Lebensfreude und eine positive Einstellung sind Markenzeichen von Christian Rommert

Lebensfreude und eine positive Einstellung sind Markenzeichen von Christian Rommert

„Wenn Kirche Relevanz haben will, muss sie relevant sprechen lernen“

Christian Rommert ist Sprecher beim „Wort zum Sonntag“ und Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Den Pastorenjob hat er vor einigen Jahren aber an den Nagel gehängt und ist nun selbstständig. Er coacht jetzt christliche Unternehmer, denn er findet: Unternehmensführung und Kirche können sich gegenseitig befruchten.

Ein unspektakuläres Reihenhaus in einer Bochumer Wohnsiedlung. Die Spielgeräte in den kleinen, gepflegten Vorgärten und die individuellen, bunten Klingelschilder lassen darauf schließen, dass hier viele Familien wohnen. An einer der Haustüren empfängt Christian Rommert den Besuch mit einem breiten Lachen und einem herzlichen „Hallo!“. Sein Büro liegt ganz oben, unter dem Dach des Hauses. Was von außen beengt wirkte, sieht innen drin geräumig und gemütlich aus. Große Dachfenster werfen viel Licht auf eine Sitzgruppe und den aufgeräumten Schreibtisch. Nur ein MacBook, ein Bildschirm und eine Tastatur stehen dort. Rommert macht Kaffee. Es duftet nach frisch gemahlenen Bohnen. Dabei plaudert er über dies und das.

Der 44-Jährige ist ein unglaublich kommunikativer und fröhlicher Mensch. Das ist schon nach wenigen Minuten klar. Der eine oder andere mag ihn schon mal im Fernsehen gesehen haben. Rommert ist einer von acht „Wort zum Sonntag“-Sprechern in der ARD. Die Sendung am Samstagabend, die immer nach den Tagesthemen läuft, beschreibt er als „Kommentar zu gesellschaftlich relevanten Themen aus dem Blick von Christinnen und Christen“. Es handele sich dabei nicht um eine Predigt in einem Gottesdienst, macht der Theologe klar. Oft werde das missverstanden und von einigen Frommen höre er dann nach der Sendung manchmal, dass zu wenig Jesus drin gewesen sei. „Es ist keine Bekenntnis-Sendung. Wer das sucht, findet dieses Format bei Bibel TV“, sagt Rommert. Vor dem „Wort zum Sonntag“ in den Tagesthemen sähen die Zuschauer oft viel Leid. Danach folge vielleicht Boxen oder ein Samstagabend-Krimi. „Zwischendrin wollen sich die Leute einfach nur ein Bier holen nach einer harten Woche und nicht angepredigt werden“, glaubt er.

„Mich treiben Freiheit und Gestaltenkönnen mehr an als Sicherheit.“

Dabei spricht Rommert das Thema Jesus Christus im Vergleich zu anderen Sprechern in der Sendung häufig an. Ihn bewegt der Glaube an Jesus Christus, sagt er. Deswegen kommt Jesus in seinen Fernseh-Impulsen vor. Rommert ist Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG). Er ist der einzige der „Wort zum Sonntag“-Sprecher mit freikirchlichem Hintergrund. Dass es bei seinen Impulsen oft um konkrete Bibelstellen geht, liegt daran, dass „mir etwas fehlen würde, wenn ich einfach nur was Nettes erzählen würde. Ich will, dass das Evangelium irgendwo aufleuchtet.“ Der Theologe versteht sich als Übersetzer: „Nur etwas, was mich persönlich berührt, anspricht, herausfordert, kann auch andere begeis­tern.“ Manchen sei das zu fromm, anderen nicht fromm genug. Er nimmt das nicht so schwer. „Das ist das Leben“, sagt er und lacht.

Rommert ist jemand, der etwas bewegen und dabei selbst nicht stillstehen möchte. „Mich treiben Freiheit und Gestaltenkönnen mehr an als Sicherheit“, sagt er. Vor vier Jahren hat der dreifache Vater deshalb einen Neuanfang gemacht und seinen Job als Pastor in einer Bochumer Gemeinde an den Nagel gehängt. Jetzt ist er selbstständig und betreibt das Unternehmen „Leitungskunst“. Rommert begleitet und coacht zum Beispiel Unternehmer, die ihre Firma mit christlichen Werten führen wollen oder sich fragen, wie Unternehmertum und christliche Überzeugung zusammenkommen können.

Schon während seines Theologiestudiums in Hamburg und Berlin interessierte er sich für das Zusammenspiel von Unternehmensführung und Kirche. „Ich hatte immer das Gefühl, das könne sich gegenseitig befruchten“, sagt Rommert. Seine erste Hausarbeit im Studium habe er deshalb auch zum Thema Kirchenmarketing geschrieben – auch wenn seine Dozenten „komisch geguckt“ hätten. Seinen Job als Pastor machte Rommert gern. „Aber ich habe immer gemerkt, dass mir das zielorientierte, projektorientierte Arbeiten mehr liegt.“ So folgte dann der Entschluss zur Selbstständigkeit.

