Spricht sich für eine profiliertere Kirche in Corona-Zeiten aus: ZDF-Chefredakteur Peter Frey

Spricht sich für eine profiliertere Kirche in Corona-Zeiten aus: ZDF-Chefredakteur Peter Frey

ZDF-Chefredakteur: „Kirche geht verzagt auf Tauchstation“

Der Journalist Peter Frey erlebt in der Corona-Krise eine Kirche, „die verzagt auf Tauchstation geht und die Türen zumacht“. Der gläubige Katholik wünscht sich Pfarrer, die einen Weg zu den Menschen finden, statt sich in ihren Pfarrhäusern einzuschließen.

Die Kirche ist in der Corona-Krise zu wenig als gesellschaftlicher Akteur mit eigenen Positionen hör- und sichtbar geworden. Dies bemängelt der ZDF-Chefredakteur Peter Frey in einem Gastbeitrag für die Zeit-Beilage „Christ und Welt“. Die Kirche habe zu oft versagt, wenn es darum gegangen sei, Fragen nach dem Sinn dieser Katastrophe zuzulassen und um Antworten zu ringen: „So fehlt der Pandemie und ihren Folgen bis heute jede spirituelle Vertiefung.“

Die Pandemie habe alles auf den Kopf gestellt. Jeder sei „zunehmend genervt“ von der Situation. Andererseits seien die Menschen zu wirklichen Veränderungen in der Lage, „wenn es sein muss“. Viele spürten zum ersten Mal, „dass der Staat Absicherung und Hilfe nur begrenzt leisten kann“. Dieser hänge sogar vom guten Willen seiner Bevölkerung ab, um die Krise erfolgreich zu meistern.

Während das Virus Demut fordere, werde bürgerschaftliche Solidarität zum Kernwert. Der Kampf gegen das Virus könne die Gesellschaft nur solidarisch gewinnen. Frey sieht es als Zumutung an, „dass die Kirche denen, die noch in ihr glauben wollen, gerade so wenig Raum bietet, zusammenzukommen“. Der Raum für Klagen, Wut und Trauer oder gemeinschaftliche Impulse fehle.

„Kirche hat Kernaufgabe vernachlässigt“

Kirche habe sogar an Ostern – „bereitwillig staatsloyal, aber ohne sichtbare Trauer über den Verlust“ – auf Gottesdienste verzichtet. Sie habe auch ihre Kernaufgaben vernachlässigt und sich zu wenig „um die von der Pandemie bedrängten Menschen“ gekümmert. Bischöfe hätten mehr ethische Debatten einfordern sollen. Die Kirche habe aber auch ganz praktische Fragen, etwa wie man Beerdigungen durchführen kann, kaum beantwortet.

Frey findet es positiv, dass die „aufgeklärte Kirche der Versuchung widerstanden hat, die Pandemie als Gottesstrafe zu instrumentalisieren“. Kirchliche Krankenhäuser, Altenheime und Beratungsstellen hätten geholfen, die Krise zu überstehen und in der Krise an Werten festzuhalten. Zudem habe es auch keine große gesellschaftliche Debatte über die Impf-Reihenfolge gegeben: „Die Botschaft des Respekts vor den Schwachen und Verletzlichen hat sich durchgesetzt.“

Botschaft der Kirche systemrelevant

Die Botschaft der Kirche sei nach wie vor systemrelevant, „aber sie hat sich von der Kirche quasi weggelöst“. Viele Gläubige fragten sich, was sie eigentlich zurückbringen wird in die Gotteshäuser. Die Aussicht auf Orgel, Kerzen und Gesang werde die Kirchen nicht füllen: „Auch das Gefühl von Gemeinschaft, lebendiger Gemeinde wird nicht einfach zurückkommen nach Monaten des Dürstens nach Anlehnung, Zusammensein, gemeinsamen Fragen nach Sinn und praktischer Tat.“

Frey plädiert dafür, positive Beispiele bekannt zu machen, wo eine neue kirchliche Praxis funktioniert hat. Er wünsche sich, dass Kirche auch „virtuelle Foren für Gespräch und Austausch“ schaffe. Pfarrer müssten ihr Interesse an sichtbaren Neuanfängen verdeutlichen und direktere Wege zu den Menschen suchen. Nur so könnten sie Relevanz für die Gesellschaft wiedergewinnen. Laien müssten Defizite aussprechen und ihrer Sehnsucht eine Stimme geben: „Sie müssen aber auch bereit sein, eigene Formen des Glaubens zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen, für sich, die Kirche und die Gesellschaft.“

Kirche ist aus Sicht von Frey noch systemrelevant: „Aber ohne Relevanz für den Einzelnen und ohne Einzelne, die sich für die Botschaft in die Pflicht nehmen, ist sie nur ein Apparat.“ Der 63-jährige Peter Frey gehört dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an. Er hat schon häufiger kritisiert, wenn sich seine Kirche aus seiner Sicht wegduckt. Im Zuge des Missbrauchsskandals durch katholische Geistliche hatte er eine angemessene Entschädigung der Opfer gefordert.

Von: Johannes Blöcher-Weil

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