Gerade ältere Menschen leiden unter der Einsamkeit durch Corona-Maßnahmen. „Wenn ich meine Kinder und Enkelkinder nicht mehr sehen kann, dann lohnt es sich nicht weiter zu leben“, sagte eine ältere Frau einem Brandenburger Pastor, heißt es in einem Beitrag des Deutschlandfunk.

Gerade ältere Menschen leiden unter der Einsamkeit durch Corona-Maßnahmen. „Wenn ich meine Kinder und Enkelkinder nicht mehr sehen kann, dann lohnt es sich nicht weiter zu leben“, sagte eine ältere Frau einem Brandenburger Pastor, heißt es in einem Beitrag des Deutschlandfunk.

Nöte gegeneinander abwägen: Corona oder Einsamkeit?

Die Maßnahmen der Regierung gegen das Coronavirus können auch zu extremer Einsamkeit führen. Auf dieses Problem weisen Pfarrer und Theologen hin, berichtet der Deutschlandfunk. „Menschen verkümmern zu Tode“, sagte ein evangelischer Pfarrer in einer Sendung.

Viele ältere Gemeindemitglieder hätten ihm ihre Ängste mitgeteilt, sagte Pfarrer Thomas Dietz dem Deutschlandfunk. „Wenn ich meine Kinder und Enkelkinder nicht mehr sehen kann“, so hört er es immer wieder, „dann lohnt es sich nicht weiter zu leben“. Eine ältere Frau habe ihm gesagt, dass sie etwa so gerne am Ewigkeitssonntag zum Gottesdienst gehen würde, aber ein schlechtes Gewissen habe. Sie habe ihm gesagt: „Und ich weiß, es ist genug Abstand und da werden die Regeln alle eingehalten. Aber ich traue mich nicht durch das schlechte Gewissen, was mir meine Kinder geben“, und weiter: „Meine Kinder kommen mich nicht besuchen, weil sie meinen, mich dadurch zu schonen.“

Der 60-jährige Dietz ist seit 1987 in Schönfeld in Brandenburg, rund 150 Kilometer nördlich von Berlin, Pfarrer. Zu seiner Gemeinde gehören 14 Dörfer und elf Kirchen. Er versuche alles, um seinen Gemeindemitgliedern die Angst zu nehmen, sagt er. Er kritisiert die Empfehlung der Bundes- und Länder-Regierungen, „auf alle nicht erforderlichen Kontakte“ zu verzichten oder bei Kindern den Kontakt auf einen Freund, eine Freundin zu beschränken. Nähe und Gemeinschaft sei besonders in Krisenzeiten lebenswichtig, so Dietz. „Gemeinschaft zu suchen, eine schöne Musik zu erleben, in ein Konzert zu gehen. Sich trauen, in den Gottesdienst zu gehen. Also den Kontakt zur Familie aufrechtzuerhalten.“ Die Leute seien so verängstigt, dass sie sich nicht mehr trauen, ihre Enkelkinder in den Arm zu nehmen. Es sei hinaus Aufgabe der Kirche, zu vermitteln, dass dieser Kontakt wichtig sei.

„Achtet in dieser dunklen Zeit auf Eure Sprache!“

Auch Markus Witte, Professor für das Alte Testament und Dekan der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin, betont: „Der persönliche Kontakt ist unabdingbar.“ Er kenne viele Menschen, die sagen, das Virus sei die eine Seite, aber „an Einsamkeit zu sterben, ohne Ansprache zu sterben“, sei mindestens genauso schlimm. Witte sagte dem Sender: „Es gehört zu den christlichen Aufgaben seit der alten Kirche, aber auch als Erbe aus dem antiken Judentum, Alte und Einsame zu besuchen. Und das können auch alleinstehende Menschen sein, die jünger sind und dennoch unter Einschränkungen leiden, wenn sie keine sozialen Kontakte haben. Also Besuche müssen in jeder Form, unter Wahrung des Schutzes, durchführbar sein.“

Witte sieht große Defizite im Austausch zur Coronakrise und den Maßnahmen dagegen. Er mache eine „sehr starke Polarisierung“, „starke Vereinfachung“ und eine „sehr schnelle Kategorisierung“ aus. Kritik führe leicht zu Diffarmierung. Bestimmte Diskussionsprozesse seien nicht möglich. "Und das führt gesellschaftlich zu einer Polarisierung und dann dazu, dass Menschen sich sogar geistig radikalisieren. Und das ist mindestens ein Kollateralschaden im Umgang mit der Krise, der uns lange beschäftigen wird.

Der Sozialpädagoge und Supervisor Karl-Georg Ohse, der seit zehn Jahren das Projekt „Kirche stärkt Demokratie“ leitet, rät zur Besonnenheit, wenn es darum geht, die Spaltung in Corona-Zeiten zu überwinden. Er wünsche sich auch von der Kirche „ein Stück weit Zuversicht“ und dass sie diese auch nach außen verbreite und dass alle „in dieser dunklen Zeit auf unsere Sprache“ achten. Ohse warnt vor der Tendenz, andere immer leichtfertiger abzuwerten. Das Thema Sprache sei für die gesamte Gesellschaft wichtig, „aber Kirche ist ja auch eine Institution des Wortes, und gerade da kann man, glaube ich, verlangen, dass sie besonders auf ihre Worte achtet.“

Pfarrer Dietz schickte bereits im April 2020 einen Offenen Brief an den Ministerpräsidenten von Brandenburg, Dietmar Woidke (SPD). Darin klagte er: „Das öffentliche Gemeindeleben liegt durch die Regierungsbestimmungen in unserem Land am Boden. Trost, Ermutigung, Orientierung werden unterbunden. Die Menschen benötigen dringend das Gespräch und die Gemeinschaft. Sie sind in den vergangenen Wochen in eine Angstpsychose versetzt worden, die ich so in meiner über 32-jährigen Arbeit als Seelsorger noch nie erlebte!“ Auf eine Antwort – im Mai schickte er noch einen zweiten Brief – wartet er noch immer.

Von: Jörn Schumacher

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