Unternehmertum und christlicher Glaube passen für ihn hervorragend zusammen: „Es liegt in der DNA des evangelischen Glaubens, unternehmerisch aktiv zu sein.“ Viele christliche Überzeugungen, die in der Kirche gelebt werden, könnten das Unternehmertum befruchten – zum Beispiel die Wertschätzung des Einzelnen.

Herzenssache Kinderschutz

Auch wenn er keiner Gemeinde mehr vorsteht, ist Rommert noch offiziell Pastor und nimmt pastorale Aufgaben wahr – wie Trauungen oder eben das „Wort zu zum Sonntag“. Was ihn außerdem weiterhin mit den Kirchen verbindet, ist sein Engagement zum Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch. Neben „Leitungskunst“ ist das sein zweites großes Herzensanliegen.

Als der Vater von drei Kindern darüber zu sprechen beginnt, wird er sehr ernst und sehr eindringlich. Rommert berührt das Thema sexuelle Gewalt persönlich. Seine Frau Katrin sei davon betroffen gewesen. Mehr sagt er dazu nicht. Doch diese Betroffenheit habe dazu geführt, dass sich das Ehepaar für den Kinderschutz stark macht. „Du hast so viel Wut und Aggression in dir gegenüber dem Täter“, erinnert sich Rommert. Man merkt ihm an, dass diese Gefühle noch immer nicht ganz verschwunden sind. Ihm und seiner Frau sei jedoch klar geworden, dass es nicht gut sei, aus diesen Gefühlen Negatives entstehen zu lassen. Stattdessen hätten sich beide entschieden, „diese Energie zu verwenden, um Positives entstehen zu lassen“. Sogar in so einer schwierigen Situation verliert Rommert nicht den Blick nach vorn.

Was im Jahr 2008 mit Vorträgen und Schulungen in Gemeinden zum Thema Kinderschutz begann, ist nun ein fester Arbeitsbereich von ihm. Als Vorsitzender des Gemeindejugendwerks (GJW) im BEFG initiierte er vor zehn Jahren die Präventionskampagne „Sichere Gemeinde“. Den GJW-Vorsitz hat Rommert mittlerweile abgegeben. Jetzt koordiniert er aber die entsprechende Interventionsstelle, eine Anlaufstelle zum Thema Kindesschutz im BEFG. Unter anderem erstellt er in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Gemeinden Konzepte, die die Orte für Kinder sicherer machen sollen. 2017 schrieb er ein Buch zum Thema.

Sexuelle Gewalt auch in Freikirchen

Es habe ihn nicht überrascht, als das Thema sexueller Missbrauch auch in Freikirchen öffentlich wurde. „Es hat mich nur überrascht, dass es immer noch Menschen gibt, die meinen, das gäbe es nicht.“ Kirchen sind von sich aus keine sicheren Orte. Davon ist Rommert überzeugt. „Wenn jemand sagt: ‚Bei uns gibt’s das nicht‘, kann ich mit neunzigprozentiger Sicherheit sagen, dass gerade da der Missbrauch blüht.“

In Freikirchen sei das Vertrauen untereinander oft besonders groß, das Miteinander sehr familiär, man umarme sich zur Begrüßung, tätschele Kindern den Kopf ohne zu fragen, lasse eine große Nähe zu. Das seien Faktoren, die Tätern Missbrauch erleichtern könnten. „Das Verhältnis zum Thema Sexualität“ sieht Rommert ebenfalls als großes Problem in freikirchlichen Gemeinden an. „Es gibt ja kein Thema unter den Christen, bei denen sich die Leute mehr in die Haare kriegen.“ Kinder merkten, dass dieses Thema häufig angstbesetzt sei. Wenn dann jemand offen mit ihnen darüber rede, sei das für sie „eine totale Erleichterung“. Wenn dieser jemand dann der Falsche, der Täter, sei, öffne das Tür und Tor für sexuelle Gewalt.

Die „Gehorsamspflicht“ sei ein weiteres Einfallstor. In Freikirchen werde Kindern oft das Gefühl gegeben, nicht Nein sagen zu dürfen und Erwachsenen gegenüber übermäßig gehorsam sein und immer Rücksicht auf andere nehmen zu müssen. Das führe zu einem Machtgefälle. Und um dieses gehe es bei sexueller Gewalt immer.

