Michael Diener, 58, war elf Jahre lang Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes

Michael Diener, 58, war elf Jahre lang Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes

„Ich bin Pietist und will es auch bleiben“

Elf Jahre stand Michael Diener an der Spitze des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Am Samstag wurde er aus seinem Amt als Präses verabschiedet. Mit pro sprach er über polarisierte Diskussionen, ansprechenden Pietismus und das Verhältnis zur Amtskirche.

pro: Herr Diener, seit Anfang September sind Sie im Sabbatical. Wie geht es Ihnen?

Michael Diener: Sehr gut, vielen Dank!

Was haben Sie in Ihrem freien Jahr vor?

Zunächst soll es eine Zeit sein, um innezuhalten, die vergangenen Jahre zu reflektieren, in die innere Stille zu gehen und mich neu auszurichten. Dann möchten meine Frau und ich eine längere Reise machen. Die steht wegen Corona im Moment noch auf der Kippe. Und ich möchte ein Buch schreiben.

Worum soll es gehen?

Wir leben in einer Zeit der phänomenalen Veränderungen, die umfasst auch die ganze christliche und evangelikale Szene. Der Begriff „evangelikal“ ist in meinen Augen spätestens seit der Unterstützung Evangelikaler für Populisten wie Trump und Bolsonaro unrettbar verloren. Aber die Inhalte sind mir wichtig. Es gibt so viele Menschen, die sich nach einem offenen Pietismus sehnen, nach einer dialogischen Form von evangelikalem Glauben. Es wird die Frage sein: Wie können wir an die wichtigen Inhalte, die noch nie so gefragt waren wie jetzt, in einer Weise anschließen, die theologisch konstruktiv ist?

Sie betonen „konstruktiv“. Haben Sie bisher das Gegenteil erlebt?

Nein, denn die allermeisten Menschen haben mich in meinem Amt wertschätzend und zustimmend begleitet. Und es gab einige, die zwar erbitterte Gegner meiner Positionen etwa zu Homosexualität gewesen sind, die aber nie die geistliche Gemeinschaft mit mir abgebrochen hätten. Damit kann ich wunderbar leben und das habe ich fast ausschließlich erlebt. Es gibt aber eine kleine Gruppe, bei denen die Bereitschaft nicht vorhanden ist, abweichende Positionen auch als geistlich gewonnen und als geistlich relevant anzuerkennen. Und leider gibt es im evangelikalen Bereich auch zu viele Beispiele für ein hierarchisches Leitungsverständnis, das eine toxische Wirkung entfalten kann, an dem dann Beziehungen und auch ganze Gemeinden zerbrechen.

Oder eine andere Beobachtung: Warum sind manche Menschen bis ins hohe Alter der Meinung, es läuft etwas schief, wenn sie nicht öffentlich ihre Meinung kundtun und aktuell Verantwortliche lautstark kritisieren? Für mich steht dahinter auch die Frage: Haben wir vielleicht teilweise problematische Strukturen in der evangelikalen Welt, die eher patriarchal oder ein bisschen chauvinistisch sind?

Sie würden im Ruhestand also schweigen?

Ich würde nicht sagen, dass ich mich nicht im Rentenalter zu irgendwelchen Fragen äußere. Aber ich würde es nicht tun in Bezug zu Äußerungen von Verantwortlichen in Organisationen, denen ich früher angehört habe. Mein Vorgänger Christoph Morgner ist mir da ein wirklich positives Beispiel. Ihm muss so manches Mal das sprichwörtliche Messer in der Tasche aufgegangen sein, weil er wohl in einigen Punkten anders denkt als ich. Aber er hat sich öffentlich immer zurückgehalten.

„Stichwort Political Correctness: Fromme Menschen werfen dem gesellschaftlichen Mainstream schnell vor, sie dürften nicht mehr sagen, was sie denken. Aber in unserer eigenen Welt machen wir doch genau dasselbe mit einem unglaublichen Druck.“

2013 hatte pro Sie interviewt zum Thema „Die Sünden der Frommen“. Damals haben Sie kritisiert, dass die Liebe oft zu kurz kommt und schnell übereinander geurteilt wird. Das haben Sie jetzt auch in Ihrem letzten Präsesbericht herausgestellt. Haben Sie mittlerweile Erklärungen dafür gefunden, warum das gerade bei den Frommen zu beobachten ist?

