Für Arne Kopfermann ist der nahbare Gott phasenweise in weite Ferne gerückt

Für Arne Kopfermann ist der nahbare Gott phasenweise in weite Ferne gerückt

„Gott ist nicht mein Kumpel“

Ein Autounfall veränderte Arne Kopfermanns Leben. Seit seine kleine Tochter dabei starb, gibt es für ihn keinen „guten Kumpel Gott“ mehr.

Das große Wohnzimmer mit offener Küche erinnert an eine Möbelhaus-Ausstellung: Anthrazitfarbene Sitzgarnitur, wandfüllender XXL-Bildschirm, weiße Designer-Möbel und als stilvoller Farbklecks ein grünes Sofa, vor einem der bodentiefen Doppelfenster. Das alles sieht schick aus und sehr, sehr aufgeräumt. Das war nicht immer so, erzählt Arne Kopfermann, der hier wohnt. Früher lagen hier Spielzeug, Anziehsachen, Schulhefte und alles, was seine kleine, lebhafte Tochter Sara im Haus verteilte.

Aber Sara lebt nicht mehr. Vor vier Jahren ist sie bei einem Autounfall gestorben. Kopfermann saß selbst am Steuer. Er, seine Frau und sein Sohn blieben weitgehend unverletzt. Die Zehnjährige war vermutlich gleich tot, auch wenn erst nach zehn Tagen, an denen sie im Koma im Krankenhaus lag, die Geräte abgestellt wurden.

Anspannung, Bangen und schwindende Hoffnung bei Familie Kopfermann. Dann Sprachlosigkeit. „Worte helfen anfangs nicht“, beschreibt Kopfermann die Momente erster Fassungslosigkeit. Vier Jahre später ist der Schock der Trauer und dem Entschluss gewichen: „Ich lehne es ab, zukünftig voller Angst zu leben.“ Auch wenn Autofahren für ihn immer noch traumatisch sei, denn „das kann man nicht wegbeten“.

Hoffen auf die Ewigkeit

Der christliche Liedermacher und Musikproduzent singt auf der Bühne: Gott ist zuverlässig, Gott ist vertrauenswürdig. Auch für seine Tochter hat er fast jeden Tag gebetet oder gesungen: Dass Gott sie behüten möge. An Saras Bett hieß es abends: „Morgen früh, weil Gott will, wirst du wieder geweckt“, und nicht „wenn Gott will“, wie es der Originaltext des Gute-Nacht-Liedes vorsieht. Aber Gott hatte andere Pläne. Er hat es zugelassen, dass Kopfermanns Leben ein Stück weit zerbrach, als Saras Leben aufhörte.

Der Musiker hat sich nach diesem Einschnitt gefragt: „Wie kann ein Mensch so einer Situation begegnen ohne ewige Hoffnung? Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Den Glauben beschreibt er als „Muskel und Geschenk“. Ein Geschenk bekommt man, ohne es zu verdienen. Muskeln trainiert man, um sie zu stärken. Genauso ist es mit dem Glauben, sagt er: Man bekommt ihn geschenkt. Aber wer Glauben täglich einübt und gewohnt ist, Gott als Realität in seinem Leben zu erwarten, ist in Krisensituationen im Vorteil.

Er empfindet es als Geschenk, dass er und seine Frau das Vertrauen auf Gott nicht verloren haben. „Hunderte Menschen haben für uns gebetet. Ich halte viel von der Kraft des Gebets“, ist Kopfermanns Erklärung. „Aber ich glaube nicht an ein Reiz-Reaktions-Schema, nach dem Muster ‚Wenn du betest, dann bekommst du ...‘. So funktioniert Gebet nicht.“ Er versteht den biblischen Satz „Wer bittet, dem wird gegeben“ nicht im Sinne einer Verfügbarkeit. Der Glaube ist für ihn nicht widerspruchsfrei. Trotzdem betet er weiter um Heilung, wenn beispielsweise ein Freund krank ist.

