Fernando Caldeira da Silva hat Angst, wenn er an die Situation vieler Christen in portugiesisch-sprachigen Ländern in Afrika denkt

Fernando Caldeira da Silva hat Angst, wenn er an die Situation vieler Christen in portugiesisch-sprachigen Ländern in Afrika denkt

„Al-Shabab möchte ein Kalifat errichten“

Fernando Caldeira da Silva ist Portugiese. Der Missionar konnte Erfahrungen in der Gemeindearbeit und in der akademischen Forschung sammeln. Deswegen hat er eine Einrichtung aufgebaut, die sich mit Religionsfreiheit in den portugiesischsprachigen Ländern beschäftigt. pro hat ihn dazu befragt.

pro: Herr da Silva, stellen Sie sich bitte kurz vor.

Fernando Caldeira da Silva: Ich bin 1960 in Portugal in einer katholischen Familie geboren. Weil meine Eltern in einer kleinen Pfingstgemeinde Jesus kennenlernten, habe ich schon als Schüler religiösen Druck durch Lehrer und katholische Nachbarn erlebt. Später habe ich freikirchliche Gemeinden in Portugal gegründet und bin dann 1998 als Missionar nach Südafrika gegangen. Dort war ich in den portugiesischsprachigen Ländern Mosambik und Angola sowohl missionarisch als auch im Bildungsbereich aktiv. Zeitweise war ich Rektor einer privaten säkularen Universität in Mosambik. Später half ich in Angola bei der Gründung einer christlichen Universität, die mittlerweile 1.300 Studenten hat. Dadurch, dass ich mit Einschränkungen der Religionsfreiheit konfrontiert wurde, habe ich mein Engagement für die Freiheit der Christen dort verstärkt.

Sie haben sich in Ihrer Doktorarbeit intensiv mit dem Thema Religionsfreiheit befasst?

Ja, sowohl meine Masterarbeit im Jahr 2006 als auch meine Doktorarbeit 2015 haben sich mit der Lage der Religionsfreiheit in meinem Heimatland Portugal beschäftigt und dabei unter anderem den Einfluss der „Nelkenrevolution“ 1974 auf die Frage der Religionsfreiheit erforscht. Das kommunistische Gedankengut, das Portugal in den folgenden Jahren prägte, hat bis heute Einfluss auf die Gesetzgebung zum Nachteil der Christen. Außerdem hat die protestantische Minderheit im Alltag weiterhin mit Diskriminierungen zu kämpfen.

Heute möchten Sie besonders auf die Lage von Christen in anderen portugiesischsprachigen Ländern aufmerksam machen?

Ja, besonders gravierend ist die Lage für die Christen in Mosambik. Dort wurden seit Oktober 2017 mehr als 300 Menschen ermordet und mindestens 37 im IS-Stil enthauptet. Das betrifft vor allem die nördlichen Provinzen.

Wer steckt hinter den Vorkommnissen?

Die islamistische Terrororganisation „Mosambikanische Al-Shabab“ wütet massiv in Teilen der nördlichen Provinzen und möchte ein Kalifat errichten. Außer religiösen spielen bei diesen Morden auch wirtschaftliche Gründe und Korruption eine Rolle. Hinzu kommt die weite Verbreitung magischer Praktiken im Norden Mosambiks, die für viele Menschen eine Quelle ständiger Angst ist. Dann habe ich bei einem Besuch festgestellt, dass selbst viele christliche Pastoren keine Bibeln besitzen. Die einzige christliche Buchhandlung liegt rund 2.500 Kilometer entfernt. Wir haben dann angefangen, 6.000 Bibeln an Gemeinden zu verteilen. Das ist nicht ungefährlich, weil manchmal Transporte ausgeraubt werden.

Für welche Teile des Kontinents machen Sie sich noch große Sorgen?

In Angola wurden seit dem 4. November 2018 mehr als 4.000 Kirchen durch die Regierung geschlossen. Gesetze und Verordnungen sollen ihre Registrierung unmöglich machen. Eine Verwaltungsordnung verlangt, dass für die Registrierung neuer Kirchenbünde 60.000 Gläubige nachgewiesen werden müssen und die Gemeinden einer solchen Kirche in zwei Dritteln des Landes präsent sein müssen. Um eine Partei zu gründen, benötigen sie lediglich 7.500 Menschen. Durch ein kompliziertes notarielles Registrierungsverfahren fließt außerdem auch viel Geld in die Staatskasse. Dieser Erlass schränkt die Religionsfreiheit besonders für kleinere Gemeindeverbände massiv ein. Angola hat die Charta der Afrikanischen Union für Religionsfreiheit und die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen unterzeichnet. Die Realität sieht allerdings ganz anders aus.

