Die Theologin und ehemalige EDK-Ratsvorsitzende Margot Käßmann war beim Bild-Talk „Jetzt reden vier“ zu Gast (Archivbild)

Die Theologin und ehemalige EDK-Ratsvorsitzende Margot Käßmann war beim Bild-Talk „Jetzt reden vier“ zu Gast (Archivbild)

Käßmann: „Keine Hotdogs verteilen, damit Menschen in die Kirche kommen“

Die Theologin Margot Käßmann war beim Bild-Talk „Jetzt reden Vier“ zu Gast. Sie erklärte, warum sie von den Corona-Demonstrationen in Berlin „schockiert“ gewesen war und dass sie als Christ die AfD für unwählbar hält.

„Kirche steht für Verkündigung und Seelsorge. Aber sie ist immer auch politisch, weil es ihr um die Menschen geht“, sagte die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann als Eingangs-Statement beim Bild-Talk „Jetzt reden Vier“. Als Gast von Journalistin Düzen Tekkal, Moderatorin Charlotte Würdig und Bild-Journalistin Patricia Platiel äußerte sich Käßmann zu den Corona-Demos in Berlin, der Rolle der Kirche in der Pandemie und zum Thema Kirchenaustritte.

Zu den Demonstrationen in Berlin am vergangenen Wochenende sagte die Theologin: „Die Bilder schockieren mich.“ Sie habe neben Reichskriegsflaggen auch Fahnen mit der Aufschrift „Gott ist mit uns“ gesehen. „Da kriege ich wirklich Magenschmerzen“, sagte sie. Man müsse zwar die Ängste und Sorgen in der Bevölkerung in Bezug auf die Politik in der Corona-Krise ernstnehmen. Doch ihr Verständnis für diese Menschen sei dann man Ende, „wenn erklärt wird, wir würden hier in einer Diktatur leben. Da kann man nach Weißrussland oder sonstwohin gehen“. In Deutschland herrsche solch eine Freiheit, dass sogar in dieser Weise demonstriert werden dürfe.

Gebaren der Demonstranten „unerträglich“

In Bezug auf die Genehmigung der Demonstration waren die vier Frauen unterschiedlicher Ansicht. Tekkal und Käßmann hielten es für richtig, dass sie trotz der vorherigen Diskussionen stattfinden durfte. „Eine Demokratie muss so was aushalten, auch die Verfassungsfeinde. Aber wir müssen uns damit ernsthaft auseinander setzen“, sagte Tekkal. Käßmann sagte: „Am Ende haben Gerichte entschieden. Wir sind eben ein freies Land. Deshalb kann auch eine solche Demonstration stattfinden bis zum Erweis, dass sich die Teilnehmer nicht an die Regeln halten.“ Würdig sagte, sie könne es nicht verstehen, warum eine Demonstration genehmigt werde, bei der „18.000 Menschen oder sogar mehr zusammen kuscheln“, man gleichzeitig im Rewe aber für zehn Minuten Einkaufen eine Maske aufziehen müsse.

Käßmann sagte außerdem, sie finde es „unerträglich“, wie Menschen auf den Demonstrationen herumgebrüllt hätten, sich abfällig über andere und über Politiker geäußert hätten, selbst aber kein eigenen Ansätze vorlegen könnten, wie man die Corona-Krise stattdessen in den Griff bekommen könne.

AfD ist „nicht mit dem Christentum vereinbar“

Die Frauen beschäftigten sich mit der Frage, inwieweit sich Kirche politisch einmischen dürfe. Die Theologin sagte, Kirche sei von ihrer Natur aus politisch, weil sie mit Menschen zu tun habe. In diesem Zusammenhang machte Käßmann auch ihren Standpunkt zur AfD klar. „Wenn eine Partei erklärt, dass Menschen anderer Herkunft in diesem Land nicht leben sollen, halte ich diese Partei für nicht wählbar und das werde ich auch sagen.“ Sie hält es für richtig, dass sich die Kirche vielerorts gegen die AfD ausspricht. Die Kirche könne zwar auch durch Schweigen politisch sein. Doch „gerade die Evangelische Kirche in Deutschland hat die Erfahrung gemacht, dass sie viel zu lange geschwiegen hat in der Zeit des Nationalsozialismus.“ Die Pfarrerin im Ruhestand fügte hinzu: „Ich bin froh, dass das heute anders ist.“

Die Kirche stehe für ein Miteinander von allen Menschen. Denn alle Menschen seien von Gott geschaffen. „Wir werden nicht zulassen, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens degradiert werden. Da haben wir schon furchtbare Fehler gemacht in der Zeit des Nationalsozialismus.“ Noch einmal machte sie klar: „Die AfD ist für mich eine Partei, die andere niedermacht und angreift. Ich sehe auch ein großes Maß an Antisemitismus und in den Wahlprogrammen einen Nationalismus, der für mich mit dem Christentum nicht vereinbar ist.“ Christen gebe es weltweit, deshalb seien nationale Grenzen „keine Begrenzungen, die wir nationalistisch überhöht sehen wollen“.

Mitgliederschwund: Die Kirche bemüht sich

Auf die Frage, ob die Kirche in der Corona-Krise zu wenig für die Menschen dagewesen sei, sagte Käßmann, viele der Aktivitäten seien nach außen hin nicht sichtbar gewesen. So habe es einen enormen Zulauf für die Seelsorge gegeben. Sie selbst habe sich auch kaum retten können vor Anfragen, E-Mails und Telefonaten. Sie habe sich kaum noch im Ruhestand gefühlt, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Ein Kollege habe sogar vor Gericht geklagt, um bei einer alte Dame im Pflegeheim trotz des Besuchsverbots Sterbebegleitung leisten zu dürfen.

Grundsätzlich „tut es mir weh“, dass so viele Menschen aus der Kirche austreten. Ein Grund sei, dass Menschen sich heute nicht mehr gerne binden. Die Erfahrung würden auch Vereine und Parteien machen. Um Menschen wieder in der Kirchen zu beheimaten, müsse man sich die Frage stellen: „Wie pflanzen wir den Menschen wieder die Sehnsucht nach Gottesdienst ein?“ Die Kirche versuche schon sehr viel, um Mitglieder zu halten oder zu gewinnen und gerade durch die Corona-Krise habe sie einen Digitalisierungsschub erlebt. „Aber wir können auch nicht anfangen, Hotdogs zu verteilen, damit die Menschen in den Gottesdienst kommen“, sagte Käßmann.

Von: Swanhild Zacharias

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