Viele pakistanische Christen haben Angst vor neuen Anschlägen
Viele pakistanische Christen haben Angst vor neuen Anschlägen

„Trauriges Weihnachtsfest“: Die Angst der Christen nach dem Massaker

Selbstmordattentäter richteten im September nach einem Gottesdienst in Pakistan ein Massaker unter Christen an. Nun haben manche Christen Angst, dass ihre Schulen zum Ziel werden könnten. Ihr Weihnachtsfest, da sind sich die Gläubigen in Peshawar einig, wird traurig werden.

Polizisten haben Stacheldraht auf den Zufahrtswegen ausgerollt, bewaffnete Wachmänner haben Stellung bezogen. Besucher müssen neuerdings Sicherheitsschleusen passieren, Taschen werden mehrfach durchsucht. Geschützt wird hier in der nordwestpakistanischen Provinzhauptstadt Peshawar nicht etwa eine Militärbasis, sondern ein Sonntags-Gottesdienst der anglikanischen Allerheiligen-Kirche. Die neuen Maßnahmen kommen zu spät. Sie sind die Folge des bislang schwersten Anschlags auf Christen in der Geschichte Pakistans, der die Minderheit traumatisiert hat.

Am 22. September sprengten sich zwei Selbstmordattentäter im Hof der Kirche in die Luft, als die Gläubigen gerade aus dem Gottesdienst kamen. Dunkle Stellen auf dem Boden zeugen davon, wo die Extremisten ihre Sprengstoffwesten zündeten. Die weiße Fassade der 1883 erbauten Kirche, die architektonisch einer Moschee ähnelt, ist von Einschusslöchern übersät. Sie stammen von den Stahlkugeln, die die Bombenbastler den Attentätern in die Westen steckten, damit bei der Explosion möglichst viele Christen ums Leben kommen sollten.

Nach offiziellen Angaben rissen die Extremisten 86 Menschen mit in den Tod, Gemeindemitglieder gehen von mehr als 150 Opfern aus. Fotos der Ermordeten sind an der Außenwand der Kirche angebracht, lächelnde Kinder und glücklich wirkende Ehepaare sind dort abgebildet. Drinnen predigt Pfarrer Ijaz Gill vor halbleeren Bänken. Früher, sagen Besucher, seien 500 bis 600 Gläubige gekommen. An diesem Sonntag im November sind es etwas mehr als 120. Nicht nur die Toten fehlen. Viele Christen trauen sich nicht mehr in ihre Kirche.

„Wir haben sehr große Angst“, sagt Gill. Dass die pakistanischen Taliban (TTP) nach dem Anschlag verkündeten, dass es aus ihrer Sicht den Vorgaben der Scharia entspreche, Christen zu töten, sei „sehr beunruhigend“. Zwar werden Christen in Pakistan regelmäßig zur Zielscheibe meist absurder Blasphemievorwürfe, in deren Folge auch Menschen getötet werden. Extremistische Sunniten verüben außerdem immer wieder Anschläge gegen Angehörige der schiitischen Minderheit, bei denen zahlreiche Menschen sterben. Gezielte Massaker an Christen - wie nun in Peshawar - hat es vorher aber nicht gegeben.

Kirchenbesucher haben schreckliche Geschichten zu erzählen – etwa Anwar Diwan und seine Ehefrau Nasreen, die die Leiche ihrer 14-jährigen Tochter Simren auf einem Stapel anderer Toten im Krankenhaus fanden. „Wir hätten nie gedacht, dass das unseren Kindern oder unserer Kirche geschehen würde“, sagt der Vater. „Wir verstehen das nicht.“ Hanif Masih hat das Foto seines Sohnes Sharoun mit zur Kirche gebracht. Der 22-jährige Pfarrhelfer umarmte einen der Attentäter, als er erkannte, dass dieser sich in die Luft sprengen würde - in dem verzweifelten Versuch, Umstehende zu schützen.

Suleman Sabirs zweijähriger Sohn Salman wurde verletzt und hat immer noch zwei Stahlkugeln im Körper. Sabirs Schwestern – Samreen, 15, und Sehrish, 24 Jahre alt - wurden getötet, als sie im Hof der Kirche auf Pfarrer Gill warteten. Samreen wollte sich bei dem Geistlichen zur Konfirmation anmelden.

Sabir ist Lehrer an einer christlichen Schule und unterrichtet ehrenamtlich an der Sonntagsschule auf dem kleinen Kirchengelände. Diese hätten vor dem Anschlag mehr als 100 Kinder besucht, sagt er, jetzt seien es nur noch rund 20. Der 32-Jährige kann das verstehen. „Meine eigenen Kinder sind so verängstigt, dass sie nicht mehr hierhin kommen wollen.“ Das Leben als Christ sei sehr schwer - „nicht nur in Peshawar, in ganz Pakistan“, sagt Sabir. „Die Muslime leben mit uns, aber in ihren Herzen respektieren sie uns nicht.“

Sabir befürchtet, dass der Anschlag auf die Kirche der Auftakt für mehr Gewalt gegen Christen sein könnte. „Wir haben Angst, dass die Taliban christliche Schulen angreifen“, sagt er. Früher habe er Überlegungen von Glaubensbrüdern abgetan, Pakistan zu verlassen. „Wegen meiner Kinder beginne ich, umzudenken“, sagt er. Vor einer eventuellen Auswanderung beschäftigt ihn, wie er mit den wenigen Kindern der Sonntagsschule ein Weihnachtsprogramm auf die Beine stellen soll. „Es wird ein tauriges Weihnachtsfest werden.“

Die zwölfjährige Fiza Tariq geht an einer Krücke, weil eine Stahlkugel in ihrer Hüfte steckt. „Wir wollen nicht feiern, weil wir unsere Leute verloren haben“, sagt sie. „Wir werden an Weihnachten in die Kirche gehen und für unsere Brüder und Schwestern beten, die gestorben sind. Aber wird werden nicht glücklich sein.“ Ob sie sich die furchtbare Tat erklären könne? „Die Taliban wollen nicht, dass wir Christen sind“, sagt das ernste Mädchen. „Sie wollen, dass wir zum Islam konvertieren. Sie dulden keine andere Religion.“ (pro/dpa)

Von: ses

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