Der Künstler Karl Martin Hartmann hat am 3. Oktober der Gemeinde von St. Nicolai in Kalkar am Niederrhein die letzten Kirchenfenster übergeben können. Die Motive: Anlehnungen an die moderne Naturwissenschaft.

Der Künstler Karl Martin Hartmann hat am 3. Oktober der Gemeinde von St. Nicolai in Kalkar am Niederrhein die letzten Kirchenfenster übergeben können. Die Motive: Anlehnungen an die moderne Naturwissenschaft.

Ein Teppich aus Licht

Wer im niederrheinischen Kalkar die katholische Kirche St. Nicolai betritt, bekommt etwas Besonderes zu sehen: Die 22 neuen Fenster der Hallenkirche aus dem 15. Jahrhundert stellen nicht wie meistens üblich biblische Szenen dar, sondern abstrakte Muster, die an die moderne Naturwissenschaft angelehnt sind: Wunder der Teilchenphysik sowie Astronomie-Fotos sind darin verarbeitet.

Wer in der Kirche St. Nicolai sitzt und die hell leuchtenden Fenster betrachtet, reibt sich immer wieder verwundert die Augen. War es draußen nicht vorhin noch trüb und regnerisch? Warum leuchten die Fenster, als wenn die Sonne draußen scheint? „Das ist alles opalisierender Überfang“, sagt der Künstler Karl Martin Hartmann. „Gestern Abend beim Gottesdienst zum Beispiel war es schon dämmrig draußen, und trotzdem kommen die Fenster zur Geltung.“

Die interessante Geschichte um die Kirchenfenster von Kalkar beginnt mit einer Idee im Jahr 1997. Der damalige Pfarrer der Gemeinde, Robert Mertens, wollte für die Fenster von St. Nicolai etwas Besonderes. Der damalige Generalvikar von Münster, der langjährige „Das Wort zum Sonntag“-Sprecher und spätere Erzbischof von Hamburg Werner Thissen, sowie der Kirchenvorstand kamen überein, dem Wiesbadener Künstler Hartmann den Auftrag zu übertragen – und ihm freies Geleit bei den Motiven zu garantieren. Die Finanzierung des Großprojektes war noch nicht ganz in trockenen Tüchern, doch Hartmann sagte zu. Und so wurde 24 Jahre später, am 3. Oktober 2020, in einer Feier der Gemeinde eine Kirche übergeben, deren Kirchenfenster Anklänge an naturwissenschaftliche Forschung haben. Keine fünf Kilometer entfernt vom fertig gebauten, aber nie hochgefahrenen Kernkraftwerk Kalkar, das ein Niederländer zu einem Vergnügungspark umfunktionierte, leuchten nun Kreise, Ellipsen und Kästchen, die ein wenig wie Atome aussehen oder wie menschliche Zellen oder Bakterienkulturen in Petri-Schalen, die aber auch Blumen, Sterne und Planeten zeigen.

Die Motive der neuen Kirchenfenster von St. Nicolai sind an moderne Naturwissenschaft angelehnt: Atome, Quanten, aber auch Sterne und Kometen

Die Motive der neuen Kirchenfenster von St. Nicolai sind an moderne Naturwissenschaft angelehnt: Atome, Quanten, aber auch Sterne und Kometen

„Ich bin im ersten Leben Mikrobiologe“, sagt Hartmann, der, in schwarzer Jacke und weißem Hemd, in einer der Kirchenbänke sitzt und gerne über sein Großprojekt Auskunft gibt. Er habe sich auch drei Jahre lang an einer Promotion abgearbeitet, aber dann hingeschmissen, es war „nicht sein Ding“. Er bewarb sich an der Hochschule für Bildende Künste, der Städelschule in Frankfurt am Main, und wurde angenommen. Eigentlich sei er ja ein Kopf-Mensch, sagt er, aber im Kunststudium musste er lernen, auch den „Bauch“ sprechen zu lassen. Dabei half ihm sein Lehrer, Johannes Schreiter, ein Maler und Glasbildner, der bereits viel Erfahrung mit Kirchenfenstern hatte.

„Am Ende zählt nur die Reaktion: ‚Wow, toll!‘“

Einen Künstler zu fragen, was er mit seinem Werk darstellen will, ist immer schwierig. Doch nach einigem Plaudern gibt Hartmann dann doch ein wenig preis davon, was zumindest er in seinem Kopf hatte, als er den Auftrag für die 22 zwölf Meter hohen Fenster anging, eines der größten Kirchenfensterprojekte der jüngeren Zeit in Deutschland. „Ich wollte einen Zyklus machen, der im Hochchor anfängt und einmal herum führt“, sagt Hartmann. Dieser Zyklus beginnt beim Allerkleinsten, den Elementarteilchen, führt weiter über Dinge in der Natur wie Blumen und Früchte und endet bei dem ganz Großen, den Sternen. Dabei verwob Hartmann auch die jüdische Mystik sowie biblische Geschichten in den Fenstermotiven. Auch in der Bibel wichtige Zahlen brachte er immer wieder unter, etwa die Zwölf und die Sieben.