Kopfermann ist in einer evangelistisch geprägten Gemeinde in Hamburg groß geworden. Mit zwölf Jahren entschied er sich für Jesus. Der war ihm über Jahre ein verlässlicher Freund. Heute sagt Kopfermann: „Gott ist nicht mein Kumpel. Wir sind kein ‚duftes Team‘.“ Mehr als vor dem Unfall ist ihm seine Distanz zu Gott bewusst geworden. In den Vordergrund haben sich für ihn gerade in den ersten Monaten nach dem Unfall Vorstellungen eines souveränen Gottes und Weltenherrschers geschoben. „Der nahbare Gott ist dagegen phasenweise in weite Ferne gerückt“, sagt er.

Er reibt sich einerseits an Gott, der nicht verhindert hat, dass seine Tochter starb. Andererseits sei Gott das einzige Bindeglied zu ihr. Er hat Gott aufgetragen: „Herr, bitte drück mein Kind von mir, ich kann es ja jetzt nicht mehr.“ Dieses Bewusstsein habe ihm die vertrauensvolle Seite seiner eigenen Gottesbeziehung wieder neu vor Augen geführt.

Und trotz aller Klage, dass Gott den Unfall und seine Folgen nicht verhindert hat, stellt er nicht infrage, dass Gott vollkommen ist: „Ich hatte niemals Zweifel daran, dass es Sara gut geht. Das ist unangetastet geblieben.“

Mehr als 600 Lieder sind aus Kopfer­manns Feder geflossen, mehr als 60 CDs hat er produziert. Wie oft er auf der Bühne gestanden hat, kann er nicht mehr zählen. Die Schar seiner Facebook-Fans ist so groß, dass das Netzwerk Freundschaftsanfragen direkt in Follower umwandelt, weil die maximal mögliche Anzahl von Freunden auf Facebook, 5.000, längst überschritten ist.

Der Mann, der scheinbar alles erreicht hat, sagt: „Meine Hilflosigkeit angesichts der Größe Gottes ist mir sehr bewusst. Ich muss wieder lernen, vertrauensvoll wie ein Kind zu leben, weil mir neu deutlich geworden ist, dass ich die Zusammenhänge auf dieser Welt nicht durchschaue. Gott weiß, ich nicht.“ Er erklärt: „Zeitlebens habe ich Verlässlichkeit an mir festgemacht. Aber ich stehe nicht mehr im Zentrum. Nur weil ich mich persönlich an ihn wende, heißt das nicht, dass Gott und ich auf der gleichen Ebene stehen: Er entscheidet und ich folge in einem Maße, das ich ertrage.“

Kopfermann formuliert vorsichtiger, als es viele andere tun. Ein einfaches „du entscheidest, ich folge“ kommt für ihn nicht in Frage, weil ihm seine Begrenzungen bewusst sind: „Ich traue mir selbst weniger. Ich bin mir nicht sicher, dass mich nichts aus der Bahn werfen kann.“ Das Ideal, „wenn ich dich sehe, dann fürchte ich nichts mehr“, könne er nicht leisten. Für ein weit verbreitetes und für ihn schwer erträgliches Übel hält er die „Selbstüberschätzung der eigenen Nachfolgefähigkeit“, wie Kopfermann sagt. Wie unterschiedlich Menschen damit umgehen, wenn eine Krise kommt, zeigt sich am Ehepaar Kopfermann. Während sie ihrer Trauer in aller Zurückgezogenheit begegnet und viele Fragen mit sich selbst und ihren engsten Vertrauten ausmacht, kommt es ihm entgegen, offen über das zu sprechen, was ihn bewegt.

Klage in den Himmel schreien

Dass er als „Berufschrist“ einem breiten Publikum bekannt ist, hat ihn von Anfang an gefordert, öffentlich Stellung zu beziehen. Die Menschen schauten auf ihn, wollten wissen, ob das, was er auf der Bühne singt, auch in der Krise trägt. „Ich habe für mich ausgeschlossen, dass ich mir nur im ganz großen Stil etwas vormache. Ich erhalte den Glauben nicht nur deshalb aufrecht, um mir nicht auch noch den Rest meiner Sicherheit nehmen zu lassen. Dazu ist er zu real.“ Er fühlt sich heute, genau wie seit seinem zwölften Lebensjahr, als Kind eines barmherzigen und liebevollen Gottes.

