Friedrich Hänssler hat eine lange Phase der 100-jährigen Verlagsgeschichte geprägt

Friedrich Hänssler hat eine lange Phase der 100-jährigen Verlagsgeschichte geprägt

„Das Evangelium ist für alle Menschen da“

Der Hänssler-Verlag feiert 2019 den 100. Geburtstag. Der 91-jährige Sohn des Firmengründers erzählt, welche Menschen ihn begeistert haben, wem er sich in den größten Krisen seines Lebens anvertraute und warum er auch im hohen Alter gerne Entdeckungen macht.

pro: Herr Hänssler, was zeichnet aus Ihrer Sicht einen guten Verleger aus?

Friedrich Hänssler: Ein Verleger muss Überzeugungstäter sein und wissen, was er will. Er will ja Botschafter sein. In unserem Verlag war die Botschaft von Anfang an klar. In den Siebzigerjahren haben wir festgelegt, dass das Evangelium von Jesus gelesen, gehört, gesungen und gesehen werden kann. Heute würde ich noch Twittern hinzufügen.

Wann sind Sie mit dem christlichen Glauben in Kontakt gekommen?

Mein Elternhaus und einige Menschen in meinem Umfeld haben mich geprägt. Ich bin in mehreren Stufen Christ geworden, weil Gott mir in unterschiedlichen Lebensstationen begegnet ist.

Wie hat Sie die Zeit des Nationalsozialismus geprägt?

Ich bin als Achtjähriger vom Rektor der Hochschule in die Besenkammer eingesperrt worden, weil ich nicht „Heil Hitler“ gerufen habe. Am 14. Januar 1943 kamen wir vom Gottesdienst zurück, da haben mich drei SS-Führer verhört. Sie wollten wissen, warum ich nicht zur Hitler-Jugend gehe. Unausgesprochen stand dahinter die Frage: „Hat dir das dein Vater verboten?“

In dieser Zeit hatten Sie auch einige familiäre Schläge zu verkraften …

Meine Schwester ist wenige Tage nach ihrer Bekehrung an Diphtherie gestorben. Als sie krank im Bett lag, rief sie meinen Vater. Er sollte noch den letzten Vers des Liedes „Die güldne Sonne“ vortragen. Dabei ist sie gestorben. Solche Dinge prägen natürlich. Ich hatte auch diese Krankheit und war einige Tage fast blind.

Simone Martin hat die Lebensgeschichte von Friedrich Hänssler aufgeschrieben

Haben Sie jemals an Gott gezweifelt?

In den Situationen selbst habe ich mir die Frage nie gestellt. Vermutlich waren die realen Erlebnisse so prägend, dass ich nicht darauf gekommen bin. Warum meine Kameraden beim Erschießungskommando schießen mussten und ich nicht, habe ich mich erst viel später gefragt.

Und wann haben Sie sich bewusst für Jesus entschieden?

Ich war im Landeskirchlichen Gemeinschafsverband der einzige Jugendliche in meinem Alter. Meine Schulkameraden haben sich oft über mich lustig gemacht. Das prägt. Endgültig für Gott habe ich mich erst als Soldat entschieden. Er hatte mich ja aus dem Erschießungskommando herausgeholt. Die Situation hat mich jahrelang verfolgt. Damals habe ich kurz und knapp gesagt: „Gott, ich kenne dich nicht, aber ich will zu dir gehören!“ Später einmal sollte ich für meinen Vater einen christlichen Druckereibesitzer besuchen. Im Gespräch fragte er mich, wie es in meinem Leben mit Jesus Christus stehe. Ich legte ein ungeplantes Sündenbekenntnis ab. Er schrieb mir zwei Bibelverse auf: „Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde“ und „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ Das war unspektakulär, aber echt und wirkte tief.

Sie haben dann Theologie studiert …

Ich hatte nur Notabitur. Meine Mutter wünschte sich sehnlichst, dass ich Theologie studiere. Ich wollte lieber eine Hühnerfarm aufmachen. Ich hatte durch die Flucht vom Militär keine Entlassungspapiere. In ständiger Todesgefahr hielt ich mich in einem Dorf versteckt. Als der dortige Pfarrer mitbekam, dass ich mich versteckt halten musste, ermutigte er mich, Theologie zu studieren. Gott sei Dank, bekam ich dafür ein Stipendium.

Wären Sie lieber Pfarrer gewesen als Verleger?

Einen theologischen Dienst mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit hätte ich mir durchaus vorstellen können, aber eine Stelle als Pfarrer in einer Gemeinde mit unzähligen Amtshandlungen und Bürokratie weniger. Die Berufungen im Verlagswesen waren immer ein Gottesgeschenk.

Welche Begegnungen haben Sie am meisten geprägt?

