Markus Rode leitet das Hilfswerk Open Doors, das sich für verfolgte Christen einsetzt

Markus Rode leitet das Hilfswerk Open Doors, das sich für verfolgte Christen einsetzt

„China will die Zahl der Christen klein halten“

In China gibt es mehr Christen als Mitglieder der kommunistischen Partei. Peking reagiert mit Druck: In Kirchen laufen Überwachungskameras, Jugendliche dürfen sie gar nicht erst betreten. Trotzdem wächst die Gemeinde, sagt Markus Rode, Leiter von Open Doors Deutschland.

pro: Die Punktzahl Chinas auf dem Weltverfolgungsindex ist seit 2018 von 57 auf 70 gestiegen. Wie kam es dazu?

Markus Rode: Am 1. Februar 2018 ist in China eine neue Religionsverordnung in Kraft getreten. Sie sieht eine starke Kontrolle und Einschränkung aller christlichen Aktivitäten im Land vor. Die Freiheit für Christen, ihren Glauben zu leben, wird seitdem immer mehr eingeschränkt. Allein im letzten Jahr wurden mehr als 5.500 Kirchen und kirchliche Einrichtungen geschlossen oder zerstört.

Xi Jinping ist erst seit 2013 Staatspräsident der Volksrepublik China, gilt aber schon jetzt als wichtigster Politiker seit Mao. Welche Rolle spielt er bei der Verfolgung von Christen?

Kein anderer Politiker seit Mao hat sich selbst so viele Machtbefugnisse angeeignet wie Xi Jinping. Er regiert wie ein Diktator und zielt dabei auf Erhalt und Ausbau dieser Macht. Um das kommunistische System zu stärken, will er alle Bürger des Landes unter dieses System zwingen. Besonders die Christen, die sich in der Vergangenheit nicht unter das kommunistische Regime gebeugt haben, stehen im Fadenkreuz der digitalen Überwachungstechniken, mit der sich die kommunistische Partei Zugriff auf ihren persönlichen Glaubens- und Lebensbereich verschaffen will. Wer sich den Direktiven von Xi nicht beugt, muss damit rechnen, in Umerziehungslagern interniert zu werden.

Die „Sinisierung“, wie Xi sie will, bedeutet die Anpassung an die chinesische Kultur. Christen leiden darunter. Passt der christliche Glaube nicht zur chinesischen Kultur?

Seit der Kulturrevolution unter Mao ist die Anzahl der Christen explosionsartig gestiegen. Mit mehr als 90 Millionen gibt es im Land mehr Christen als Mitglieder der kommunistischen Partei. Da Xi Jinping 90 Millionen Christen nicht einfach beseitigen oder ins Gefängnis stecken kann, versucht er den Glauben der Christen und die Kirchen so zu verändern, dass sie Teil der kommunistischen Ideologie werden – dazu gehört eine neue, vom Regime nach kommunistischen Vorgaben interpretierte Bibelübersetzung. Kreuze in den Kirchen müssen abgehängt und durch Portraits von Mao und Xi ersetzt werden. Zu Beginn des Gottesdienstes muss die Nationalhymne gesungen werden.

Bei Teilen der Mitglieder der Kommunistischen Partei und der Behörden gab es über viele Jahre die Erkenntnis, dass Christen für das Land wertvolle Mitbürger sind; sie sind ehrlich, arbeitsam und zuverlässig und oft sozial engagiert. Xi sieht in ihnen aber eine Gefahr für seine Machtposition. Er verlangt völlige Unterordnung. Weil die Christen jedoch Jesus als ihren Herrn und Gott verehren, werden sie als Feinde betrachtet.

Offiziellen Angaben zufolge sind 2,5 Prozent der Chinesen Christen, das entspricht knapp 35 Millionen. Open Doors spricht von mindestens 90 Millionen. Wie kommt es zu den Angaben?

Mehr als zwei Drittel der Christen in China gehören zu den nicht-registrierten Haus- oder auch Untergrundkirchen, die zur Zeit der großen Christenverfolgung entstanden sind, als die Christen unter Mao ihren Glauben heimlich leben mussten. Daneben gibt es die staatlich registrierten Kirchen der protestantischen Drei-Selbst-Bewegung, und die katholische Patriotische Vereinigung. Bei den offiziellen Angaben werden anscheinend nur die Mitglieder der staatlichen Kirchen berücksichtigt. Das Regime will die Zahl der Christen klein halten.

Treffen einer Hauskirche von Christen mit buddhistischem Hintergrund

Treffen einer Hauskirche von Christen mit buddhistischem Hintergrund

Hat die kommunistische Führung Angst vor einem zu großen Christentum?

