„Für den IS sind die Menschen nichts weiter als Schafe, die in die Unterdrückung gezwungen werden müssen“, sagt Spiegel-Autor Christoph Reuter
„Für den IS sind die Menschen nichts weiter als Schafe, die in die Unterdrückung gezwungen werden müssen“, sagt Spiegel-Autor Christoph Reuter
Christoph Reuter recherchiert sei Jahren über den Islamischen Staat
Christoph Reuter recherchiert sei Jahren über den Islamischen Staat

Islamisten planen „Stasi-Kalifat“

Seit vier Jahren recherchiert Spiegel-Autor Christoph Reuter die geheimen Pläne des Islamischen Staats (IS). Er hat herausgefunden: Die Terroristen unterwandern die Bevölkerung mit Stasi-Methoden. Und der Westen geht ihrer Propaganda allzu oft auf den Leim.

Insgesamt 19 Mal ist Reuter seit 2011 nach Syrien gereist. Am Anfang ging das noch mit einem normalen Visum, getarnt als Agrarexperte. „Ich galt als zuständig für Pestkontrolle. Wenn man sich den Islamischen Staat so ansieht, stimmt das sogar“, sagte er am Donnerstag bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Reuter stellte dort auch sein aktuelles Buch über den Islamischen Staat „Die schwarze Macht“ vor. Später, so berichtete er weiter, habe er sich über die Grenzen der Nachbarländer illegal ins Land begeben müssen – oft ließen ihn die jordanischen, türkischen oder libanesischen Grenzbeamten passieren. Nur so konnte er im Gebiet des IS recherchieren und etwa geheime Dokumente zu Tage fördern, welche die langfristigen Pläne der Islamisten zeigen.

2014 töteten syrische Rebellen den strategischen Kopf des IS, bekannt als Haji Bakr, in Syrien. Er hinterließ Skizzen und Niederschriften, die belegen, wie seine Organisation vorgeht. Reuter sprach von den Entwürfen eines „stasi-ähnlichen Geheimdienstes“. So schleuse der IS zunächst ein bis zwei Spitzel in die Ortschaften, die er erobern wolle. Deren Aufgabe sei es unter anderem, die mächtigsten Personen im Dorf zu identifizieren und „kompromittierende Druckmittel“ auszumachen. Haben sie geheime Liebesbeziehungen? Süchte? Eine fragwürdige Vergangenheit? Das nutze die Terrorgruppe, um sich selbst als Machtzentrum zu etablieren. „Oft beginnt das Ganze damit, dass eine unauffällige Gruppe ein Haus im Ort mietet – für missionarische Zwecke zum Beispiel. Erst später beginnen dann die Entführungen und das Töten“, erinnerte sich Reuter an Zeugenaussagen aus Syrien. Der IS versuche auch, das Internet zu kontrollieren. Viele wagten es nicht mehr, normal via Facebook zu kommunizieren oder Internetcafés zu benutzen.

IS sammelt Geiseln wie andere Briefmarken

„Für den IS sind die Menschen nichts weiter als Schafe, die in die Unterdrückung gezwungen werden müssen“, analysierte er. Deshalb sammelten die Terroristen westliche Geiseln wie andere Briefmarken. Bis zu 30 westliche Entführte habe der IS zeitweise „gelagert“. Dahinter stecke scharfes Kalkül. Denn im Gegensatz zu anderen Terrorgruppen wie Al Qaida zeige diese Organisation niemals Fotos oder Videos von den Geiseln – zumindest bis zu deren Hinrichtung. Sie würden erst dann als Druckmittel benutzt, wenn sie wirklich gebraucht würden. Der Westen habe den Islamischen Staat lange unterschätzt. Tatsächlich sei die Gruppe „hochprofessonalisiert“.

Einen baldigen Terroranschlag im Westen fürchtet er nicht. „Das ist nicht deren Priorität, auch wenn sie es könnten“, sagte Reuter. Er sieht keinerlei Anzeichen dafür, dass bisherige Anschläge, etwa die Morde an den Mitarbeitern der Redaktion Charlie Hebdo in Paris, tatsächlich vom IS gesteuert wurden. „Dafür waren sie zu amateurhaft ausgeführt“, erklärte er. In den kommenden Monaten und Jahren erwarte er, dass die Islamisten ihr Gebiet Richtung Süden ausweiten: nach Saudi-Arabien, Jordanien und Ägypten. „Die natürlichen Grenzen ihres Imperiums sind die arabisch-islamischen Gebiete“, sagte der Journalist.

„Jeder liebt ihre Bilder“

Journalisten im Westen warnte er davor, der Propaganda des IS auf den Leim zu gehen. „Jeder liebt ihre Bilder“, sagte er etwa über die Fotos, die die Terroristen selbst aus ihrem Gebiet verbreiteten. Die Alternative für Zeitungsredaktionen sei oft ein wackeliges Handyfoto, das heimlich geschossen wurde. Im Gegensatz dazu seien die Bilder des IS gut fotografiert, setzten die Terroristen aber auch in Szene. Sogar in der Spiegel-Redaktion habe er schon mit einem Bildredakteur über die Verwendung des Materials streiten müssen, sagte Reuter.

Die professionelle Medienarbeit des IS zeige sich auch bei dessen Köpfungsvideos. Sie seien speziell für ein westliches Publikum aufbereitet, man sehe die brutalen Details meist nicht. „Es ist wie bei Hitchcock“, sagt Reuter, die Kamera blende vorher ab. Die Videos hingegen, die für das örtliche Publikum im Nahen Osten bestimmt seien, erschienen ungeschnitten und zeigten jedes Detail: „Messer, die durch Fleisch und Knochen schneiden.“ Reuter stellte fest: „Der IS kontrolliert sein Image perfekt.“ Und das mit Hilfe der Medien, die das Material verbreiteten. (pro)

Von: al

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