Der Theologe Michael Kotsch hat auf der Leitungsebene christlicher Gemeinden Auseinandersetzungen festgestellt, die sich an Corona entzündet haben

Der Theologe Michael Kotsch hat auf der Leitungsebene christlicher Gemeinden Auseinandersetzungen festgestellt, die sich an Corona entzündet haben

„Viele Corona-Gegner haben sich in selbstverstärkende Parallelgesellschaft zurückgezogen“

Über die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie scheiden sich die Geister. Auch in christlichen Gemeinden gehen die Meinungen darüber auseinander. Der konservative Theologe und Autor Michael Kotsch fordert im Interview von Christen, allen durch Corona stark verängstigten Menschen Hoffnung und Trost zu vermitteln, statt sich in sinnlosen Diskussionen zu versteigen.

pro: Herr Kotsch, warum ist die Kluft zwischen „Corona-Kritikern“ und „Corona-Akzeptierern“ unter Christen „gefühlt“ weiter als beim Rest der Bevölkerung?

Michael Kotsch: Soziologische Untersuchungen der letzten Jahre konnten aufzeigen, dass Menschen, die feste religiöse Wahrheiten akzeptieren, prinzipiell auch in anderen Bereichen ihres Lebens nach klaren, deutlichen Antworten suchen. Wer nun in Corona-Fragen „eindeutige Wahrheiten“ vertritt, ist zumeist weniger geneigt, Andersdenkende einfach stehenzulassen.

Insbesondere in theologisch konservativen Gemeinden beobachte ich momentan eine deutliche Spannung. Teilweise haben sich unter diesen Christen schon seit mehreren Jahren eine starke Politikverdrossenheit und eine generelle Skepsis dem Staat gegenüber breit gemacht. Immer weniger fühlt man sich von einer Regierung vertreten, die sukzessive traditionelle christliche Werte infrage stellt oder sogar negativ verortet. Gerne ordnet man dann neue gesellschaftliche Herausforderungen in dieses Gesamtbild ein und betrachtet eine Kritik an der eigenen Staatsskepsis als indirekten Angriff auf die vermissten christlichen Werte. Das führt unweigerlich zu Spannungen mit Christen, die diesen moralischen Verfall nicht in allen politischen Entscheidungen erkennen können.

In geistlich lebendigen Gemeinden werden zwischenmenschliche Beziehungen außergewöhnlich gepflegt. Gemeindeglieder haben gleich auf mehreren Ebenen eine innige persönliche Beziehung. Unter anderem fühlt man sich durch den christlichen Glauben als absoluter Lebensgrundlage eng miteinander verbunden. Oft werden Meinungsverschiedenheiten in engen Beziehungen, wie Freundschaften, Ehen oder eben auch in evangelikalen Gemeinden, deutlich intensiver empfunden als in anderen gesellschaftlichen Gruppen. Gerade aber weil man sich in vielen Bereichen so nahe ist, werden auch unterschiedliche politische Ansichten schneller zu einem erheblichen Konfliktfaktor.

Wie bewerten Sie es, wenn Glaubensgeschwister als „Christen im Widerstand“, mit „QAnon“ oder als „Querdenker“ auf die Straße gehen?

Ich wünsche mir, dass mehr Christen mit QAnon- Anhängern und Querdenkern ins Gespräch kommen, um ihnen gut zuzuhören und um dann berechtigte kritische Fragen zu stellen. In den von mir geführten Diskussionen fällt mir immer wieder auf, dass viele Corona-Gegner sich zwischenzeitlich in eine selbstverstärkende Parallelgesellschaft zurückgezogen haben. Sie betrachten sich als Widerständler und Freiheitskämpfer, vergleichen sich mit den Christen der Bekennenden Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus, beklagen ihre vorgebliche Unterdrückung und so weiter. Das ist natürlich eine sträfliche Verharmlosung des Nationalsozialismus und der fatalen Situation vieler Christen, die in anderen Ländern unter realer Verfolgung leiden. Corona-Kritiker äußern sich hierzulande noch immer unter dem Schutz einer staatlich garantierten Meinungsfreiheit. Außerdem ist mir niemand bekannt, der wegen seiner Ansichten zu Corona bestraft, eingesperrt oder gar gefoltert wurde.

