Andreas Püttmann äußert sich zum Konflikt zwischen dem Papst und dem früheren Papst

Andreas Püttmann äußert sich zum Konflikt zwischen dem Papst und dem früheren Papst

„Amtierender Papst braucht keine Nachhilfe“

Der ehemalige Papst Benedikt XVI. wollte sich nach seinem Rücktritt nicht mehr in theologische Debatten einmischen. Jetzt hat er sich zum Thema Zölibat doch wieder öffentlichkeitswirksam geäußert. pro hat beim katholischen Publizisten Andreas Püttmann nachgefragt, was das für die Katholische Kirche bedeutet.

pro: Wie bewerten Sie die Äußerungen des emeritierten Papstes Benedikt zum Zölibat?

Andreas Püttmann: Als Politologe steht mir ein theologisches Urteil nur begrenzt zu. Als katholischer Christ habe ich Joseph Ratzingers Publikationen immer mit Bewunderung gelesen, mich gerne von ihm belehren lassen und ihn in vielen „Schlachten“ verteidigt. Seine Haltung zum Zölibat entspricht der Wertschätzung, die das Konzil für diese priesterliche Lebensform zum Ausdruck bringt. Es ist die Lebensform Jesu. Sie stellt grundsätzlich einen hohen Grad an Hingabe, Zeugnis für eine überirdische Wirklichkeit, Verfügbarkeit und Unabhängigkeit dar. Letzteres kann besonders unter antichristlichen Regimen relevant werden. Das tatsächlich vom Klerus gelebte Zölibat darf aber nicht zu stark vom Ideal abweichen. Sonst wird aus dem Zeugnis ein Antizeugnis. In pastoralen Sonder- und Notsituationen muss mit anderen Gütern, etwa dem Zugang zur Eucharistie, abgewogen werden. Ich habe den Eindruck, dass die Amazonas-Synode und Papst Franziskus hier gewissenhaft, differenziert und behutsam agieren. Sie brauchen keine Nachhilfe, auch nicht vom ehemaligen Papst. (Anm. d. Red.: Bei der Amazonas-Synode haben sich ranghohe Theologen im Oktober 2019 getroffen, um über neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie zu sprechen. Eine Mehrheit der Teilnehmer sprach sich dabei auch dafür aus, in entlegenen Amazonasregionen ausnahmsweise auch verheiratete Männer als Priester einzusetzen.)

Hat Benedikt damit eine Grenze überschritten?

Benedikt XVI. sagte in seiner Abschiedsansprache zu den Kardinälen: „Unter Euch ist der künftige Papst, dem ich meinen bedingungslosen Gehorsam und Ehrfurcht verspreche.“ Er sei „nur noch ein einfacher Pilger, der die letzte Etappe seiner Pilgerreise auf dieser Erde beginnt“. Er wolle „verborgen vor der Welt leben“. Gemessen an diesen Worten hat er schon früher Grenzen überschritten. Inwieweit das für das Buch Kardinal Sarahs gilt, an dem Benedikt möglicherweise nicht willentlich mitwirkte, wie jüngste Äußerungen seines Sekretärs nahelegen, muss sich noch zeigen.

Inwiefern kann und darf sich ein Papst in die Belange seines Vorgängers einmischen?

Kraft seiner apostolischen Weihegewalt kann ein Papst auch von seinem zurückgetretenen Vorgänger Gehorsam und Loyalität verlangen. Er wird sich einem Rat und auch einer Kritik nicht verschließen. Aber die müssen diskret und nicht medienöffentlich erfolgen, wenn die Kirche sich nicht selbst säkularisieren, als zerstritten und ratlos vorführen oder gar spalten soll.

Wieviel Rückhalt hat der ehemalige Papst mit dieser Äußerung? Wie laut sind die Stimmen innerhalb der katholischen Entscheidungsträger, die eine Reform des Zölibats fordern?

Das ist schwer zu quantifizieren. Klar ist nur, dass die Lautstärke der Kontrahenten mit ihrem Fanatismus steigt und dass die Amazonas-Synode tendenziell eine begrenzte Öffnung der Zölibatspflicht ermöglicht hat. Es gibt ja auch heute schon verheiratete Priester in unierten Kirchen und durch Konfessionsübertritte von Geistlichen.

Wie schätzen Sie ein, dass es mit den Vorgängen weitergeht?

Das hängt davon ab, wie sich die Mitwirkung Benedikts an dem Buch nach der Aufklärung über dessen Zustandekommen darstellt. Kardinal Sarah wird sich rechtfertigen müssen. Nicht für seine theologische Meinung. Die ist legitim. Sondern in der Frage, wie er hier vorgegangen ist und Benedikt womöglich instrumentalisiert hat.

Welche Erwartungen haben Sie an das postsynodale Schreiben von Papst Franziskus, in dem es auch um die Ehelosigkeit von Priestern gehen soll?

Ich erwarte das in Vertrauen und Gelassenheit. Gerade weil ich Argumente beider Seiten in dieser Frage nachvollziehbar und gewichtig finde, fehlt mir die Inbrunst, mit der manche Wahrheitsbesitzer deshalb aufeinander einschlagen. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Johannes Blöcher-Weil

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