Der persönliche Schicksalsschlag hat sein berufliches Schaffen in zweierlei Hinsicht geprägt. Zum einen ist Kopfermann aufmerksamer geworden, welche Texte er singt. Eine Zeile aus Matt Redmans Lied „10.000 Gründe“ hat er bei einem Auftritt umgetextet in „sing auch heute für ihn“, statt „sing wie niemals zuvor nur für ihn“. Denn er fühle sich Gott nicht immer näher als am vorherigen Tag. Reifer Glaube ist keine lineare Entwicklung, sagt er.

Auch habe er sich anfangs schwergetan, die Zeilen „Egal, was du mir nimmst, du bist und bleibst mein Gott“ aus dem Lied „Dir gehört mein Lob“ zu singen. „Dass ich es inzwischen wieder singen kann, ist ein Geschenk“, sagt Kopfermann. Zum anderen ist dem Liedermacher bewusst geworden, dass Klagepsalmen sehr wenig Raum in der modernen Lobpreisbewegung einnehmen. Kopfermann erklärt: „Wir Lobpreisliederschreiber leihen den Menschen Gebete, aber nicht genug Zeilen für existenzielle Fragen. Das ist nicht gut. Denn wer seine Klage nicht zum Himmel schreit, schreit irgendwann gar nicht mehr zum Himmel.“ Diese Art innerer Entfernung sei gefährlich. Deswegen, und auch um dem Glauben Authentizität zu verleihen, möchte er den Bereich erweitern, „in dem noch so viel Sprachlosigkeit herrscht“.

„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“ Psalm 91, 1–2

Die Lieder, die Kopfermann zuletzt veröffentlicht hat, geben die Zerbrechlichkeit wieder, die er heute spürt. Die Texte sind differenzierter und geben dem Unsicheren, Unvollkommenen und nicht Perfekten mehr Raum.

Dazu passt es, dass Kopfermanns Familie vor einigen Monaten die Gemeinde gewechselt hat. Nicht im Streit. Gerade in der schwersten Zeit habe die alte Gemeinde viel für ihn gebetet und die Familie getragen. Aber in verschiedenen Lebensphasen habe man unterschiedliche Bedürfnisse. „Ich ertrage Orte nicht gut, an denen Glaube als leicht dargestellt wird. Es gibt keinen ‚quick fix‘. Ich bin kritischer geworden gegenüber allem, was zu vollmundig daher kommt.“ Er und seine Frau haben eine Gemeinde gefunden, deren Portfolio so breit sei, dass auch die dunklen Seiten des Lebens betrachtet würden, angemessen, vorsichtig, feinsinnig.

Das einzig Gute, das er Zeiten der Trauer abgewinnen könne, sei, dass „wir in diesen Zeiten beweglich sind, Dinge zu verändern“. Gerade in diesen Zeiten bemerke man, dass es in der Welt um mehr geht als das eigene Wohlergehen. „Ich mache mir mehr Gedanken über die Menschen um mich herum“, erklärt er. Darum engagiert er sich beispielsweise gerade jetzt, da seine eigene Tochter nicht mehr auf der Erde ist, im Sara Projekt verstärkt für traumatisierte geflüchtete Kinder.

Kopfermann hat nach dem Unfall ein Buch über seine Trauer geschrieben. Er hat Lieder komponiert, er gibt Konzerte und Lesungen, erzählt auf der ganz großen Bühne von seinem Verlust und teilt seine Trauer offen mit. Er hat in einer Therapie ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Er sagt von sich: „Meine Verarbeitung dieses Verlustes ist nicht abgeschlossen. Er ist wie eine Amputation – die Lücke wird immer bleiben.“

Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe 6/2018 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro hier kostenlos.

Von: Stefanie Ramsperger

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