In Zeiten der Coronakrise konnten sich chinesische Christen (Archivfoto) nicht in ihren Hauskirchen treffen. Um das Evangelium trotzdem zu verbreiten, waren sie erfinderisch.

In Zeiten der Coronakrise konnten sich chinesische Christen (Archivfoto) nicht in ihren Hauskirchen treffen. Um das Evangelium trotzdem zu verbreiten, waren sie erfinderisch.

„Botschafter der Hoffnung in einer schwierigen Zeit“

China ist das Ursprungsland der Corona-Pandemie. pro hat bei einem Insider nachgefragt, wie sich die aktuelle Lage dort entwickelt und welche Hürden Christen dort haben, wenn sie Online-Gottesdienste durchführen.

pro: Wie ist die Lage in China heute?

Jan Vermeer: Die Beschränkungen werden langsam aufgehoben, was bedeutet, dass die Situation unter Kontrolle ist.

Wie ist die Situation in den Kirchen und christlichen Gemeinschaften?

Im Allgemeinen können sich die Christen online treffen und es geht ihnen gut. Sie versuchen ihrem Umfeld zu helfen. Aber erst vergangene Woche berichtete eines meiner Teammitglieder, dass chinesische Christen aufgefordert wurden, Online-Gottesdienste zu beenden.

Können sie Online-Gottesdienste so einfach durchführen wie in Europa?

Allgemein gibt es, abgesehen von einigen Ausnahmen, keine Hindernisse und die Menschen können Online-Gottesdienste frei durchführen. Aber sie müssen darauf achten, dass sie die Regierung nicht kritisieren oder Ausländer in ihren Dienst einbeziehen. Chinas Regierung ist dagegen allergisch.

Wie war es in der Hochzeit der Krise?

Die digitalen Angebote der Christen florierten während der Pandemie. Viele Hauskirchen und einige Staatskirchen haben begonnen, ihre Gottesdienste, Gebetstreffen und Hauskreistreffen live zu übertragen. Vorher wöchentliche Gebetstreffen fanden nun zum Teil täglich statt. So konnten die Christen während der Sperrzeit miteinander in Verbindung bleiben. In der Provinz Shandong gaben aber die beiden größten staatlich-regulierten religiösen Organisationen – die Patriotische Drei-Selbst-Bewegung und der Chinesische Christenrat – eine gemeinsame Erklärung heraus.

Was stand darin?

Sie forderten die Kirchen am 23. Februar auf, ihre Predigten nicht mehr online zu verbreiten. Außerdem wurden die örtlichen Behörden angewiesen zu überprüfen, ob sich Kirchen noch heimlich treffen und diese Treffen zu beenden. 700 Kilometer weiter südlich in der Provinz Anhui wählten die beiden Organisationen eine andere Vorgehensweise.

Und die wäre?

Die Verlautbarung erlaubte der Staatskirche während der Quarantäne Online-Chaträume einzurichten. Gleichzeitig warnte sie die Pfarrer davor, sich online mit Christen zu verbinden, die nicht zu ihrer eigenen Gemeinde gehören. Außerdem war beziehungsweise ist es verboten, Links zu Predigten, Gottesdiensten oder Gebeten von Predigern oder Personen weiterzugeben, die nichts mit dem unmittelbaren und registrierten Veranstaltungsort der Kirche zu tun haben.

Rechnen Sie mit weiteren solcher Maßnahmen?

Bisher haben unsere Partner nur von drei solchen Ankündigungen gehört. Aber wir erwarten weitere solcher Schritte. Die Regierung ist bekannt dafür, solche Erklärungen zu veröffentlichen, um die Kirchen zur Unterordnung zu zwingen. Daran haben sich die Christen in China gewöhnt. Für viele von ihnen wird sich nichts ändern. Sie nutzen weiter jede Gelegenheit, um nichtgläubige Freunde und Fremde einzuladen, das Evangelium zu hören, und es zu predigen.

Wie sehr kann die Regierung die Kirche unter Druck setzen?

Die Kirche hat nach und nach gelernt, keine Inhalte zu veröffentlichen, die so verzerrt werden können, dass sie wie regierungsfeindliche Botschaften aussehen. Stattdessen ruft sie ihre Gläubigen auf, für das Land und die Machthaber zu beten. Sie beten dafür, dass das Virus lokal und global eingedämmt wird, aber auch für das Gesundheitspersonal, Betroffene und ehrenamtliche Helfer. Außerdem haben viele Christen kostenlos Essen, Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel an Bedürftige verteilt. Die Ausbreitung des Virus in China hat sich deutlich verlangsamt. Aber dennoch gehen die Kirchen davon aus, dass die Regierung weder die Zeit noch die Mittel hat, um die Akitivitäten der Kirche zu verfolgen, außer im Online-Bereich.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Die Behörden stecken in einem Dilemma. Die Christen haben in den vergangenen Monaten in ihrem Einsatz für Kranke außergewöhnlich viel Mut und Großzügigkeit bewiesen. Wenn die Epidemie abgeklungen ist, steht die Regierung in Erklärungsnot. Aus ihrer Sicht darf nicht der Eindruck entstehen, dass Christen diejenigen sind, an die man sich in Notzeiten wenden kann. Zusätzlich haben gerade während der Pandemie viele Kirchen auch eine starke Online-Präsenz gezeigt. Deswegen brauchen Christen in China jetzt unsere Unterstützung. Sie haben sich dafür entschieden, mutig, großzügig und Botschafter der Hoffnung zu sein.

Kann man den Zahlen der chinesischen Regierung vertrauen?

Wir haben keine Möglichkeit, zu bestätigen, ob die Statistiken richtig oder falsch sind.

Was können die westlichen Länder von China bei der Bewältigung der Coronakrise lernen?

Das ist schwer zu beantworten. Auf jeden Fall ist eine eingehende Analyse der unterschiedlichen Vorgehensweisen seitens der Regierungen und Behörden in China und im Westen erforderlich und welche Ergebnisse dabei erzielt wurden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Jan Vermeer ist für Open Doors tätig als Kommunikationsdirektor für Asien. Er ist Autor der Bücher „Das Haus mit dem Zeichen“ sowie „Warum verfolgst Du mich?“

Die Fragen stellte Johannes Blöcher-Weil

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