Oft habe ich erst später erkannt, wie wichtig manche Begegnungen waren. Ein wichtiger Mensch war der Sonderberater des damaligen Präsidenten Richard Nixon, Charles Colson. Wir haben etliche Bücher über ihn veröffentlicht. Bei einem privaten Besuch nahm er uns mit zum Gebetsfrühstück für Politiker. Die Menschen dort hatten ihn in politisch schweren Zeiten aufgefangen. Da ging mir ein Kronleuchter auf und wir haben die Idee des Gebtsfrühstücks für Politiker erst in Baden-Württemberg und 1981 im Bundestag umgesetzt. Inzwischen gibt es das in acht Landtagen und in weiteren europäischen Ländern.

Gibt es weitere Personen?

Dem Evangelisten Billy Graham bin ich häufig begegnet. Mit seiner Hilfe konnten wir die Zeitschrift Entscheidung übernehmen. Dann fällt mir der Gründer und Leiter der Fackelträger-Bewegung, Major Ian Thomas, ein. Wichtige Begegnungen hatte ich auch mit den meisten Rednern der großen Pfingst-Jugendtreffen in Aidlingen. Oft sind daraus ungeplant auch noch Buchprojekte entstanden.

Sie haben Bücher in den Ostblock geschmuggelt. Wie wurden Themen zu Ihren Themen?

Mir war immer wichtig, dass das Evangelium für alle Menschen da ist. Egal, ob arm oder reich, ob Präsident oder Verlagsmitarbeiter. Entscheidend war für uns, dass alles auf Christus hinausläuft.

Hatten Sie auch Phasen im Leben, in denen Ihnen der Glaube schwerfiel?

Natürlich wurde mein Glaube geprüft. Wir waren als Verlag enorm erfolgreich und erfolgsverwöhnt. Bücher hatten Erstauflagen von bis zu 500.000 Exemplaren. Davon können Verlage heute nur träumen. Wir wollten an unserem alten Standort Neuhausen bauen. Das verweigerten uns die politischen Gremien. Da bleiben Fragen. Der Weg nach Holzgerlingen war Gottes Führung. Hier haben Menschen von Anfang an für uns und unsere Arbeit gebetet.

Und dann kam 2002 die große Krise des Verlags …

Ich hatte kurz zuvor das amerikanische Institut für Musikwissenschaften gekauft mit zigtausend Bänden Gesamtausgaben alter Meister. Leider hat unsere automatische Vertriebsabwicklung zu spät funktioniert. Einer unserer größten Kunden auf dem amerikanischen Musikmarkt ging insolvent und wir machten Verluste in Millionenhöhe. Manche Menschen unterstellten mir, dass ich mit dem Geld eine Luxuswohnung in der Schweiz gekauft hätte. Das war eine knallharte Lüge. Um einige Freunde ist es still geworden. Das enttäuschte mich und war schwer zu ertragen. Ich habe immer gebetet: „Herr, dieser Verlag gehört dir. Du kannst mit ihm machen, was du willst.“ Das war kein Lippenbekenntnis.

Wie haben Sie es geschafft, bei all Ihrer Arbeit Freiräume für die Familie zu schaffen?

Da bin ich immer schuldig geworden. Rückblickend ist es ein unverdientes Geschenk, dass alle unsere Kinder ihren Weg mit Gott gehen. Wir konnten sie mit auf die Freizeiten nehmen, die ich geleitet habe. Heute haben wir 15 Enkel und drei Urenkel.

Wie oft sind Sie noch im Verlag?

Bis vor einem Jahr war ich regelmäßig dort. Aktuell hole ich wöchentlich meine Post ab. Etwa einmal im Monat spreche ich mit der Verlagsleitung. Ich schlage auch Publikationen vor, die manchmal angenommen werden. Ich halte es für legitim, mit bald 92 Jahren etwas zurückzuschrauben.

Wie gelingt es heute, die Sehnsucht junger Menschen für Gott und den Glauben zu wecken?

Wir müssen ihnen das Evangelium ansprechend, aber klar und glaubhaft verkündigen. Im christlichen Bereich wird zu wenig Seelsorge betrieben. Viele Christen haben größere Probleme mit ihrem Leben, als man denkt und erwartet. Das merke ich ganz oft, wenn mich Menschen um Rat fragen.

Was wünschen Sie sich beim Blick in die christliche Verlagsszene?

Sie sollen bei ihrer klaren Botschaft bleiben und nicht dieses und jenes meinen und von einem Ast auf den anderen hüpfen. Die Leute nehmen klare Positionen ernst.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Johannes Weil

Sie können sich über Disqus, facebook, Twitter oder Google+ anmelden um zu kommentieren. Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine E-Mail-Adresse ein. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Um Missbrauch zu vermeiden, werden wir Ihren Kommentar erst nach Prüfung auf unserer Seite freischalten. Wir behalten uns vor, nur sachliche und argumentativ wertvolle Kommentare online zu stellen. Bitte achten Sie auch darauf, dass wir Beiträge mit mehr als 1600 Zeichen nicht veröffentlichen. Mit Abgabe des Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Datenschutz
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Moderation
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei der Christlichen Medieninitiative pro e.V. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in den Nutzungsbedingungen.

comments powered by Disqus

pdf-Magazin

Lesen Sie die Nachrichten der Woche jeden Donnerstag auf Ihrem Bildschirm.