können nur an jeden appellieren, etwas zu geben, um zu helfen, die Katastrophe abzuwenden.

Wäre die Katastrophe abwendbar gewesen, wenn man früher eingegriffen hätte?

Bestimmt nicht komplett, aber man hätte es abfedern können, indem man die Haushalte besser darauf vorbereitet hätte.

Warum sind Christen zur Hilfe aufgerufen?

Wir orientieren uns am Gebot der Nächstenliebe. Wir wissen, wie wir darauf reagieren, wenn wir jemanden sehen, der notleidend ist. Zumindest für mich ist das relativ klar. Ich glaube, dass es für jeden, der einen christlichen Hintergrund hat, auch klar ist. Wir tragen alle Schuld am Klimawandel, fahren in Deutschland massenhaft Autos, was die Menschen in den betroffenen Ländern nicht in dem Ausmaß tun. Das hat alles dazu beigetragen. Hier gilt Nächstenliebe und Solidarität, Solidarität zu dem, der schwächer ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Martina Blatt.

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