Eine mögliche Erklärung habe ich bei dem Soziologen Andreas Reckwitz gefunden. Er sagt, ein Kennzeichen unserer Zeit ist es, dass der Einzelne sich als eigenes Produkt sieht, seine eigene Identität entwirft und sich nicht mehr so stark in eine Gemeinschaft eingliedern lässt. Es kann sein, dass es im christlichen Bereich Menschen gibt, die mit diesem gesellschaftlichen Wandel so nicht klarkommen. Für sie wird das Festhalten an vermeintlich klaren Werten und Normen wichtiger als eine offene, christliche Grundhaltung der Liebe. Einer meiner großen Fehler war, dass ich nicht deutlicher widersprochen habe, wenn gesagt wurde: „Keine Liebe ohne Wahrheit.“ Das ist natürlich richtig. Aber was bedeutet das denn, wenn ich gleichzeitig doch eindeutig festhalten muss, dass in der christlichen Offenbarung nichts anderes so wichtig ist wie die Liebe?

Polarisierende christliche Lager und einen mitunter lieblosen Ton erleben wir auch, etwa in manchen Reaktionen auf unsere Berichterstattung oder auch auf Facebook. Aber lässt sich das in der christlichen Szene mit dem Bezug auf individuelle Lebensentwürfe erklären?

Unsere heutige Zeit mit den vielen Lebensentwürfen erzeugt auch Angst und Unsicherheit. Und wo Angst und Unsicherheit da ist, ist der Wunsch nach festen Ordnungen umso größer – der Wunsch nach klaren Übereinstimmungen, nach vermeintlichen Ordnungen, von denen ich weiß: Wenn ich mich daran halte, befinde ich mich auf dem richtigen Weg. Als wir im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz die Diskussion um Homosexualität begonnen haben, ist für manche etwas zerbrochen an geistlicher Beheimatung, weil sie die festmachten an bestimmten ethischen Übereinstimmungen. Für wen zunehmend plurale Überzeugungen und individuelle Lebensentwürfe eine Anfechtung sind, der sucht umso mehr nach dieser Orientierung in einer festen Gemeinschaft. Und je größer der Druck von der gesellschaftlichen Mehrheit wird, desto existenzieller ist es für ihn, sich zu vergewissern, dass er mit einer Minderheitenposition nicht allein unterwegs ist.

Gerade evangelikale Christen haben den Anspruch, ein vom Glauben geprägtes, ein geheiligtes Leben zu führen. Deshalb ist ihnen die Frage, was wahr ist und welcher Lebensentwurf daraus folgt, auch wichtig.

Absolut. Wobei ich sagen würde – um beim Beispiel zu bleiben: Die meisten in der evangelikalen Bewegung sind rein statistisch gesehen nicht betroffen davon, dass durch Homosexualität Unordnung in ihr eigenes geistliches Leben kommen könnte. Sie sind aber betroffen davon, ob sie mit ökologischen Fragen richtig umgehen. Ich bin in vielen Gemeinden gewesen, die bis heute stolz darauf sind, dass sie den billigsten Kaffee kaufen, ohne sich zu fragen, woher er kommt. Will sagen: Woran mache ich denn diese Heiligung fest? Warum spielen diese sexualethischen Themen eine besondere Rolle dabei? Warum ist es nicht die Frage der Wahrhaftigkeit im Umgang mit Finanzen, mit Schwarzarbeit? Warum ist es die Lebensrettung in puncto Abtreibung, aber nicht die Rettung Geflüchteter auf dem Mittelmeer?

Sie sagen, die Spaltungen im evangelikal-pietistischen Lager vor allem beim Thema Homosexualität haben viel mit Angst zu tun, mit dem Wunsch, zu einer Gruppe zu gehören. Machen Sie es sich nicht zu einfach, wenn Sie diese Vorbehalte einfach psychologisieren? Es gibt auch Menschen, die aus theologischen Gründen zu einer anderen Überzeugung in der Sache kommen.

Natürlich nehme ich ernst, dass auf der sachlichen Ebene Menschen eine ernsthafte und begründete Überzeugung haben, die es ihnen unmöglich macht, homosexuelle Beziehungen anzuerkennen. Ich bin doch der Letzte, der kein Verständnis hat für Menschen mit konservativen Positionen in dieser Frage. Ich hatte selber mal eine.

Mir geht es darum, für unsere evangelikale, pietistische Welt zu erbitten oder auch zu mahnen, dass wir auch in dieser Frage zu einer pluralen Haltung kommen müssen, wenn wir unsere jeweiligen Glaubensüberzeugungen ernstnehmen. Denn viele Menschen in unserer Bewegung trauen sich nicht, eine abweichende, offene Haltung in der Frage der Homosexualität kundzutun. Von den homosexuellen Menschen, mit denen ich in der Gemeinschaftsbewegung in Kontakt bin, traut sich kein einziger, öffentlich seinen Namen zu sagen oder seine Geschichte zu erzählen. Stichwort Political Correctness: Fromme Menschen werfen dem gesellschaftlichen Mainstream schnell vor, sie dürften nicht mehr sagen, was sie denken. Aber in unserer eigenen Welt machen wir doch genau dasselbe mit einem unglaublichen Druck.

