In der indonesischen Hauptstadtregion Jakarta hat sich der christliche chinesisch-stämmige Gouverneur Basuki Tjahaja Purnama in der ersten Runde der Wahlen für dieses Amt eine relative Mehrheit der Stimmen gesichert

In der indonesischen Hauptstadtregion Jakarta hat sich der christliche chinesisch-stämmige Gouverneur Basuki Tjahaja Purnama in der ersten Runde der Wahlen für dieses Amt eine relative Mehrheit der Stimmen gesichert

Toleranz-Test für Indonesien

Bei den Kommunalwahlen in Indonesien am Mittwoch wurde auch der Gouverneur der Hauptstadt Jakarta gewählt. Nach ersten Ergebnissen liegt der christliche Amtsinhaber vorn. Die Wahl gilt unter Beobachtern als Test für die Toleranz in dem Land mit den meisten Muslimen.

Die Kommunalwahlen in Indonesien am Mittwoch fanden internationale Aufmerksamkeit. Denn zur Wahl stand auch der Gouverneur der Haupstadt Jakarta, in deren Metropolregion etwa 30 Millionen Menschen leben. Wer hier gewinnt, hat gute Chancen auf die Präsidentschaft – über die stimmen die Indonesier 2019 ab. Für viele Beobachter gilt die Gouverneurswahl von Jakarta als Test für die Toleranz in dem Land. Der derzeitige Amtsinhaber Basuki Tjahaja Purnama, genannt Ahok, gehört gleich zwei Minderheiten an: Er ist Christ und er hat chinesische Wurzeln. Er kandidierte wieder, herausgefordert von zwei Kandidaten muslimischen Glaubens.

Indonesien ist das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung. Von insgesamt rund 255 Millionen Einwohnern sind etwa 220 Millionen – 87 Prozent – Muslime, zum größten Teil Sunniten. Neun Prozent der Bevölkerung sind Christen. Religion spielt in der indonesischen Gesellschaft eine sehr große Rolle, der Glaube an Gott ist eines der fünf Prinzipien, auf denen das Land beruht. Dennoch gilt Indonesien als säkularer Staat, der den Anhängern offiziell anerkannter Religionen – Muslimen, Buddhisten, Hinduisten, Konfuzianisten, Katholiken und Protestanten – Religionsfreiheit gewährt.

Doch das Auswärtige Amt wie auch Hilfsorganisationen wie „Amnesty International” oder das christliche Hilfswerk „Open Doors” berichten von Gewalt und Unterdrückung gegenüber religiösen Minderheiten, etwa Ahmadiyyas, Schiiten oder Christen. Laut „Open Doors” stünden vor allem Konvertiten sowie – wegen ihrer missionarischen Tätigkeiten – evangelische Freikirchen unter Druck von Muslimen. Die Mehrheit der Muslime vertrete jedoch in ihrer Glaubenspraxis eine „ausgesprochene Toleranz” gegenüber anderen Religionen, heißt es beim Auswärtigen Amt.

Blasphemie-Vorwurf gegen Gouverneur

Islamistische Bewegungen gewinnen in den vergangenen Jahren an Einfluss in der Gesellschaft. Entscheidend dafür seien unter anderem wahhabistische und salafistische Kräfte aus Saudi-Arabien. Das geht aus einem Länderbericht des katholischen Hilfswerks „missio” hervor. Geldgeber aus Saudi-Arabien finanzierten etwa Moscheen, religiöse Zentren und Bildunsgeinrichtungen und zielten darauf ab, den traditionellen indonesischen Islam von seinen volksreligiösen Elementen zu reinigen. „Diese wachsende Tendenz, sich auf islamische Orthodoxie zu konzentrieren, hat das Zusammenleben zwischen Muslimen und den Angehörigen der anderen Religionen stark verändert und beeinträchtigt”, heißt es weiter.

Auch die Spannungen zwischen radikalen und moderaten Muslimen hätten sich dadurch verschärft und seien von Gewalt begleitet. In manchen Landesteilen Indonesiens gilt die Scharia. Jedoch sei die Mehrheit der Bevölkerung dagegen, diese islamische Rechtsgrundlage landesweit einzuführen.

Der wachsende Einfluss der Radikalen zeigt sich unter anderem daran, dass gegen den derzeitigen Gouverneur Jakartas, den Christen Ahok, derzeit ein Prozess wegen Blasphemie läuft. Angeblich habe er im November in einer Wahlkampfrede den Islam beleidigt. Hardliner wie die Islamistische Verteidigungsfront organisierten seitdem Massenproteste gegen Ahok, zu denen Zehntausende auf die Straße gingen. Die Radikalen machen damit Stimmung, dass nur ein Muslim ein mehrheitlich muslimisches Land führen dürfe.

„Journalisten geben Islamisten zu viel Aufmerksamkeit”

Basilisa Dengen von der Menschenrechtsorganisation „Watch Indonesia” bestätigte auf Anfrage von pro, dass in den vergangenen zehn Jahren intolerante Aktionen gegenüber religiösen Minderheiten zugenommen hätten. Diese Entwicklung würden Politiker im Wahlkampf ausnutzen und Religion somit instrumentalisieren. „Man benutzt das als Mittel im Wahlkampf, um Unterstützung zu bekommen. Die Kandidaten stellen die Wahl als Sache der Religion dar. Es ist aber ein sehr politischer Kampf", sagte sie. Im öffentlichen Diskurs werde gezielt versucht, über die Religion zu polarisieren. „Man sieht es immer als Kampf zwischen Minderheit und Mehrheit, statt als Kampf um Gleichberechtigung."

Dafür macht Dengen auch die Medien verantwortlich. So seien zwar fundamentalistische Strömungen des Islam tatsächlich zunehmend stärker geworden. Aber die Journalisten hätten auch selbst dazu beigetragen, indem sie ihnen mit sensationsheischenden Nachrichten besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätten, statt sie zu boykottieren. Für Dengen ist daher die Gouverneurswahl in Jakarta vor allem ein Signal dafür, wie sich die indonesische Gesellschaft in Sachen Toleranz insgesamt entwickelt.

Nach ersten Ergebnissen liegt Ahok mit rund 42 Prozent der Stimmen vorn, offiziell wird der Wahlausgang wohl erst Ende des Monats bekanntgegeben. Mitte April steht dann womöglich eine Stichwahl an. (pro)

Von: jst

In einer früheren Version des Artikels hieß es, Ahok sei katholisch. Diesen Zusatz haben wir entfernt, da uns widersprüchliche Informationen dazu vorlagen.

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