Das Holzkreuz hat Walter Kohl hinter dem Schreibtisch seines Büros im hessischen Königstein aufgehängt. Hauptberuflich ist er Unternehmer.

Das Holzkreuz hat Walter Kohl hinter dem Schreibtisch seines Büros im hessischen Königstein aufgehängt. Hauptberuflich ist er Unternehmer.

„Zu viele Menschen haben vergessen, was Krieg ist“

Seinen Suizid hatte Walter Kohl schon fest geplant, als er beschloss, seinem Leben einen Sinn zu geben. Auch der christliche Glaube half ihm dabei, Frieden zu finden. Längst ist er nicht mehr bloß „der Sohn vom Kohl“, dem früheren Bundeskanzler. Politisch äußert er sich dennoch. An Rechtspopulisten hat er eine deutliche Botschaft.

pro: Sie waren neulich mit Ihrem Sohn in Verdun, nicht gerade einem Ort des Friedens. 1916 tobte dort eine Schlacht zwischen Deutschland und Frankreich. Auch Ihr Großvater hat dort gekämpft. Was haben Sie empfunden, als Sie da waren?

Walter Kohl: An allen Masten wehten drei Fahnen: die deutsche, die französische und die europäische. Das hat mich berührt. Noch hundert Jahre danach merkt man diesem Ort den Schmerz an, die Brutalität eines Vernichtungskrieges, des endlosen Artilleriefeuers, der Gasangriffe – so ziemlich alle Scheußlichkeiten, die Menschen einander antun können, gab es hier. Heute erstarken Rechtspopulisten wieder. Ich wünsche mir, dass diese Leute alle einen Tag und eine Nacht auf einem Soldatenfriedhof verbringen. Als heilsame Kur dafür, dass Nationalismus in den Abgrund führt.

Führt Nationalismus automatisch in den Abgrund?

Ab einem gewissen Punkt ja. Da gibt’s nämlich kein „Wir“ mehr, sondern nur noch ein „Uns“ und „Euch“. Das ist die Grundlage dafür, Menschengruppen zu diffamieren – ob religiöse oder ethnische Gemeinschaften, völlig egal. Der christliche Glaube lehrt: Ob du Zöllner oder Hure bist, römischer Soldat oder Pharisäer, alle sind als Menschen zu achten. Das ist im Nationalismus nicht so. Ich bin für Patriotismus. Zwischen Patriotismus und Nationalismus gibt es allerdings einen sehr großen Unterschied.

Und der wäre?

 

Patriotismus kommt vom lateinischen Wort „patria“, „Vaterland“. Das ist das Land, die Kultur, aus der ich stamme. Das heißt aber nicht, dass diese Kultur besser ist oder den Rest der Welt beherrschen soll. Nationalismus ist ausgrenzend. Der Nationalist sieht seine Nation über allen anderen stehen. Damit hat er die Lunte für den nächsten Konflikt gelegt.

Warum gewinnen Rechtspopulisten an Einfluss?

Zu viele Menschen in Westeuropa haben vergessen, was Krieg ist, weil, Gott sei Dank, seit langer Zeit Frieden herrscht. Dazu kommen viele unausgesprochene Ängste, die oft auch ignoriert werden. Wir haben eine Kultur der öffentlichen Meinungsbildung, die sehr schnelllebig ist und vom Affekt beherrscht wird. Die traurige Ironie im Informationszeitalter ist, dass wir zu wenige tiefgehende Diskussionen führen. Alles muss schnell, schnell sein.

Meinen Sie damit unsere Regierung?

Ja auch. Wenn wir ein gesundes Verhältnis zu unserer Heimat in Europa und zu unserer Geschichte hätten, gäbe es keine Rechtspopulisten. Da bin ich mir absolut sicher. Die 68er Multikulti-Denke ist gescheitert. Heute müssen wir Integration anders gestalten. Wir müssen viel stärker die Frauen aus den Einwanderungsfamilien integrieren. Die deutsche Sprache muss zur Pflicht werden. Kinder müssen die Schule besuchen und qualifiziert abschließen. Der Arbeitsmarkt und die Gesellschaft müssen so geöffnet werden, dass ein Einwanderer hier auch eine reale Chance hat.