Eltern stärken, gewaltfrei zu erziehen

Für ganz wichtig hält Rommert auch das Thema Vergebung. „Wie vielen Betroffenen ich begegnet bin, denen gesagt wurde: ‚Du musst vergeben!‘ Und eigentlich war gemeint: ‚Schweige, verfolge das Thema nicht weiter!‘ Das ist christliche Gehirnwäsche!“ Rommert ist empört. „Was heißt denn Vergebung? Das ist eine riesige Herausforderung, weil es eben nicht bedeuten kann: vergeben und vergessen.“

Der 44-Jährige unterbricht seine Ausführungen kurz, trinkt einen Schluck Wasser. Er wird wieder ruhiger und schildert dann sachlich, wie er die Gemeinden hier unterstützt: Bei der Erstellung der Konzepte schaut er sich unter anderem ganz genau die Werte an, die in den Gemeinden gelebt werden, das Miteinander von Mann und Frau und das von Erwachsenen und Kindern. Rommert will Eltern stärken, gewaltfrei erziehen zu können. „Guckt weniger auf die beste Art der Erziehung, sondern schaut, wie ihr die beste Art von Beziehung zu euren Kindern aufbauen könnt“, empfiehlt er.

Rommert hat zwei Töchter und einen Sohn. Die Mädchen studieren, der 17-Jährige steckt mitten im Abitur. Für die Zukunft hat der Vater einen Wunsch: „Wenn meine Enkel geboren werden – wo auch immer –, dann soll es in jeder Stadt einen kirchlichen Ort geben, der kreativ, fantasievoll und sicher für Kinder ist.“ Rommert steckt viel Herzblut in seine Arbeit, um das zu verwirklichen. In seinem Büro hängt ein Foto von einem Leuchtturm. Der ist ein Symbol für das, was er erreichen möchte: „Ich will Menschen über Gräben helfen, verbinden und an eine Stelle führen, wo man Aussicht und Weite hat.“

Tiefes Gottvertrauen

Das Verbindende, das wünscht er sich auch mehr unter den Christen und von den einzelnen Gemeinden. „Die Zukunft liegt in der Kooperation und nicht in der Konfrontation“, sagt er. Vor allem, wenn es um das Evangelium geht. Der Theologe ist überzeugt, dass „das konfessionelle Zeitalter vorbei“ ist. Und er findet: „Wenn Kirche Relevanz haben will, muss sie wieder relevant sprechen lernen.“ Er meint damit, das Evangelium so zu verkünden, dass die Botschaft auch bei Außenstehenden ankommt. Die Areopag-Rede von Paulus ist Rommerts Vorbild. Paulus sei in die Kultur, die Sprache und den Alltag der Menschen eingetaucht. Er habe gewusst, was die Menschen damals bewegte. „Das ist für mich Mission. Das Wort ward Fleisch. Das Wort ward Begegnung.“ Dazu bedürfe es aber eines Blickes über den Tellerrand hinaus. „Ich werde nicht sprachfähig, was das Evangelium angeht, wenn ich 40, 50 Jahre nur fromme Leute in meinem Freundeskreis habe.“ Das werde nur, wer Leute treffe, die nachfragten: „Hä? Wie meinst du das denn?“ Die Arbeit beim „Wort zum Sonntag“ sei da eine gute Schule.

Der Pastor sieht sich als „kleinen Puzzlestein“ in Gottes Plan. Deshalb habe er auch nicht das Gefühl, den Menschen „die Pis­tole auf die Brust“ setzen zu müssen, wenn es um das Evangelium geht. „Ich habe ein weites Herz und ein tiefes Vertrauen, dass Gott seine Wege mit den Menschen geht.“

Von den Begegnungen mit anderen lässt er sich gern verändern. Er schätzt die Vielfalt und sieht deshalb auch „die vielen Menschen, die auf der Suche nach Frieden zu uns kommen“, als eine Bereicherung für Gemeinden an. Man dürfe seinen Standpunkt nicht aufgeben, aber man müsse „den Standpunkt bewusst benennen und den anderen auch stehen lassen können“. Deshalb betont er ein zweites Mal das Thema Kooperation. „Ich finde es lächerlich, wie man sich konfessionell manchmal hinter Mauern verschanzt.“

Ein bisschen ist für diese Haltung sicher Rommerts Lebens­umfeld verantwortlich. Der leidenschaftliche VfL-Bochum-Fan („Jeder Spieltag ist ein einziges Leiden, aber man kommt nicht davon los.“) ist Ruhrgebietler mit Leib und Seele. Obwohl er eigentlich aus Eisenach stammt. Doch am Ruhrgebiet liebt Rommert die Ehrlichkeit und Bodenständigkeit der Menschen. Und das Trotzige: „Wir stehen hier immer wieder auf. Wir machen weiter.“ Gefühlt habe dort fast jeder Migrationshintergrund. „Doch das einzige, was zählt, ist die Frage: Was bist du für ein Typ? Kann man sich auf dich verlassen? Das liebe ich.“ Er lebt in einer der „unterschätztesten und schönsten Regionen Deutschlands“, findet Rommert. „Vielfalt ist hier die treibende Kraft. Und Fußball und ein gutes Pils“, sagt er und lacht wieder sein breites, ansteckendes Lachen.

Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe 1/2019 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro kostenlos hier.

Von: Swanhild Zacharias

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