Volker Kauder hat bei seiner Reise nach Ägypten auch mit dem Armeechef Abdel Fattah al-Sisi (ganz rechts) gesprochen. Er hält ihn für vertrauenswürdig
Volker Kauder hat bei seiner Reise nach Ägypten auch mit dem Armeechef Abdel Fattah al-Sisi (ganz rechts) gesprochen. Er hält ihn für vertrauenswürdig
Der koptische Papst Tawadros II. sagte Kauder, dass sich die Lage der Christen in Ägypten verbessert hat
Der koptische Papst Tawadros II. sagte Kauder, dass sich die Lage der Christen in Ägypten verbessert hat

Kauder: „Ich werde mich um die Lage der Christen in Nigeria kümmern“

Eine neue Dynamik wünscht sich der Franktionsvorsitzende von CDU/CSU, Volker Kauder, im Hinblick auf das deutsche und europäische Engagement in Ägypten. Er selbst will auch verfolgte Christen in Nigeria mehr in den Blick nehmen – und kündigt gegenüber pro eine große Arbeitstagung zur Lage der verfolgten Christen weltweit an.

pro: Sie haben vor einigen Tagen Ägypten besucht. Nach Ihrem Besuch teilten Sie mit, dass sich die Lage der Christen in Ägypten im Vergleich zum Vorjahr verbessert habe. Was genau hat sich verändert?

Volker Kauder: Ich habe ein ausführliches Gespräch mit dem Papst der Kopten geführt. Tawadros II. hat mir berichtet, dass der Schutz der Christen und christlichen Einrichtungen in Ägypten wesentlich besser geworden ist, als er früher war. Es gibt zwar immer wieder Angriffe auf christliche Kirchen, aber bei weitem nicht mehr in dem Maße wie früher. Die neue Regierung bemüht sich also anscheinend mehr um die Christen und geht auch auf sie zu. Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten war der Ministerpräsident Ägyptens in einer koptischen Kirche. Papst Tawadros II. sagte mir, es gebe Hoffnung für die Christen.

Papst Tawadros II. sprach auch davon, dass Christen und Muslime noch nie so eng zusammengearbeitet hätten. Wie genau dürfen wir uns die Zusammenarbeit vorstellen?

Muslime und Christen bemühen sich um eine Zusammenarbeit. Bei den Beratungen um die neue Verfassung, die seit Januar gilt, war das schon zu beobachten. Allerdings besteht noch kein Grund zur Euphorie. Die Muslimbrüder sind zwar verboten. Aber ein mehr oder weniger harter Kern ihrer Anhänger ist noch aktiv. Aus deren Reihen kommen wohl auch die Attacken auf die Christen.

Sie haben auch mit dem Militärchef Ägyptens, al-Sisi, gesprochen, der Präsident werden möchte. Wie schätzen Sie ihn ein?

Al-Sisi hat inzwischen seine Kandidatur erklärt. Das begrüßen die koptischen Christen sehr. Sie werden ihn auch unterstützen. Ich habe einen ausgesprochen guten Eindruck von al-Sisi. Er scheint mir vertrauenswürdig zu sein.

Kann er das Land stabilisieren?

Al-Sisi will Ägypten in eine neue Zeit führen. Es wird aber nicht von heute auf morgen gelingen, das Land zu stabilisieren. Ägypten steht ein langer Weg bevor. Al-Sisi will nach eigenen Worten dazu alle Bevölkerungsgruppen in die Diskussionen einbinden und er weiß, dass er einzelne gesellschaftliche Gruppen nicht ausgrenzen kann, wie das die Muslimbrüder getan haben.

Sie sagten, die koptischen Christen begrüßen seine Kandidatur. Wie wichtig ist deren Unterstützung für al-Sisi?

Die koptischen Christen werden zunächst in ihren Kreisen für al-Sisi werben. Die Verantwortlichen der kopischen Kirche werden ihre Unterstützung aber auch öffentlich erklären. Die Kopten machen in Ägypten etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus, das ist ein wahlentscheidendes Potenzial.

„Ägypten braucht Investitionen“

Bei vorigen Ägypten-Besuchen hatten Sie auch mit Vertretern der Muslimbrüder gesprochen. Mittlerweile ist ihre Bewegung in Ägypten verboten. Wie bewerten Sie das aus der Perspektive der Religionsfreiheit?