Statt mit Querdenkern zu demonstrieren, sollten Christen allen durch Corona stark verängstigten Menschen Hoffnung und Trost vermitteln, die aus der lebendigen Beziehung zu Jesus Christus erwächst. Auch Personen mit heftigen Krankheitsverläufen, deren Angehörige oder stark Gefährdete brauchen gerade jetzt christliche Anteilnahme und Unterstützung, statt endloser Wiederholungen berechtigter oder unberechtigter Kritik an staatlichen Corona-Einschätzungen.

Christen sollten sich meiner Meinung nach bremsen, vorschnell mit den Vertretern von QAnon und mit Querdenkern gemeinsame Sache zu machen. Zu schnell werden sie dabei politisch vereinnahmt und verlieren ihre spezifisch christliche Weltsicht zunehmend aus den Augen. Jesus, Paulus und auch die übrigen Apostel hielten sich im römischen Unrechtsstaat ihrer Zeit mit politischen Statements und mit Kritik an der Regierung auffällig zurück. Sie protestierten weder gegen die Sklaverei noch gegen die Unterdrückung der Frau oder offensichtliche Angriffskriege. Die frühen Christen konzentrierten sich hingegen auf die Werbung für ein überwiegend privat geprägtes Leben mit Jesus. Obwohl Christen Ungerechtigkeit natürlich benennen können, sollten sie sich noch weit stärker den Betroffenen widmen, beten und selber als Vorbilder leben.

Wie hoch ist nach Ihrer Einschätzung die Gefahr, dass sich Gemeinden wegen unterschiedlicher Bewertung von Corona zerstreiten – gar spalten?

Noch scheint mir die reale Gefahr für momentane Gemeindespaltungen überschaubar zu sein. Zwischen den Befürwortern und Kritikern der aktuellen Corona-Maßnahmen baut sich vielerorts allerdings ein immer tieferes Misstrauen auf. Oft reden Verantwortliche nicht mehr miteinander, sondern vermehrt aneinander vorbei. Diese innere Spaltung wird sich höchstwahrscheinlich auch nach Corona noch fortsetzen und die bisher schon vorhandenen Differenzen weiter vertiefen.

In vielen Gemeinden sind es nur einige wenige, die aber umso massiver mit ihrer Corona-kritischen Meinung auftreten und mit geradezu missionarischem Eifer versuchen, andere Gemeindeglieder von deren vorgeblich „blindem Kadavergehorsam“ der Regierung gegenüber abzubringen. Viele Christen bekommen regelmäßig von „querdenkenden“ Glaubensgeschwistern Links mit YouTube-Filmen oder warnenden Artikeln, die „unbedingt gelesen werden sollen“. Manche werden dadurch verunsichert, andere nur noch genervt.

In einzelnen, von mir in den vergangenen Monaten besuchten Gemeinden, gab es bereits deutlich Auseinandersetzungen auf Leitungsebene, die sich momentan eher noch vertiefen. Manchmal kam es in diesem Zusammenhang zu massiven gegenseitigen Vorwürfen und Anschuldigungen. In einem mir bekannten Missionswerk trat der Großteil des Vorstandes zurück, nachdem der Leiter zur Unterstützung der Querdenker-Demonstrationen aufgerufen hatte.

Was raten Sie Gemeindeleitungen, wenn es wegen der unterschiedlichen Corona-Bewertung zu Spannungen in der Gemeinde kommt?

In manchen Fällen führt in der Gemeinde wahrscheinlich nichts an einem strikten Diskussionsverbot über Coronafragen vorbei. Ähnlich handhabte das in der Vergangenheit schon mache sächsische Gemeinde während der Hochzeiten der Pegida-Kampagnen. Wenn kein vernünftiges Gespräch mehr möglich ist, muss ein Thema vorübergehend ganz vermieden werden, um weiteren geistlichen Schaden von der Gemeinde fernzuhalten.

Gerade in Zeiten scharfer gesellschaftlicher Diskussionen ist es aber noch notwendiger, mit aller Entschiedenheit die wichtigeren und verbindenden Aussagen des christlichen Glaubens in den Vordergrund zu stellen. Bei aller berechtigten oder auch unberechtigten Angst über Corona beziehungsweise über die staatlichen Corona-Maßnahmen muss Jesus Christus im Mittelpunkt allen Redens und Handelns bleiben. Seit der Zeit der Apostel waren sich Christen darüber im klaren, dass in der Weltgeschichte immer Gott das letzte und entscheidende Wort hat (Dan 2, 21; 1.Tim 6, 15). Trotz aller Anteilnahme an gesellschaftlichen Entwicklungen brauchen Gläubige deshalb nicht in Panik oder Angst geraten und auch vor keiner Verschwörung oder Pandemie in Verzweiflung fallen.

