Frauen bei einem Gottesdienst in Nigeria: Christen leben in permanenter Angst
Frauen bei einem Gottesdienst in Nigeria: Christen leben in permanenter Angst
Der CDU-Abgeordnete Frank Heinrich (2.v.l.) hat Nigeria besucht. Er musste unter militärischem Schutz reisen, weil die Lage dort so angespannt ist
Der CDU-Abgeordnete Frank Heinrich (2.v.l.) hat Nigeria besucht. Er musste unter militärischem Schutz reisen, weil die Lage dort so angespannt ist

Nigeria: „Hunderte Pastoren abgeschlachtet“

Der Bundestagsabgeordnete Frank Heinrich (CDU) ist Ende Oktober eine Woche lang durch Nigeria gereist. Mit pro sprach er über Morde an Christen, mangelnde Hilfe aus Deutschland und die Folgen der Ebola-Krise.

pro: Wie geht es den Christen in Nigeria?

Frank Heinrich: Im Süden Nigerias herrscht ein relativer Frieden. Hier sind die Menschen vor allem durch Entführungen aus wirtschaftlichen Gründen bedroht. Aber im mittleren Teil und im Norden geht es ihnen schlecht. Insbesondere die Fulani-Nomaden vollziehen an vielen Orten regelrechte ethnische Säuberungen. Sie morden und zerstören Wohnhäuser und Kirchen. Weiter im Norden tut die Terrorgruppe Boko Haram dasselbe. Es gibt dort Anschläge am laufenden Band. Wir konnten bei unserer Reise manche Straßen nicht passieren, weil dort am Tag zuvor tödliche Anschläge verübt worden waren. Wir haben Geschichten von Familien gehört, deren Häuser in der Nacht angezündet wurden. In einem anderen Fall war der Auslöser der Diebstahl eines Motorrades, Christen wurden bezichtigt, und am kommenden Tag wurden 400 Häuser von Christen zerstört und deren Felder abgefackelt. Es gibt dort also eine latente Dauerbedrohung. Wir haben Gespräche mit Kirchenvertretern geführt, die uns davon berichteten, dass hunderte Pastoren abgeschlachtet, vertrieben und verletzt worden seien.

(Heinrich nimmt einen Stapel Papier, hunderte Seiten dick, in die Hand. Sie enthalten die Namen tausender nigerianischer Terror-Opfer. Die Kirchgemeinden haben die Opfer fein säuberlich dokumentiert.)

Uns wurde beim Treffen mit Kirchenvertretern ein Propagandavideo der Boko Haram vorgeführt, in dem ein Christ gezwungen wurde, sich an den Rand einer Grube zu legen, damit ein Terrorist ihm die Kehle durchschneiden und ihn anschließend hineinstoßen konnte.

Wir hören immer von brennenden Kirchen und Entführungen zur Zwangskonvertierung. Die letzten Anschläge der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram richteten sich aber auch gegen moderate Muslime. Wie sehr leiden sie unter den Radikalen?

Gerade in den vergangenen Tagen gab es zahlreiche Anschläge der Terroristen gegen andere Muslime. Die Extremisten stellen sich gegen alle Menschen, die in ihren Augen nicht den wahren Glauben verfolgen. Christen sind allein schon deshalb häufiger von dieser Gewalt betroffen, weil sie, etwa durch ihre Namen, erkennbar sind. Bei den Muslimen hingegen ist nicht gleich ersichtlich, ob es sich um moderate oder radikale Gläubige handelt. Die friedliebenden Muslime in Nigeria haben zwei Möglichkeiten: Sie können sich gegen die Radikalen stellen und damit selbst zur Zielscheibe werden. Oder sie können still sein und sich so von den Terroristen instrumentalisieren lassen. Ich habe das Gefühl, dass derzeit eher das zweite geschieht. Protest gegen die Boko Haram von muslimischer Seite habe ich nicht allzu oft gehört, erst recht nicht öffentlich. Ich würde mir da mehr Widerspruch von den Muslimen wünschen.

Gibt es etwas neues von den 200 im April von Boko Haram entführten christlichen Mädchen?

Nur, was wir in den vergangenen Tagen auch in den Nachrichten lesen konnten: Dass sie möglicherweise zwangsverheiratet und -konvertiert wurden.