Frustration entsteht aber auch bei der Wahrnehmung, dass von Toleranz und Akzeptanz gesprochen wird, die eigene konservative Position – auch in kirchlichen und manchen evangelikalen Kreisen – aber nicht toleriert wird.

Das ist richtig. Dazu kommt, dass wir es hier mit einer hoch emotionalisierten Frage zu tun haben. Das führt oft dazu, dass nicht mehr rational argumentiert wird. Ich plädiere für einen unaufgeregten und sachlichen Diskurs, der es einerseits möglich macht, dass man auch eine konservative Position in der Kirche vertreten kann. Und dass es auch im konservativen Lager möglich ist, eine offene Position zu vertreten.

Drei Gründerväter des Pietismus: Philipp Jacob Spener (1635–1705), Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760), August Hermann Francke (1663–1727)

Drei Gründerväter des Pietismus: Philipp Jacob Spener (1635–1705), Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760), August Hermann Francke (1663–1727)

Historisch ist die Gemeinschaftsbewegung überhaupt erst entstanden, weil man sich von der Kirche abgegrenzt hat. Ist das nicht auch eine Erklärung dafür, warum es gerade unter Pietisten auf Widerstand stößt, wenn man sagt: Du kannst diese Meinung haben oder jene?

Bei der Entstehung des Pietismus waren mindestens drei Gründerväter entscheidend: Phillip Jacob Spener, August Hermann Francke und Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. Und dann gab es noch den Bibelpietismus in Württemberg mit Johann Albrecht Bengel und andere Strömungen: Diese Bewegung, die wir heute unter Pietismus zusammenfassen, war damals schon vielgestaltig, echt plural, unterschiedlich in der Ausrichtung.

Neben lutherischen und pietistischen Einflüssen wurde später auch die Heiligungsbewegung aus dem anglikanischen Raum eine der großen Wurzeln der Gemeinschaftsbewegung. Die hat teilweise zu einem Verständnis geführt, dass wir Pietisten die Sache mit dem Glauben besonders ernstnehmen – vermeintlich ernster als andere. Dann kann es leider schnell zu einem Herabschauen, zu einer Distanzierung und Abgrenzung von Christenmenschen anderer Prägung kommen. Das ist fatal, denn die Gemeinschaftsbewegung war eben nicht primär Gegenprogramm zur Kirche, sondern Ergänzung, als tiefere geistliche Erbauung für das eigene Leben, weil man das in der Kirche vermisste. Abgesehen davon wünschten sich die Gründerväter, dass die Kirche auch eine missionarische Bewegung ist. Dass es dann immer wieder auch zu Konflikten kam, ist nicht zu bestreiten.

Die Frage bestehen bis heute: Wie ist das Verhältnis zur Kirche? Wie würden Sie es beschreiben?

Das schwankt von sehr nahe und vertrauensvoll bis eher distanziert. Oft ist das von regionalen und lokalen Faktoren abhängig. In dem Maße, wie die Kirche verstanden hat, dass sie mittlerweile nicht mehr jeden erreichen kann, ist auch ihre Bereitschaft gewachsen, die Gemeinschaften als eigenes Modell unter ihrem Dach anzuerkennen. Wir haben in allen Landeskirchen funktionierende Vereinbarungen, die ein weitgehend eigenständiges Leben der Gemeinschaften als freies Werk in der Kirche ermöglichen. In der Regel können Gemeinschaftsprediger im Auftrag der Kirche auch Sakramente und Kasualien verwalten.

In Sachsen etwa treten mittlerweile Menschen aus der Gemeinschaft aus, weil sie sich noch immer zur Kirche hält. Wie schätzen Sie das ein?

Das haben wir überall da, wo es auch grundsätzlich polarisierte Situationen gibt. In Sachsen gibt es hoch kirchliche Gemeinschaften und welche, die hoch kritisch sind gegenüber der Kirche. Wenn eine Bewegung auf die Einheit verschiedener Strömungen angelegt ist und versucht, sie zusammenzuhalten, dann gibt es immer Menschen, die an einem bestimmten Punkt sagen: Das darfst du nicht zusammenbringen und deshalb gehen wir raus. Ich befürchte, dass die Zahl derjenigen wächst, die aus ihrer Überzeugung heraus polarisieren und zugleich nicht pluralitätsfähig oder -willig sind.