Neustart nach dem Zusammenbruch

Ihr großes Thema ist „Lebensgestaltung“. Wie können Menschen ihre Bestimmung finden?

Ein Vorschlag: Was sollen Menschen über mich sagen, wenn ich als Vöglein auf dem Baum meiner eigenen Beerdigung lausche? Schnell wird klar, was man nicht hören will: Klassische Statussymbole, tolles Auto, schicke Villa oder was auch immer. Wichtig ist, wie wir miteinander gelebt haben. „Er war ein guter Mensch, ein guter Vater, eine gute Mutter“ – das will man hören. Eine weitere Frage: Was sind die Dinge, bei denen du die Zeit vergisst? Dort findet man Sinn. Dazu gehört auch, zu gewissen Dingen nein zu sagen und sich nicht zu sehr fremdbestimmen zu lassen.

Sie haben selbst vor 15 Jahren eine schwere Krise durchgemacht.

Es war wie eine Flutwelle aus drei fast gleichzeitigen Ereignissen, die mein altes Leben zerstörte. Die Parteispendenaffäre (der CDU, Anm. d. Red.) hatte für mich beruflich katastrophale Folgen, weil sie mir meine Perspektive raubte. Zweitens war es der Suizid meiner Mutter im Juli 2001 und schließlich das Zerbrechen meiner ersten Ehe. An diesen drei Ereignissen ist mein altes Leben zerbrochen und ich war wirtschaftlich wie psychisch am Ende. Ich hatte sechs Monate keinen Geschmackssinn. Ich konnte Nutella mit Senf und Gewürzgurke auf einem Brot essen und es schmeckte wie Papier. Meinen eigenen Selbstmord habe ich komplett vorbereitet. Ich war sehr, sehr weit unten. Da stellte ich mir die Frage: Warum und wofür willst du leben? Was willst du hinterlassen? Gott sei Dank habe ich darauf neue Antworten gefunden, im Glauben, in der Logotherapie von Viktor Frankl und der stoischen Philosophie, insbesondere von Seneca.

Wie hat diese Krise Ihre Sicht auf Gott verändert?

Zuerst einmal war da eine Phase, in der meine Gefühle völlig taub waren. Ich hatte überhaupt keinen Bezug zu Gott, zu gar nichts, weder zu mir selbst noch zu anderen Menschen – nichts. Ich musste mich entscheiden: Will ich leben oder sterben? Während des Elbe-Hochwassers 2002 fragte mich mein Sohn, ob das auch bei uns passieren könne. „Nein“, beruhigte ich ihn, „denn wir wohnen auf einem Hügel.“ Dann sagte ich den Satz: „Solange ich lebe, musst du dir keine Sorgen machen.“ Ich stutzte, denn zu diesem Zeitpunkt war ich hochgradig suizidär. Nun spürte ich: Wenn ich weiterlebe, dann muss es ein bewusstes Leben sein, eines mit Sinn. Mein Sinn heute ist, für Freundschaft zu werben und etwas für den Frieden zu tun. Wenn mir das gelungen ist, kann ich in Ruhe sterben.

„Der schwierigste Friede ist der mit mir selbst.”

Sie haben einen sehr berühmten Vater, den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl. Hat auf Ihnen die Frage gelastet, was Ihr Platz im Leben ist?

 

Das war früher der Fall, heute überhaupt nicht mehr. Ich habe vor fünf oder sechs Jahren einen Wandel vollzogen, was mein Selbstbewusstsein angeht. Früher war ich „der Sohn vom Kohl“, heute bin ich „auch der Sohn vom Kohl“. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Heute kommen Leute in meine Veranstaltungen und sagen: „Ich konnte Ihren Vater nie leiden und ich bin wegen Ihnen gekommen.“ Ich weiß, dass ich der Sohn meines Vaters bin. Aber ich bin auch der Sohn von Hannelore. Ich stehe zu meiner Herkunft. Und heute kann ich dies für meinen Sinn einsetzen, etwas für den Frieden zu tun.