Welchen Einfluss haben diese Regelungen auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Kirchen in Angola?

In Angola leben 29 Millionen Menschen. 94 Prozent von ihnen sind Christen, die Hälfte davon Protestanten. Insgesamt gibt es aktuell rund 4.000 Kirchenbünde. Der Staat hat 89 von ihnen anerkannt. Das führt natürlich auch zu Spannungen zwischen den registrierten und den nicht registrierten Gemeinden. Die Regierung will mit ihren Veordnungen letzten Endes das religiöse Leben kontrollieren, um ihre politische Agenda durchzusetzen. Sie hat eine große Macht über die Menschen, weil diese ihre erst kürzlich erworbenen Bürgerrechte noch kaum zu verteidigen wissen. Das Land erlebte über Jahrhunderte koloniale Ausbeutung und Sklaverei. Nach der Unabhängigkeit waren es Jahrzehnte der Diktatur. Erst im Jahr 2010 gab sich Angola eine demokratische Verfassung und Bürgerrechte wurden gewährt. Über die Gesetze entscheiden aber weiter Menschen, die von der kommunistischen Ära geprägt sind.

Sie haben gemeinsam mit Thomas Schirrmacher einen Brief an den Präsidenten Angolas verfasst. Was haben Sie darin gefordert?

Wir haben verlangt, dass der besagte Erlass zurückgenommen wird. Zugleich haben wir dem Präsidenten angeboten, ihm zu helfen, eine rechtmäßige Lösung für das Problem zu finden. Wir haben bei dem angolanischen Konsulat um einen Gesprächstermin mit dem Präsidenten gebeten. Das war von einer ausführlichen Analyse der Situation begleitet. Ich habe zwar eine Empfangsbestätigung bekommen, aber zu dem Treffen kam es nicht. Der Brief soll den Boden für weitere diplomatische Schritte von Seiten der Weltweiten Evangelischen Allianz vorbereiten.

Sehen Sie Ansatzpunkte für mögliche Lösungen?

Eine Lösung könnte es sein, dass religiöse Gruppen als Vereine registriert werden. Dieser Status ist ja auch für andere gesellschaftliche Gruppen im Land möglich.

Wie ist es in den portugiesischsprachigen Ländern um die Pressefreiheit bestellt?

Es gibt in diesen Ländern vor allem säkulare oder römisch-katholische Journalisten. Informationen aus den protestantischen Gemeinden tauchen selbst in Portugal in den Medien oft nur in Nebensätzen auf. Von daher sind die beschriebenen Ereignisse in Mosambik oder Angola gar nicht in den nationalen Medien präsent, sofern es evangelische Christen betrifft. So kommt auch wenig davon in die internationalen Medien.

Beim Blick nach vorne: Gibt es irgendetwas, was Ihnen Mut macht?

Wenn ich die Verhältnisse in Portugal während meiner Kindheit mit heute vergleiche, leben wir im Paradies. Im Vergleich zu heutigen Standards der Religionsfreiheit müssen wir allerdings noch immer eine weite Strecke zurücklegen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Wolfgang Häde von der Hilfsaktion Märtyrerkirche hat das Interview mit dem portugiesischen Missionar übersetzt

Wolfgang Häde von der Hilfsaktion Märtyrerkirche hat das Interview mit dem portugiesischen Missionar übersetzt

Fernando Caldeira da Silva gehört zum Internationalen Institut für Religionsfreiheit unter Leitung der Professoren Thomas Schirrmacher und Christof Sauer. Da Silva ist außerdem stellvertretender Generalsekretär der Religionsfreiheitskommission der Weltweiten Evangelischen Allianz. Anfang September war er zu Gast bei der Hilfsaktion Märtyrerkirche und stand in diesem Zusammenhang auch dem Christlichen Medienmagazin pro Rede und Antwort.

Die Fragen stellte Johannes Blöcher-Weil

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