Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm (Archivbild) im Spiegel-Interview: Wenn Menschen in der Pandemie nach Krankheit und Tod nach Orientierung suchen, „ist die Kirche gefragt“

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm (Archivbild) im Spiegel-Interview: Wenn Menschen in der Pandemie nach Krankheit und Tod nach Orientierung suchen, „ist die Kirche gefragt“

Bedford-Strohm: Kirche ist bei Krise, Krankheit und Tod gefragt

In der Coronakrise rechnet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit einem Verlust der Kirchensteuereinnahmen um bis zu elf Prozent. Die Kirche, aber auch allein das Bibellesen geben eine wichtige Orientierung, wenn Krankheit und Tod über die Menschen hereinbreche, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm im Interview mit dem Magazin Der Spiegel.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sagte im Interview des Magazins Der Spiegel, in der Coronakrise seien die Kirchensteuereinnahmen „dramatisch“ gesunken. „In der Coronakrise sparen viele an der Kirchensteuer, die Gotteshäuser waren teilweise geschlossen", stellt der Spiegel fest. „Im laufenden Jahr wird das Minus wohl im Schnitt zwischen acht und elf Prozent liegen“, sagte Bedford-Strohm dem Magazin. Das entspreche über 500 Millionen Euro im Jahr.

Die evangelische Kirche beschloss auf ihrer Synode, bis 2030 rund 17 Millionen Euro einzusparen. Auf die Frage, welche Einsparungen geplant seien, sagt der EKD-Chef, vor allem sollten Parallelstrukturen abgebaut und die Aufgabenverteilung zwischen EKD und Landeskirchen klarer definiert werden. Die EKD habe glücklicherweise bereits 2017 einen entsprechenden Reformprozess angeschoben. Bedford-Strohm betonte, durch die Kirchensteuer erhielten rund zehn Millionen Menschen von der Diakonie Betreuung, Beratung, Pflege oder eine medizinische Versorgung.

„Es gibt nicht die Evangelikalen an sich“

Dass die Kirche mit ihren Mitgliedern auch an Bedeutung verliert, will der EKD-Chef so nicht gelten lassen. „Unsere Stimme wird gehört. Und auch mit weniger Mitgliedern können wir große Strahlkraft entwickeln.“ Heute seien die Menschen Kirchenmitglied aus freier Entscheidung und nicht aus Konvention. „Entsprechend engagiert sind sie auch“, sagte Bedford-Strohm. Um wieder mehr Mitglieder zu bekommen, setzte seine Kirche darauf, „offen und milieuübergreifend“ auf Menschen zuzugehen, „vor allem auf die jungen“, so Bedford-Strohm. „Wir müssen flexibler und agiler werden, mehr wie ein Netzwerk, nicht wie eine staatsanaloge Behörde.“

Auf die Frage, ob eine Kirche nicht gerade in der Krisenzeit ein Comeback erfahren könne, sagt der Geistliche: „Es geht jetzt nicht um die Institution, sondern um die Bedürfnisse der Menschen. Viele suchen nach Orientierung, sie erfahren in der Pandemie einen Kontrollverlust. Krankheit und Tod brechen über sie herein und jeder Einzelne muss lernen, damit umzugehen und eine gewisse Resilienz zu entwickeln. Eine ganze Gesellschaft ist verwundet. Da ist die Kirche gefragt. Tröstende und aufbauende Worte waren noch nie so wichtig wie in Zeiten dieser Kontaktarmut, deshalb ist es einen Versuch wert, mal wieder die Bibel zu lesen. Denn ihre Worte, etwa in den Psalmen, geben Kraft.“ Eine Botschaft der Kirche sei die Vergebung durch Gott: Jemand, der etwa seine betagten Eltern mit Covid-19 angesteckt habe, dürfe wissen, dass Gott vergibt, auch wenn man sich selbst manchmal nicht vergeben könne.

Zum umstrittenen Pastor Olaf Latzel aus Bremen, der sich wegen Volksverhetzung in einem Strafverfahren verantworten muss, sagte Bedford-Strohm: „Ich habe mich dazu klar geäußert: Intoleranz ist gegen das Evangelium, abwertende und diskriminierende Haltungen dürfen in der Kirche keinen Platz haben.“ Auf die Frage, ob ähnlich wie in den USA auch in Deutschland die Zahl von Evangelikalen zunehmen könnte, sagt Bedford-Strohm: „Die politische und religiöse Landschaft in Deutschland ist eine ganz andere. Es gibt auch nicht die Evangelikalen an sich, sondern sehr viele verschiedene Gruppierungen. Da muss man differenzieren.“

Bedford-Strohm, der sich nach sechs Jahren als Ratsvorsitzender im kommenden Jahr nicht erneut zur Wahl stellen will, sagte zur Begründung dafür: „Meine Amtszeit als Landesbischof in Bayern endet 2023. Da ist es gut, wenn im November 2021 jemand Neues im Ratsvorsitz ans Ruder kommt, die oder der dann die volle sechsjährige Ratsperiode im Bischofsamt bleibt. (...) Meine Landeskirche musste mich so viele Jahre mit der EKD teilen, ab nächsten November möchte ich ihr in den letzten beiden Jahren als Bischof meine ganze Zeit widmen.“

Von: Jörn Schumacher

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