Das deutsche Außenministerium hat erklärt, der Kern des Konfliktes liege nicht in der Religion begründet, obwohl Boko Haram sich eindeutig islamistisch positioniert und Christen zwangskonvertieren will...

Ich glaube, wir haben es hier mit verschiedenen Wurzeln des Konflikts zu tun. Religion spielt eine Rolle, aber eben auch die ethnische Vielfalt des Landes. Es gibt auch immense Gegensätze zwischen Arm und Reich. Die Idee eines Wohlstandsevangeliums ist in den dortigen Kirchen weit verbreitet. Einer der reichsten Pastoren der Welt kommt aus Nigeria. Außerdem durchzieht das Land eine schon wahnsinnige Gewaltbereitschaft. Einfachste religiöse Botschaften können in diesem Zusammenhang schnell zu Eskalation führen. Ich würde also sagen: Religion spielt eine Rolle. Aber sie ist nicht Wurzel allen Übels. Zugleich spreche ich im Zusammenhang mit Nigeria nicht von einer strukturellen Christenverfolgung. Ja, die meisten Opfer dieser Gewalt sind Christen. Aber es gibt eben auch andere.

Die Lebenserwartung der Nigerianer liegt bei ca. 51 Jahren, 50 Prozent aller Kinder besuchen die Schule, Zugang zu sauberem Trinkwasser hat nicht einmal jeder Zweite. Ist Armut der wahre Grund für die Gewalt?

Das habe ich auch vermutet. Aber es gibt auch sehr arme Gegenden, in denen es keine Gewalt gibt. Die Gleichung „Arm gleich gewalttätig“ funktioniert also nicht. Da spielen viele viele Faktoren eine Rolle. Sie haben eben zum Beispiel die oft fehlende Bildung angesprochen. Zudem ist der Staat sehr schwach, Korruption durchzieht das Land.

Deutschland engagiert sich in Afrika derzeit vor allem in der Ebola-Bekämpfung, Nigeria scheint für die deutsche Außenpolitik kein großes Thema zu sein.

Ja, wir müssen dort aktiver werden. Damit meine ich nicht, dass wir Geld nach Nigeria senden, davon gibt es dort genug, es ist nur ungerecht verteilt. Aber wir müssen die Nigerianer unterstützen, ihre Probleme ernster nehmen und ihnen etwa Experten zur Seite stellen, die ihnen helfen, einen stabilen Staat aufzubauen, gut mit ihrem wirtschaftlichen Wachstum umzugehen und die Menschenrechte besser einzuhalten, damit gute staatliche Strukturen entstehen können. Hier zeigt sich übrigens auch partnerschaftliches Miteinander im umgekehrten Fall, denn derzeit sind amerikanische Beobachter in Nigeria, um sich Expertise bei der Bekämpfung von Ebola zu holen. Wir müssen beraten und auf Augenhöhe diskutieren – dazu gehört es auch, Forderungen zu stellen, etwa, dass Nigeria die Menschenrechte achtet. Auch als Christen sollten wir unsere Solidarität zeigen, die Kirchen vor Ort bitten um unser Gebet. Ein weiteres Problem sind die Medien. Weil die Lage in Nigeria so schwierig ist, berichten viele Korrespondenten nicht mehr live vor Ort, sondern verlassen sich auf Sekundärquellen. Das wird der Situation oft nicht gerecht und wir hier in Deutschland bekommen von den wahren Problemen zu wenig mit. Ich habe außerdem das Gefühl, dass die Ebola-Krise die Entwicklungspolitik stark ausbremst. Dabei gibt es in Nigeria derzeit keine Ebolafälle. Wir reduzieren den Kontinent momentan auf dieses Thema.

Herr Heinrich, vielen Dank für das Gespräch...

Zum Schluss noch zwei Dinge, die mich massiv beeindruckt haben: Erstens habe ich an keiner Stelle gehört, dass die Gewalt von Christen ausgeht. Und zweitens: Die Pastoren baten mich, weiterzugeben, dass wir nicht vergessen sollen, auch für Boko Haram zu beten.

Danke!

Die Fragen stellte Anna Lutz.

Von: al

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