Hartmann wollte von Anfang an keine bildlichen Darstellungen – und das war es auch, was zu Beginn am meisten für Widerstand in der Gemeinde sorgte. Die meisten Gemeindemitglieder waren bei Kirchenfenstern figürliche Darstellungen aus der Bibel gewohnt und erwarteten dies auch für St. Nicolai. Unter den abstrakteren Ideen Hartmanns konnten sie sich nicht viel vorstellen. Der Künstler aus Wiesbaden betont, dass es bei der Betrachtung seiner Kirchenfenster volle „Assoziationsoffenheit” gebe. „Sie sehen das, was Sie sehen“, sagt Hartmann. Dennoch wird schnell klar, dass er sich durchaus bei jedem Fenster etwas gedacht hat. So hat er im Beginn des Natur-Zyklus Feynman-Diagramme in die Gestaltung einfließen lassen. Diese Zeichnungen sind jedem Teilchenphysiker bekannt: Sie gehen zurück auf den Nobelpreisträger Richard Feynman und stellen Zerfallsprozesse von Atomen und Quarks dar. „Von zehntausend Besuchern erkennt das vielleicht einer“, sagt Hartmann, aber darauf komme es gar nicht an. Der Betrachter müsse die naturwissenschaftlichen Anklänge nicht kennen. Worum es letzendlich gehe: „Wenn morgens im Sommer die Sonne durchscheint, haut das jeden um“, sagt Hartmann.

Der amerikanische Physiker Feynman, ein verrückter Typ, der exzellent Schlagzeug spielte, habe in seinen berühmt gewordenen „Lectures“ die Zusammenhänge in der Welt so erklärt, dass es fast jeder verstehen kann, erklärt Hartmann bewundernd. Der Künstler, in dem immer noch das Herz eines Naturwissenschaftlers schlägt, kann lange über die Wunder des Weltalls oder den Teilchenbeschleuniger CERN schwärmen, kommt aber am Ende immer wieder zu dem Grundsatz: „Wenn ich es als Künstler nicht erreiche, dass die Leute auf den ersten Blick sagen: ‚Wow, toll!‘, dann habe ich meine Aufgabe nicht erfüllt.“

„Transzendentale Heimatlosigkeit“ immer greifbarer

Und so trifft Handswerkskunst aus dem 15. Jahrhundert auf Bilder aus Kernforschungszentren oder vom Kometen Hale-Bob, der 1997 an der Sonne vorbeiflog. Ganz oben erstrahlt bei fast jedem Fenster Hartmanns helles Weiß. „Das ist für mich die Transzendenz, die über allem steht“, sagt der Künstler. In einem Fenster stehen 36 Kreise für die „36 Gerechten“ einer chassidischen Parabel, die Hartmann fasziniert, und zwischendurch dann wieder Sterne, die auf Aufnahmen des Weltraum-Teleskops „Hubble“ zurückgehen.

Der Pfarrer von St. Nicolai, Alois van Dornick (li.) und der Wiesbadener Künstler Karl Martin Hartmann (re.)

Der Pfarrer von St. Nicolai, Alois van Dornick (li.) und der Wiesbadener Künstler Karl Martin Hartmann (re.)

Dabei ist Hartmann selbst nicht gläubig. Jedenfalls nicht im Sinne kirchlicher Kategorien. Da könne er sich „nicht positionieren“, und er scheint das selbst ein wenig traurig zu finden. Ihm sei klar, dass Glaube Heimat bedeute, und die Kirche diese Heimat bieten könne. Doch diese Heimat sei in der Geschichte durch Strukturen gesichert worden, die die Kirche eben auch „als Machtstruktur missbraucht“ habe, so der Künstler. Seine „distanzierte Skepsis“ gegenüber der Institution Kirche habe er aber gleich im ersten Gespräch mit der Gemeinde vermittelt, so Hartmann. Als er mit der Ideenfindung begann, habe er viel mit den Besuchern der Kirche gesprochen. Und sei dabei etwa auf die Legende vom Haus von Laureto gestoßen, derzufolge Engel das Haus einer italienischen Familie im 14. Jahrhundert aus dem heiligen Land nach Loreto transportiert haben sollen. Solche Geschichten seien für ihn als Naturwissenschaftler natürlich unvorstellbar, aber: „Wie wunderbar, wenn ich an so etwas glauben könnte. Aber ich kann es nicht." Die Naturwissenschaft hingegen sei für ihn aber eine „Schöpfungsbeschreibung mit modernen Mitteln“. Der erfolgreiche amerikanische Regisseur George Lucas, Schöpfer der „Star Wars“-Trilogie, habe einmal von der „transzendentalen Heimatlosigkeit“ gesprochen, und die werde bedauerlicherweise in unserer Gesellschaft „immer greifbarer, wenn man nicht im Glauben steht“, so Hartmann.