Die Muslimbrüder konnte ich bei meinem jüngsten Besuch wegen des Verbots ihrer Organisation nicht sprechen. Der Besuch galt vor allem den koptischen Christen, aber auch den Gesprächen mit der Übergangsregierung. In der neuen Verfassung von Ägypten ist Religionsfreiheit gewährleistet. Die Religionsfreiheit muss aber friedlich genutzt werden. Niemand kann sich zur Legitimierung von Gewalt auf die Religionsfreiheit berufen. Auch die Muslimbrüder nicht.

Sie fordern, dass sich Deutschland und Europa Ägypten wieder mehr zuwenden und das Land begleiten sollen. Wie soll das Ihrer Meinung nach aussehen?

Die Ägypter brauchen keine Bevormundung und vor allem keine ständigen öffentlichen Hinweise, was sie zu tun und zu lassen haben. Aber sie brauchen Begleitung, Beratung und vor allem Investitionen in Ägypten, damit junge Menschen Arbeit und Ausbildungsplätze haben. Das wird entscheidend sein bei der Frage, ob sich das Land stabilisieren kann.

Da tut Europa nicht genug?

Nach dem zweiten Teil der ägyptischen Revolution, die zur Absetzung Mursis geführt hat, sind die Beziehungen zwischen Ägypten und Europa etwas erkaltet. Da wünsche ich mir eine neue Dynamik. Ägypten hat in der jetzigen Situation mehrere Möglichkeiten, sich zu orientieren. Das Land kann sich Saudi-Arabien zuwenden und auch von russischer Seite gibt es Offerten. Es liegt an uns zu zeigen, dass wir bereit sind zu helfen und Ägypten nicht allein lassen. Das gilt auch für die Sicherheit. Denn Investitionen und Tourismus in Ägypten wird es nur geben, wenn die Sicherheit gewährleistet ist.

Das Auswärtige Amt hat eine verschärfte Reisewarnung für die Halbinsel Sinai ausgesprochen ...

Natürlich versuchen die Gegner der Regierung Ägypten an seinem empfindlichsten Punkt zu treffen: Das ist der Tourismus. Die Regierung muss also den Terror bekämpfen. Eine ganz wichtige Botschaft für mich war übrigens auch, dass al-Sisi gesagt hat, er steht zum Friedensvertrag mit Israel. Die Israelis sehen mit großer Genugtuung wie die Regierung Ägyptens versucht, den Sinai sicher zu machen.

Konferenz zu Christenverfolgung geplant

Im Nachbarland Ägyptens, in Libyen, ist die Lage seit dem Sturz Gaddafis instabil. Die dpa berichtete diese Woche davon, dass vor allem im Osten des Landes Jagd auf Christen gemacht werde. Haben Sie dort auch Kontakte und Information über die Situation?

Nein. Im Norden Afrikas habe ich ausschließlich direkte Einblicke in die Lage in Ägypten.

Und im übrigen Afrika?

Ich werde in diesem Jahr noch nach Afrika reisen, um mich um die Situation der Christen in Nigeria zu kümmern. Nach dem Aufenthalt dort werde ich mehr sagen können. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird auch noch in diesem Jahr, wahrscheinlich im Herbst, eine große Konferenz zum Thema Christenverfolgung veranstalten. Wir wollen uns da ein umfassendes Bild zur Lage verfolgter Christen weltweit verschaffen, speziell auch in Afrika.

Dabei werden Sie sicher auch auf den Bürgerkrieg in Syrien zu sprechen kommen. Die Bundesregierung hat im Dezember das Kontingent von Syrien-Flüchtlingen verdoppelt. Trotzdem liegen mehr als zehn Mal so viele Anmeldungen vor. Was schlagen Sie vor, wie Deutschland angesichts zunehmenden Bedarfs zukünftig mit Flüchtlingen umgehen sollte?

Der Bedarf wird immer wesentlich größer sein als die Möglichkeiten zur Aufnahme. Wenn man sich die Situation in Syrien anschaut, wundert das auch nicht. Man muss sich überlegen, ob man nochmals das Kontingent erhöht. Aber das ist natürlich alles keine Lösung angesichts der dramatischen Lage im Land. Es muss weiter an einer Friedenslösung für Syrien gearbeitet werden. Das ist keine leichte Aufgabe. Vor allem muss eins klar sein: Es sind nicht nur Christen, die dort verfolgt werden. Es gibt inzwischen auch die Verfolgung von Glaubensrichtungen im Islam. Kämpfe gegen Sunniten und Schiiten sind genauso auf der schrecklichen Tagesordnung dieses Bürgerkriegs. Die Verfolgung Andersgläubiger ist leider nicht nur dort mit Gewalt verbunden.

Vielen Dank für das Gespräch. (pro)

Die Fragen stellten Stefanie Ramsperger und Jonathan Steinert.

Von: STR/JST

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