Die Christen sind auch unter größter Verfolgung Jesus treu geblieben. Ihre Anzahl ist sogar gewachsen. Das Regime versucht dieses Wachstum zu stoppen. Zukünftig soll nach dem neuen „social credit system“ jeder einzelne Bürger komplett digital durchleuchtet und bewertet werden. Auf diese Weise will das Regime mittels Belohnungen oder Sanktionen Zugriff auf die Menschen bekommen, um deren Haltungen und Denken in seinem Sinne zu steuern. So wurden etwa Rentner in mehreren Provinzen angeschrieben mit der Androhung, ihre staatliche Rente würde empfindlich gekürzt werden, sollten sie sich weiter zu Jesus bekennen. Gerade auch Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren wird verboten, an christlichen Veranstaltungen teilzunehmen, da die Möglichkeit, sie zu prägen, in diesem Alter am stärksten ist.

Es mehren sich Berichte über staatliche Überwachungsprogramme in China, die wie aus einem Science-Fiction-Film wirken. Welche Techniken setzt die Regierung ein?

Die Überwachung in China ist zum Beispiel mit Millionen von Kameras beinahe allgegenwärtig und wird ständig weiter ausgebaut und optimiert. Das erleben auch die Christen, die gezwungen werden, in ihren Gottesdiensträumen Kameras anzubringen. Nun soll dort vermehrt auch biometrische Gesichtserkennungssoftware eingesetzt werden. Das hört sich für mich nicht wie Science-Fiction, sondern wie die Vorstufe der Erfüllung der Prophetie aus Offenbarung 13,16–18 an. Dort heißt es, dass die Menschen sich ein Zeichen an ihre rechte Hand oder Stirn machen lassen müssen, ohne das niemand kaufen oder verkaufen kann.

Deutsche Politiker dürfen nicht verstummen

Was bedeutet das für die Christen in China?

Seit 2017 hat die Regierung viele Kirchen und ihre Einrichtungen geschlossen; im vergangenen Jahr waren das mehr als 5.500. Pastoren werden überwacht und unter Druck gesetzt, ihren Dienst einzustellen. Etliche wurden verhaftet. Das Gemeindewachstum soll mit allen Mitteln begrenzt werden. Mehrere große Hauskirchen haben ihre Sonntagsgottesdienste eingestellt, die Christen treffen sich wieder in kleinen Gruppen. Eine Christin hat das so beschrieben: „Diese neue Zeit der Kontrolle und der Einschüchterung ist auch eine Gelegenheit für die Kirche. Die Christen müssen lernen, im Sinn der Bibel auf Verfolgung zu reagieren. Die jüngere Generation hat noch nie zuvor einen solchen Druck erlebt. Außerdem müssen wir in kleinen Gruppen neu lernen, Jesus nachzufolgen. Es ist, als ob Gott die Fundamente der Gemeinde neu kalibriert, um sie auf eine Zeit des weiteren Wachstums mitten in zunehmender Verfolgung vorzubereiten.“

Deutsche Unternehmer und Politiker mahnen China regelmäßig, die Menschenrechte zu achten. Geschäfte machen sie trotzdem mit ihnen – auch weil sie Arbeitsplätze in Deutschland erhalten wollen. Haben Sie dafür Verständnis? Was wünschen Sie sich von der Politik in Bezug auf China?

Die deutsche und chinesische Wirtschaft sind so eng miteinander verflochten, dass ein Rückbau dieser Beziehungen kaum möglich ist. Entscheidend ist, dass die Wirtschaftsmacht von China nicht so großen Einfluss auf unsere Politiker und Regierung nimmt, dass deren Stimmen immer leiser werden oder verstummen.

Deshalb ist es umso wichtiger, gerade in der Dynamik einer zunehmenden Verfolgung, auch deutlich lauter und gezielter auf die zunehmende Verfolgungssituation hinzuweisen und die Einhaltung der Religionsfreiheit einzufordern. Denn China hat als Wirtschaftsmacht großes Interesse daran, in der Weltöffentlichkeit gut da zu stehen.

Was können Christen in Deutschland tun, um ihre Glaubensgeschwister in China zu unterstützen?

Viele Christen in China kennen Verfolgung noch aus der Zeit unter Mao. Sie haben gelernt, in härtester Verfolgung das Gebet zu intensivieren. Deshalb bitten sie uns, mit ihnen zusammen zu beten. Dazu müssen wir über ihre Situation informiert bleiben. Hierzu hat Open Doors auf der Website aktuelle Gebetsanliegen und entsprechende Informationen bereitgestellt. Hilfreich ist es auch, an Politiker zu schreiben und Redakteuren für unterstützende Artikel zu danken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Die Fragen stellte Nicolai Franz.

Sie können sich über Disqus, facebook, Twitter oder Google anmelden um zu kommentieren. Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine E-Mail-Adresse ein. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Um Missbrauch zu vermeiden, werden wir Ihren Kommentar erst nach Prüfung auf unserer Seite freischalten. Wir behalten uns vor, nur sachliche und argumentativ wertvolle Kommentare online zu stellen. Bitte achten Sie auch darauf, dass wir Beiträge mit mehr als 1600 Zeichen nicht veröffentlichen. Mit Abgabe des Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Datenschutz
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Moderation
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei der Christlichen Medieninitiative pro e.V. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in den Nutzungsbedingungen.

comments powered by Disqus