Christen sollten auch nicht vergessen, dass Gott sie wiederholt zum Gehorsam der Regierung gegenüber verpflichtet hat, selbst wenn diese falsche oder ungerechte Entscheidungen fassen sollte (Röm 13, 1f.; 1. Petr 2, 13–15). Der Christ hat von Gott keine Freiheit zu einer postmodernen Selbstermächtigung politischer Autorität erhalten, nach der er selbst bestimmen könnte, wann ihm die Unterordnung gefällt und wann nicht. Darüber hinaus sind Christen gerade in der Gemeinde zur Rücksichtnahme und Nächstenliebe den Schwächeren gegenüber aufgefordert (1. Kor 8,9-11; Gal 5,13). Wer Corona fürchtet, sollte deshalb in der Gemeinde nicht als „Irregeleiteter“ belächelt, sondern mit allem Entgegenkommen behandelt werden.

Die Volkskirchen sehen in der Corona-Pandemie kein Gericht Gottes. Es gibt aber auch andere Stimmen. Muss man die auch ernst nehmen?

Obwohl das für den modernen Menschen zweifellos unangenehm ist, werden Seuchen von den Autoren der Bibel tatsächlich immer wieder als Strafe Gottes vorgestellt (5. Mose 28, 59; Hab 3, 5). Es gibt für Christen keinen guten Grund, diese Einschätzung heute generell zu verneinen. Wesentlich schwieriger zu beantworten ist in einer solchen Situation natürlich die Frage, an wen sich Gott mit der konkreten Pandemie wendet. Am häufigsten werden in Diskussionen immer zuerst die anderen genannt. Christen verweisen mit Vorliebe auf die „böse, ungläubige Welt“ und erinnern in diesem Zusammenhang gleich noch an moralisch fragwürdige Entscheidungen der Politik. Es könnte sich aber eben auch um ein Gericht Gottes an lauen, gesetzlichen oder lieblosen Christen handeln. Dann stünden manche Gemeinden nicht mehr als Warner, sondern vielmehr als Gewarnte da.

Natürlich muss man auch nicht gleich vorschnell in jedes problematische Geschehen der Gesellschaft ein Gericht Gottes hineininterpretieren. In jedem Fall sollten Christen in solchen Krisenzeiten ihre Chance erkennen, indem sie mitleiden sowie Trost und Hoffnung vermitteln, statt lediglich beim Gericht stehenzubleiben, ohne mit letzter Sicherheit sagen zu können, gegen wen es sich denn aus Gottes Sicht überhaupt richtet.

Welche theologischen Prüfkriterien sollten da nach Ihrer Meinung zur Bewertung der Corona-Pandemie herangezogen werden?

Der Gedanke an ein Gericht Gottes kann in schwierigen Zeiten nie ganz von der Hand gewiesen werden. Man sollte sich aber nicht alleine darauf konzentrieren. Vor den Herausforderungen durch die Corona-Krise können sich Christen beispielsweise an die biblischen Aussagen zur prinzipiellen Unverfügbarkeit des Lebens erinnern. Gott ist der Herr über Leben und Tod, auch wenn man in einer modernen, gut organisierten Gesellschaft zuweilen einen anderen Eindruck bekommen könnte. Wie in jeder anderen Krise sind biblische Aussagen über den Trost Gottes und die handelnde Nächstenliebe auch während der Corona-Zeit von außerordentlich großer Bedeutung (2. Kor 1,3f.; 7,6).

Das Interview mit Michael Kotsch haben wir schriftlich geführt. Daher wurden die angegebenen Bibelstellen im Text belassen und mit einem entsprechenden Link (bibelserver.com) versehen.

In einem Buch unter dem Titel „Zerreißprobe Corona. Eine christliche Perspektive“ zieht Kotsch aus geistlicher Sicht eine vorläufige Zwischenbilanz zur Corona-Pandemie und zeigt biblisch begründet Christen Möglichkeiten, in der Situation einen klaren Kopf zu behalten.

Kotsch, Michael: „Zerreißprobe Corona. Eine christliche Perspektive“, Taschenbuch, Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 90 Seiten, 2,90 Euro, ISBN 978-3-86353-762-3

Von: Norbert Schäfer

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