Kinder spielen Krieg: Diese Aufnahmen aus Wien (links) und Herford (rechts) wurden inzwischen aus dem sozialen Netzwerk Facebook gelöscht

Kinder spielen Krieg: Diese Aufnahmen aus Wien (links) und Herford (rechts) wurden inzwischen aus dem sozialen Netzwerk Facebook gelöscht

Empörung über Kriegsspiele in Moscheen

Kinder spielen in deutschen und österreichischen Moscheen türkische Soldaten. Das belegen Bilder aus Wien und Herford, die in sozialen Netzwerken kursieren. Die Aufregung darüber ist groß, in Österreich steht nun sogar die Auflösung des türkischen Islamverbands Atib im Raum.

In Reih und Glied stehen neun kleine Jungen in Camouflage-Uniform nebeneinander, sie sind vielleicht acht Jahre alt, wenn überhaupt. Auf der Brust tragen sie die türkische Flagge, auf einem anderen Bild tragen sie Flaggen vor sich her, die so groß sind, dass sie die Kinder fast überragen. Im Hintergrund sind kunstvolle Mosaike zu sehen – die beiden Fotos wurden in einer Moschee aufgenommen. Stolz filmt ein Vater die Kleinen, während sie die Schlacht von Gallipoli nachspielen. Mit zehntausenden Toten auf beiden Seiten und noch einmal so vielen Verwundeten war diese ein äußerst blutiges Ereignis im Ersten Weltkrieg, aber auch ein Etappensieg für die osmanische Armee im – letztlich verlorenen – Kampf gegen die Alliierten. Präsident Recep Tayyip Erdogan bedient sich in seiner Inszenierung gern an diesem Beispiel der Geschichte beziehungsweise dessen mythischer Glorifizierung. Denn sie symbolisiert den Kampf des tapferen Osmanenheers gegen das westliche „Kreuzrittertum“.

Man mag es als Ironie der Geschichte bezeichnen, dass die Osmanen in ihrem Kampf gegen die Alliierten damals ausgerechnet das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn auf ihrer Seite wussten. Denn die Bilder der Kinder, die Soldaten mimen, stammen aus einer großen Atib-Moschee in Wien und wurden auf Facebook veröffentlicht. Ein Informant hat sie der Wiener Wochenzeitung Falter zugespielt. Seit Dienstagabend sind die Fotos einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Atib, das ist ein Verband der türkischen Moscheevereine in Österreich – mit insgesamt etwa 60 Moscheen. Zwar formell ein Verein, ist die Organisation faktisch aber der österreichische Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet, die wiederum direkt dem Ministerpräsidenten in Ankara untersteht – nach dem gleichen Prinzip operiert auch in Deutschland die Schwesterorganisation Ditib.

In einer ersten Reaktion hat sich Atib von der Kampfinszenierung durch eine Pressemitteilung distanziert: „Die Veranstaltung wurde lange vor den Presseberichten seitens der Atib-Zentrale sofort nach Bekanntwerden noch vor ihrem Ende auf ausdrückliche Anordnung des Dachvereines abgebrochen. Gleichzeitig wurde nach einer ausführlichen Untersuchung der dafür verantwortliche Obmann des Mitgliedsvereines zum Rücktritt veranlasst.“ Wie Falter-Chefredakteur Florian Klenk herausgefunden hat, fanden allerdings bereits 2016 in derselben Moschee ähnliche Kriegsspiele statt, wie Fotos belegen. Auf diesen Bildern ist wiederum zu sehen, wie die Kinder Leichen, also gefallene Soldaten spielen.

Soziologe Güngör: Kein Einzelfall

Auch den in Wien lebenden Soziologen Kenan Güngör – der in Köln als Sohn kurdischer Gastarbeiter aufgewachsen ist – haben diese Bilder „in keinster Weise überrascht“: „Das Problem ist, dass das kein Einzelfall ist.“ So gebe es in Deutschland und den Niederlanden eine „Fülle von ähnlichen Veranstaltungen“. Die von Diyanet kontrollierten Moscheen in der Türkei und im Ausland hätten von Erdogan gerade angesichts des Krieges gegen die Kurden in Syrien den Auftrag erhalten, den Krieg zu verherrlichen und für den Sieg zu beten: „Deswegen ist es nicht zufällig, dass wir ab Februar, März sehr viele solche Veranstaltungen hatten.“

Eine Veranstaltung nach diesem Muster hat vor kurzem etwa im nordrhein-westfälischen Herford stattgefunden, wie die Tageszeitung Neue Westfälische berichtet; ein Video davon kursiert im Internet: Im Gänsemarsch stampfen darin kleine Jungen in Uniform im Kreis, während die Eltern im Publikum sitzen und im Hintergrund türkische Musik läuft.

Der Veranstalter: die örtliche Ditib-Moschee. Die Stellungnahme eines lokalen Ditib-Vorstandsmitglieds gegenüber der Neuen Westfälischen fällt ausweichend aus: „Die Entscheidung für die Aufführung ist vom Elternbeirat getroffen worden und die Aufführung ist auch von ihm gestaltet worden.“ Im Weiteren sei der Vorstand nicht in das Programm eingebunden und die Veranstaltung nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen. „[V]erstörend und völlig inakzeptabel“ nennt die Bilder hingegen der nordrhein-westfälische Innenminister Joachim Stamp (FDP), der den Ditib-Landesverband dazu auffordert, „schleunigst zu klären, ob es weitere derartige Vorfälle in anderen Ditib-Gemeinden gegeben hat, und diese unverzüglich zu melden.“ Parteiübergreifend sorgen die Vorfälle für Ablehnung, der Herforder Bürgermeister Tim Kähler (SPD) etwa sagt: „Ich bin entsetzt, hier werden Kinder instrumentalisiert.“

Wie BuzzFeed herausgefunden hat, gab es auch in Mönchengladbach und in Ulm ähnliche Kriegsspiele. Insofern ist anzunehmen, dass es sich bei den derzeit öffentlich bekannten Vorfällen in Deutschland und Österreich nur um die Spitze des Eisbergs handelt, was wiederum Güngörs Aussage bestätigt. In Österreich hat die Debatte unterdessen die Bundespolitik erreicht. So sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in einer Ansprache an die Presse: „Das hat in Österreich keinen Platz. Hier wird es null Toleranz geben.“

Sein Appell an die Bevölkerung: „Ich kann nur jeden bitten, wenn er solche Informationen hat, die Behörden zu informieren.“ Schockiert zeigten sich Vizekanzler Heinz-Christian Strache, Innenminister Herbert Kickl (beide FPÖ) sowie Oppositionspolitiker von SPÖ, Liste Pilz und NEOS. In Österreich steht nun sogar die Auflösung des betreffenden Moscheevereins beziehungsweise von Atib im Raum, wie die Austria Presse Agentur (APA) berichtet.

Von: Raffael Reithofer

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