Will sich der weiteren Aufarbeitung der Missbrauchsfälle stellen: Berlins Erzbischof Heiner Koch

Will sich der weiteren Aufarbeitung der Missbrauchsfälle stellen: Berlins Erzbischof Heiner Koch

Berlins Erzbischof Koch will Missbrauch weiter aufarbeiten

Berlins Erzbischof Heiner Koch hat eine weitere Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche gefordert. Das Leid der Betroffenen könne nicht rückgängig gemacht werden. Es gehe darum, ihr Leid anzuerkennen und die Risiken für Missbrauch zu minimieren, sagte Koch bei der Vorstellung des Gutachtens zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum Berlin am Freitag.

Von 1946 bis 2019 gibt es insgesamt 61 Geistliche, bei denen im Erzbistum Berlin sexueller Missbrauch aktenkundig geworden ist. Die Rechtsanwälte Sabine Wildfeuer und Peter-Andreas Brand stellten die Ergebnisse des Aktenstudiums am Freitag im Rahmen einer Pressekonferenz vor. Aus den 20.000 Aktenseiten ist ein 669-seitiges Gutachten geworden.

Aus dem Gutachten geht hervor, dass es mindestens 121 Opfer gegeben hat. Die Rechtsanwälte räumten ein, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegen könnte. Bei den Beschuldigten handele es sich vor allem um Priester und Ordensmitglieder aus dem Bereich des Bistums. Wildfeuer erklärte, dass die Zahlen der Täter in Berlin (4,22 Prozent) in etwa so hoch seien, wie sie auch die bundesweite Studie ermittelte (4,4 Prozent), die die Deutsche Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hatte.

„Eine erhebliche Dunkelziffer“

37 Beschuldigte seien bereits verstorben, 18 befänden sich im Ruhestand. In 49 der aktenkundigen Fälle handele es sich um sexuellen Missbrauch von Minderjährigen, in fünf Fällen um eine sogenannte Grenzüberschreitung, in einem Fall um Kinderpornografie. Drei Fälle könnten nicht eindeutig zugeordnet werden. Bei acht Beschuldigten seien vier oder mehr Betroffene Opfer des Missbrauchs geworden.

Ein Großteil der Taten liege in den 50er- und 60er-Jahren. Dass sich ihre Zahl danach reduziert habe, sage nichts über die wirkliche Quantität aus: „Viele Betroffene zeigen erst Jahrzehnte nach der Tat jemanden an.“ Zum Zeitpunkt des ersten Missbrauchs seien die Betroffenen zwischen acht und 16 Jahren, die Beschuldigten mehrheitlich zwischen 30 und 49 Jahren gewesen. In 21 Fällen habe die Justiz ermittelt, davon seien in elf Fällen Gerichtsverfahren eröffnet worden.

Die Gutachter werfen dem Erzbistum Berlin schwere Versäumnisse bei der Verfolgung und Aufarbeitung der Fälle in den eigenen Reihen vor. Ein Hemmschuh für die Aufklärung seien die hierarchischen Strukturen des Ordinariats. Wenn das Bistum jetzt Maßnahmen einleite, müssten dafür später auch eine Qualitäts- und Erfolgskontrolle erfolgen. Brand fragte, ob es sinnvoll sei, die Verwaltungsleitung in die Hand von Klerikern zu legen.

Null-Toleranz-Politik stringent umsetzen

Er prangerte eine unordentliche und uneinheitliche Aktenführung an. Zudem seien häufig kirchenrechtliche Vorschriften nicht beachtet oder durch den Bischof umgesetzt worden. Die entsprechenden Stellen seien oft nur dann tätig geworden, „wenn es zwingend erforderlich und unumgänglich war“. Statt nur auf Missbrauchsfälle zu reagieren, wünsche er sich für die Zukunft ein pro-aktives Vorgehen der Kirche.

Brand stellte auch in Frage, ob im Kommunion- oder Firm-Unterricht Sexualaufklärung stattfinden müsse. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass der Priesterberuf eine Anziehungskraft für Pädophile habe. Dieses Problem sei vermutlich eher auf Ebene der Weltkirche zu regeln, damit es gelinge, charakterlich ausgereifte Menschen für den Beruf zu gewinnen. Die öffentlich propagierte Null-Toleranz-Politik müsse von allen Verantwortlichen der Katholischen Kirche mit Leben gefüllt werde.

Oft hätten die Beteiligten mit allen Mitteln versucht, „Schaden von der Institution Kirche abzuwenden“, ergänzte Wildfeuer. Erst seit den Vorfällen am Canisius-Kolleg 2010 habe sich eine größere Empathie in den zuständigen Stellen entwickelt: vom Beschuldigten zum Betroffenen. Es gehe darum, Strukturen zu schaffen, die für Aufklärung sorgten und Prävention ermöglichten.

Erzbischof Heiner Koch berichtete in seiner Einführung, dass er etwa mit der Hälfte der noch lebenden Opfer gesprochen habe. Diese Gespräche hätten ihn „zutiefst erschüttert und beschämt“. Viele von ihnen wollten der Kirche helfen, um solche Vorfälle zukünftig zu vermeiden. Er selbst wolle bei einer nachhaltigen Aufarbeitung helfen. Es gehe vorrangig darum, die Betroffenen im Blick zu haben und gemeinsam mit ihnen Schlussfolgerungen und Präventionsmaßnahmen zu bedenken und umzusetzen.

Vertrauen zurückgewinnen

Er übernehme die Verantwortung, „wo vertuscht oder nicht angemessen mit Schuld umgegangen wurde“, wo Menschen im „System Kirche“ das Offensichtliche nicht wahrhaben wollten oder systematisch weggeschaut hätten, sagte Koch. Er ermutigte auch Betroffene, die sich bisher noch nicht gemeldet haben, dies zu tun.

Generalvikar Pater Manfred Kollig betonte, dass Kirche verlorengegangenes Vertrauens zurückgewinnen müsse. Für die Weiterarbeit habe das Bistum eine sechsköpfige Kommission gegründet. Sie sei frei in ihrer Arbeit und lediglich der Vertraulichkeit im Sinne des Datenschutzes verpflichtet. Neben der Aufarbeitung und möglichen personellen Konsequenzen solle sie auch Vereinbarungen für die Zukunft treffen, um Missstände zu verbessern.

Für Betroffenen stehe eine Ansprechperson des Bistums für Hinweise auf sexuellen Missbrauch zur Verfügung. Mögliche Ergebnisse der Gutachten-Kommission würden zu gegebener Zeit vorgestellt.

Von: Johannes Blöcher-Weil

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