Können Spannungen auch ein Stück weit an Ihrer Person liegen, daran, dass Sie auch manchmal die Auseinandersetzung suchen?

Absolut. Es ist nicht grundsätzlich so, dass ich die Auseinandersetzung suche. Aber ich bin sicherlich auch ein eher polarisierender Typ. Und ich habe schon sehr oft Lust auf eine gute, hoffentlich sachliche Auseinandersetzung, die auch heiße Eisen nicht scheut. Die Art, wie ich das Präsesamt jetzt ausgelegt habe, ist die mir entsprechende Art – sicherlich mit einem höheren Risiko, falsch zu liegen, etwas Unpassendes oder zu viel zu sagen. Trotzdem finde ich – Entschuldigung, liebe Pietisten –, die pietistisch-evangelikale Welt wäre auch arm dran, wenn es immer nur Leute gäbe, die alles ausgleichen und nur das sagen, wozu alle nicken können. Das tut uns auch nicht gut. Ob ein Amt wie meines das auf Dauer aushält, das ist eine Frage. Das ist auch ein Grund dafür, dass ich nach elf Jahren aufhöre.

Auf Facebook gehen Sie auch oft auf kritische Kommentare ein – und nicht selten zum Gegenangriff über. Spornt Sie das an?

Ich habe eine sehr differenzierte Position zu meiner eigenen Facebook-Aktivität. Ich könnte mir manchmal die Zeit auch sparen. Und dann denke ich wieder: Warum soll ich dieses Medium den anderen überlassen? Ich denke nicht, dass ich streitsüchtig bin. Aber ich glaube, dass eine argumentative Auseinandersetzung heute sehr oft fehlt und dass sie viel zu wenig geführt wird. Und es gibt auch so eine Tendenz, dass sich Christen gegen jede Form von Kritik immunisieren, indem sie sagen: Wenn die Mehrheit anderer Meinung ist, dann sind wir die verfolgte Herde.

Das zweite Argument ist oft, dass schon der Apostel Paulus gesagt hat: „Das Wissen der Welt ist Torheit“; wenn ich mich um das Wissen der Welt gar nicht kümmere, sondern nur beim Herrn Jesus bleibe und jede Diskussion mit Bibelstellen bestreite, dann habe ich das Recht auf meiner Seite. Und diese beiden Elemente, so eine gewisse Unterkomplexität, fehlende intellektuelle Redlichkeit und dieses „Wir sind die Verfolgten“, das – das gebe ich ehrlich zu – stachelt mich extrem an. Ich meine, dass Gott uns mit Verstand geschaffen hat, damit wir ihn auch gebrauchen. Deshalb macht wirklich kluges Nachdenken nicht atheistisch, sondern kann den Raum für Gott zumindest offenhalten. Ich bin manchmal entsetzt gewesen über das Niveau von Diskussionen, sei es zu Homosexualität, Seenotrettung, Islam oder anderen Streitthemen.

„Ich befürchte, dass die Zahl derjenigen wächst, die aus ihrer Überzeugung heraus polarisieren und zugleich nicht pluralitätsfähig oder -willig sind.“

Sie haben in Ihrer Amtszeit eine „Vision 2030“ entwickelt, und sehen Gnadau im Jahr 2030 als einen wachsenden Verband. Wie kann das gelingen? Es gibt ja auch Beispiele, wo Gemeinden schrumpfen, älter werden und sterben.

Seit 2009 arbeiten wir gemeinsam an einem vielgestaltigen Erneuerungsprozess. Da geht es zuallererst um geistliche Motivation, dann um Profilbildung, um Wahrnehmung der Nachbarschaft, um gesellschaftliche Verantwortung und Diakonie. Oder beim Upgrade Kongress haben wir die Digitalisierung und die Beteiligung junger Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Der Vorstand wird die Integration junger Menschen mit einem interessanten Format in den nächsten Monaten vorantreiben.

Wir haben immer gesagt, ein Drittel der Gemeinschaften wird sterben. Das gilt immer noch. Die Corona-Zeit hat das bei manchen Gemeinden beschleunigt. Trotzdem gibt es heute mehr Gemeinschaften, die wieder Wachstumspotenzial haben, als es noch vor einigen Jahren der Fall war. Der Liebenzeller und der Hannoversche Verband zum Beispiel wachsen, um einmal zwei ganz unterschiedliche zu nennen. In manchen Regionen wird das noch kommen. Gnadau wird das fördern und dafür sorgen, dass die Leute den Kopf heben und sagen: Wir können als Gemeinschaftschristen einen Beitrag leisten zu einem ansprechenden, einladenden christlichen Glauben und Leben im 21. Jahrhundert.