Daher sei er manchmal geradezu etwas eifersüchtig auf gläubige Menschen. „Ich fühle mich heimatlos.“ Aber im Gegensatz zu Menschen, die schon lange eng an die Kirche gebunden sind, sei ihm gerade deswegen vielleicht „die Notwendigkeit einer Sakralität“ bewusster. Sein Opa sei evangelischer Pfarrer gewesen, sagt Hartmann – wenn auch zugleich eine schwierige Person, ein „verzweifelter, ewig suchender Mensch“, noch dazu mit schlimmen antisemitischen Ansichten behaftet. Sein eigener zweiter Vorname Martin komme jedenfalls von Martin Luther, erklärt Hartmann. Sein Opa sei nicht nur Pfarrer, sondern auch Arzt gewesen, der als solcher zuletzt auch wieder praktiziert habe. Da ist sie wieder, die Verbindung zwischen Glaube und Naturwissenschaft.

„Ich bin im ersten Leben Mikrobiologe“, sagt der Künstler Hartmann.

„Ich bin im ersten Leben Mikrobiologe“, sagt der Künstler Hartmann.

Bei der Vergabe des Auftrages stellte Hartmann von Anfang an klar, dass er keine inhaltlichen Vorgaben akzeptieren werde. Als Künstler müsse er im Schaffungsprozess frei sein. „Ich bin nicht euer Dekorateur“, habe er gegenüber den Kirchenvertretern gesagt. Er sei eher „der Partner für die Sakralität des Raumes“. Dann war er sehr schnell beeindruckt von der Offenheit der Kirche. Auch die finanzielle Unterstützung der Fenster durch das Bistum sei „einmalig in der Nachkriegszeit in Deutschland“, so Hartmann.

Gekostet hat das Großprojekt am Ende rund drei Millionen Euro, wie Alois van Dornick, seit acht Jahren Pfarrer der Gemeinde, sagt. Das Bistum Münster habe dabei 40 Prozent beigesteuert, öffentliche Stiftungen zehn Prozent, und Bürger der Stadt Kalkar sowie andere Einzelspender 50 Prozent. Das Land Nordrhein-Westfalen habe das Projekt immer wieder bezuschusst, zuletzt habe Ministerpräsident Armin Laschet 75.000 Euro vom Land beigesteuert. Van Dornick freut sich, dass die Skespsis von damals verflogen sei und die Gemeinde die Fenster heute mit Begeisterung annehme. „Ich habe an dem ersten Tag, als alle Fenster drin waren, morgens um sieben den Sonnenaufgang hier in der Kirche erlebt – am Anfang das Rot, dann im Ostchor das helle Sonnenlicht hinter den Marienbildern“, erzählt er. „Ich bin von der Fülle der Symbole und von den starken Farben überrascht.“

Ihn erinnere das prächtige Farbspiel an Psalm 104: „Licht ist dein Kleid, das du anhast; du breitest aus den Himmel wie einen Teppich.“ Hartmann habe diese Teppiche „in die Rahmen gestellt, mit einer ungeheuren Formvielfalt in der höchsten Kunst der Glasmalerei, die heutzutage überhaupt möglich ist“, sagt Pfarrer Dornick. Wenn das Sonnenlicht durch die bunten Fenster strahlt, entsteht in der Tat auf dem Kirchenboden ein Teppich aus Licht. Auf die Frage, was er in den Motiven sehe, sagt der Pfarrer: „Ich sage immer, man sollte die Fenster nicht erklären, man sollte sie fühlen“, und fügt hinzu: „Wissenschaft kommt ins Gespräch mit Glaube. Das ist toll.“

Hartmanns Meinung nach müsse auch die evangelische Kirche „in Sachen Glasfenster einmal aufwachen“. Dabei betont er: „Es war für mich bisher allerdings sehr viel schwerer, mit evangelischen Kirchen zusammenzuarbeiten, denn dort wird alles totdiskutiert. In der katholischen Kirche gibt es eine größere Offenheit für Entscheidungswillen. Demokratische Abstimmung ist gut, aber in der Kunst hat sie nichts zu suchen.“

Von: Jörn Schumacher

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