In Bezug auf Ihren Vater sprechen Sie von einer „einseitigen Versöhnung“. Was meinen Sie damit?

Der Gedanke kam mir am Grab meiner Mutter. Ein Suizid ist für alle Betroffenen furchtbar. Mir drängte sich die Frage auf: Will meine Mutter, dass ich unter ihrer Entscheidung leide? Nein, aber wir können uns nicht mehr aussprechen. Als Lebender habe ich jedoch die Chance, meinen einseitigen Frieden mit ihrem Tod zu machen. Ein unglaublich befreiender Gedanke. Mein zweiter Gedanke war: Muss ein Mensch erst tot sein, damit wir unseren einseitigen Frieden schließen können? Nein. Einseitige Versöhnung geht genauso gut mit Lebenden wie mit Toten.

Wünschen Sie sich, dass aus Ihrer einseitigen Versöhnung mit Ihrem Vater auch eine gegenseitige Versöhnung wird?

Das wäre ein Missverständnis darüber, was einseitige Versöhnung bedeutet. Einseitige Versöhnung ist erwartungsfrei. Es gibt dann keine versteckten Wünsche oder Hoffnungen mehr – es ist geklärt. Was kommt, kommt. Oder auch nicht. Und damit ist auch gut.

Drei Freundschaften für ein gelingendes Leben

Welche Rolle spielt dabei der christliche Glaube für Sie?

Er ist für mich sehr wichtig. Ich bin katholisch geprägt. Während meiner Unizeit war ich sehr weit weg von meinem Glauben, auch in den ersten Berufsjahren.

Wie kam es dazu?

Ich habe damals in der katholischen Studentengemeinde in Harvard aktiv mitgearbeitet. Kardinal Bernard Francis Law war damals ein ultrakonservativer Erzbischof der Diözese Boston. Das war ein bitteres Brot, um es mal höflich auszudrücken.

Hat Sie das abgeschreckt?

Konservativismus im Sinne von „Betonköpfigkeit“ ist abschreckend: „Was die Kirche sagt, ist richtig.“ Das Dogma steht im Vordergrund, nicht die Botschaft der Bibel. Wenn ich die Evangelien lese, fühle ich Nächstenliebe und Güte. Das vermisse ich heute in weiten Teilen der Amtskirche. Wenn wir uns auf die Quintessenz der Evangelien konzentrieren, die Hinwendung zum Nächsten, dann sind wir automatisch auf dem richtigen Weg. Wir sollten nicht mit Dogmen wie der Unfehlbarkeit um uns werfen.

Was bedeutet es für Sie, sich dem Nächsten zuzuwenden?

Verantwortung zu übernehmen und Menschen zu helfen. Dass ich das, was ich mache, möglichst sinnhaft tue. Neulich sprach ich in der Klinik Hohemark, einer christlich orientierten Einrichtung für Menschen mit psychischen Störungen. Viele der etwa 200 Zuhörer waren suizidgefährdet. Wir sprachen dann über das Leben, über das „Trotzdem“, über die Freiheit der neuen Perspektive, die Chance des einseitigen inneren Friedens, über neue Antworten.

Mit wem muss ich denn meinen Frieden schließen, wenn ich zum Beispiel in einer Depression stecke?

Mit mir selbst. Das ist wohl der schwierigste Friede. Ich spreche gerne von drei Freundschaften. Die erste ist die Freundschaft mit sich selbst, mit den eigenen Unzulänglichkeiten, mit Scheitern, mit unerfüllten Erwartungen. Hier hilft einseitiger Frieden ungemein. Die zweite Freundschaft ist die mit anderen Menschen, sie baut auf der ersten Freundschaft auf. Die dritte ist die Freundschaft mit Gott – oder für die, die mit Glauben nichts am Hut haben wollen, die Freundschaft mit ihrer eigenen Spiritualität. Diese drei Freundschaften symbolisieren für mich die Summe eines gelungenen Lebens.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Der Text ist der Ausgabe 6/2016 des Christlichen Medienmagazins pro entnommen. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich online, unter Telefon 06441 915 151 oder per E-Mail an info@kep.de.

Die Fragen stellte Nicolai Franz

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