Die EKD arbeitet derzeit an einem Zukunftsprozess. Die elf Leitsätze enthalten zwar viele neue Ideen, aber so richtig nach Aufbruch lesen sie sich nicht.

Was bisher veröffentlicht wurde, ist der erste Entwurf eines Arbeitspapieres, bei dem viele mitdiskutieren sollen. Eine ergänzte und überarbeitete Fassung wird dann die Synode im November diskutieren. Ich finde das Papier relativ deutlich: Wir wollen uns weniger öffentlich äußern und werden dabei den Bezug zu unserer geistlichen Motivation deutlicher machen. Wir werden mehr Gemeindeformen neben der Parochie (Pfarrei; Anm. d. Red.) brauchen und darauf achten, dass wir Ressourcen schonen, einander ergänzen und gabenorientiert arbeiten. Auch Mission ist als Zukunftsziel benannt. Sie haben Recht, das ist noch nicht der totale Aufbruchston. Aber es steht da doch unheimlich viel drin, was ich mir für eine zukünftige Kirche wünsche.

Entscheidend für die Zukunft der Kirche sind auch die Pfarrer. Die schwinden ebenso wie die Mitglieder. Wäre es nicht auch eine Perspektive, dass die Landeskirchen die Ausbildung der Gnadauer theologischen Hochschulen anerkennen?

Aus der Perspektive von Gnadau kann ich mir das gar nicht wünschen, weil wir unsere Leute selbst brauchen. Bereits jetzt wechseln immer wieder gut aufgestellte Gemeinschaftspastoren in den kirchlichen Dienst. Jeder, der nach Tabor, Liebenzell, ans Johanneum oder zu einer anderen unserer Ausbildungsstätten geht, wird auch bei uns Arbeit finden.

Unsere Ausbildungsstätten selbst wünschen sich diese Anerkennung der Abschlüsse seitens der Landeskirchen, weil das für Studierende attraktiver ist. Allerdings hat die Kirche eindeutig eine bestimmte Erwartung, wie ihre zukünftigen Theologen und Theologinnen ausgebildet werden sollen. In dieser Erwartung kommen wir im Moment nicht vor. Bevor sich dort etwas ändert, muss noch sehr viel passieren. Ich glaube aber, dass sich in der Praxis durch die Übernahme geeigneter Gemeinschaftspastoren in den kirchlichen Dienst vieles schneller ändern wird als in der Theorie.

Am 19. September wurde Michael Diener aus seinem Amt als Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes verabschiedet. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hielt die Predigt und gab Diener einen Segen mit auf den Weg.

Am 19. September wurde Michael Diener aus seinem Amt als Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes verabschiedet. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hielt die Predigt und gab Diener einen Segen mit auf den Weg.

In welcher Funktion werden wir Sie nach Ihrem Sabbatical sehen?

Eine Variante, die ich mir sehr gut vorstellen kann, ist, dass ich Gemeindepfarrer in der Pfalz werde. Aber es gibt auch andere Überlegungen, etwa im Bereich der EKD. Oder es wäre spannend, herauszufinden, ob die Formulierung und Vertretung eines offenen, geistlich gegründeten und gesellschaftsrelevanten Pietismus eine Aufgabe sein könnte.

Ihre Amtszeit im Rat der EKD geht im November 2021 zu Ende. Werden Sie wieder kandidieren?

Wenn ich in eine Gemeinde gehe, ist eine Ratsmitgliedschaft wegen des zeitlichen Aufwands nicht sinnvoll. Wenn es irgendwo eine Aufgabe gibt, die meinen Herzschlag für die pietistische und erweckliche Bewegung am Laufen lässt und die sich mit so einem Leitungsamt verträgt, dann wäre ich begeistert davon, weiterzumachen. Aber bis dahin sind noch viele Fragen zu klären. Eine Ratskandidatur erfolgt ohnehin nur, wenn der zuständige Ausschuss der Synode einen dafür nominiert.

Wenn Sie von Gnadau sprechen, sagen Sie immer noch „wir“, auch wenn Sie schon nicht mehr im Amt sind. Bleiben Sie Pietist?

Ich bin Pietist und will es auch bleiben. Ich muss nicht unbedingt „wir“ sagen zur Struktur aus einer Leitungsaufgabe im Gnadauer Verband heraus. Aber „wir“ zur Gemeinschaft, zu uns als Pietisten auf jeden Fall.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellten Jonathan Steinert, Nicolai Franz und Christoph Irion

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