Fiete Sturm hat ein offenes Ohr für die Seefahrer, die im Hamburger Hafen Zwischenstation machen

Fiete Sturm hat ein offenes Ohr für die Seefahrer, die im Hamburger Hafen Zwischenstation machen

Seelsorge mit Bier und Sahnetorte

Er sieht aus wie ein Seemann und heißt wie ein Seemann. Doch der Eindruck täuscht. Der tätowierte Hüne mit schwarzem Rauschebart im Hamburger Hafen arbeitet nicht für eine Reederei – sondern für Gott.

Es riecht nach altem Zigarettenrauch, wenn man den Keller des großen Gebäudes mit der dunkelroten Klinkerfassade am Altonaer Holzhafen betritt. Der erste Blick in den Raum wandert nach rechts. Der große Billardtisch mit den ungewöhnlichen weißen Füßen sticht ins Auge. Daneben piept ein bunt blinkender Dartautomat in einer unangenehmen Frequenz und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. An der Wand hängt der Kupferstich eines Schiffes. Typisch Seemannskneipe.

Aus der anderen Ecke des Raumes ist aus dem Halbdunkeln ein „Moin moin“ zu hören. Auf der Bank gegenüber vom Tresen sitzt dort ein kräftig gebauter Mann. Es scheint, als wäre der klischeehafteste Seemann aller Kinderbücher seinem gedruckten Gefängnis entkommen und würde nun seine Freiheit in einer Hamburger Hafenkneipe genießen. Er trägt einen langen, schwarzen, leicht gekräuselten Bart. Die Haare sind kurzrasiert. Auf seinem rechten Unterarm hat er – wie sollte es anders sein – ein großes Segelschiff-Tattoo.

„Moin, ich bin Fiete Sturm.“ Aus der Nähe und ohne das Plärren des Dartautomaten klingt die Stimme des Mannes anders. Sie ist sanft und einfühlsam und kommt ganz ohne norddeutschen Dialekt aus. Das passt nicht zum Bild eines harten Matrosen. Und in der Tat, der Mann mit Rauschebart ist nicht Seemann, sondern Seelsorger. Er arbeitet als Diakon, hier in der Hamburger Seemannsmission. Er ist also ein „kirchlicher Sozialarbeiter“, wie er sich selbst vorstellt, und sah nicht immer so aus, wie er ebenso schnell nachschiebt. Sein Look sei erst in den vergangenen Jahren entstanden.

Sturm kümmert sich um die Seeleute, deren Schiffe gerade im Hafen liegen. Wegen des Coronavirus sei die Situation besonders schwierig, erklärt er. Tausende Crewmitglieder dürfen ihre Schiffe nicht verlassen und befinden sich an Bord in Quarantäne. „Die Lage ist emotional sehr angespannt.“ Das erschwere auch seinen Job. Normalerweise besucht er die Mannschaften an Bord oder die Seeleute kommen zu ihm. Beides sei momentan sehr schwierig.

Pragmatische Hilfe statt Predigt

Aber auch für ungewöhnliche Arbeiten ist sich der Diakon nicht zu schade. Einmal wollte ein Filipino unbedingt eine Sahnetorte essen. Er habe noch nie in seinem Leben eine gegessen. Das Objekt seiner Begierde kostete 100 Euro. „In einem solchen Fall ist es auch meine Aufgabe, auf das Geld der Männer zu achten. Bei einem Monatslohn von 800 Euro sind 100 Euro eine Menge Geld.“ Als Kompromiss besorgte Sturm dann drei Stück Torte aus einer nahegelegenen Konditorei. „Manchmal fängt Seelsorge ganz einfach bei Bier oder Sahnetorte an“, sagt der Diakon mit einem Schmunzeln.

Sturm möchte den Menschen pragmatische Hilfe anbieten. Predigen sei nicht so sein Ding. Deswegen habe sich der 38-jährige Bielefelder auch bewusst gegen ein Theologiestudium und für die Diakonenausbildung entschieden. Gleichzeitig diente die Ausbildung seiner persönlichen Suche nach Gott. Obwohl er in einem christlichen Haushalt aufwuchs, wollte er ausprobieren, ob Glaube etwas für ihn sei. Die klare Antwort auf diese Frage ist seine Arbeit in Hamburg.

Während der Diakon über seine Vergangenheit spricht, holt ihn die Gegenwart ein. Drei Asiaten betreten die Bar. „Die sind von der Europa 2 und dürfen gerade das erste Mal seit Wochen das Schiff verlassen“, flüstert Sturm, bevor er schnell aufspringt und die Neuankömmlinge auf Englisch begrüßt. „How are you? What’s your name?“ Er setzt schnell seinen Mundschutz auf – es sind ja Corona-Zeiten – und huscht hinter den Holztresen, auf dem zusätzlich eine Plexiglasscheibe aufgebaut ist. Etwas überrascht stellen sich die Männer vor. Sie sind nicht zum Trinken da, sie wollen einkaufen. Eine Handykarte, ein paar Tüten asiatische Chips und Hygieneartikel – und schon sind sie wieder draußen.

Hygieneartikel? Die Bar der Seemannsmission hat ein ungewöhnliches Angebot. Es gibt keinen hochprozentigen Alkohol. Dafür gibt es Handykarten, verschiedene Snacks und Pflegeprodukte – auch für Frauen.

„Heimat auf der Zunge“

Es sind oftmals die einfachen Dinge, die helfen. Das beginne bereits damit, die Seeleute mit Namen anzusprechen, erklärt Sturm. Im Alltag an Bord der großen Schiffe sieht das anders aus. Dort gibt es keine Namen, nur Bezeichnungen. Die Bar der Seemannsmission soll aber mehr sein. Sturm nennt sie liebevoll „Wohnzimmer für Seeleute“. Beliebt sind auch die landestypischen Snacks, die die Seemannsmission anbietet. Dieses „Stück Heimat auf der Zunge“ trage dazu bei, dass sich die mehrheitlich asiatischen oder osteuropäischen Seeleute wohlfühlen.

Doch nicht immer ist die Arbeit so unkompliziert. Viele seelsorgerische Gespräche drehen sich um Tragödien: Piraterie, Selbstmord von Kollegen oder Geflüchtete in Seenot. „Das macht was mit dir als Seemann.“ Hinzu kommen die schwere Arbeit und die unmenschlichen Arbeitszeiten. Für Sturm bleiben oftmals nur wenige Stunden, um mit den Männern zu reden. Für ihn als Seelsorger war anfangs die geringe Zeit für Gespräche unbefriedigend. Mittlerweile habe er sich aber daran und an das viele Leid gewöhnt. In seiner Arbeit findet er Befriedigung. „Ansonsten gehst du daran kaputt“, resümiert er. Für heute hat der Kirchenmann mit dem Aussehen eines Seemanns Feierabend. Er nimmt einen letzten großen Schluck aus seiner zuckerfreien Fritz Cola und verabschiedet sich.

Von: Martin Schlorke

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