John Lennox im September 2019 in Marburg

John Lennox im September 2019 in Marburg

John Lennox: „Wir werden zu einer selbstanbetenden Gesellschaft“

John Lennox ist nicht nur emeritierter Mathematikprofessor in Oxford, sondern auch ein leidenschaftlicher Verteidiger des christlichen Glaubens. pro traf ihn beim 20. Jubiläum des Instituts für Glaube und Wissenschaft in Marburg. Im Interview warnt er vor der schwindenden Prägekraft des Glaubens, spricht über die Frage nach dem Leid – und kritisiert die moderne Lobpreiskultur.

pro: Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten nicht nur mit Mathematik, sondern auch mit der Frage, ob das Christentum vereinbar mit der Wissenschaft ist. Ist es klug, an Gott zu glauben?

John Lennox: Schon seit meiner Kindheit, ich komme aus einem christlichen Hintergrund, war die Wahrheitsfrage äußerst wichtig. Ich konnte zwar sehen, dass das Christentum funktioniert, zum Beispiel bei meinen Eltern. Aber als ich nach Cambridge kam, eröffnete sich mir eine neue Welt. Ich las sehr viel und sprach mit vielen Menschen. Meine Grundfrage war: Ist das Christentum die Wahrheit? Oder der Atheismus? Der Pantheismus? Ich verstehe den Glauben an Jesus Christus als den Sohn Gottes als eine Reaktion auf Indizien. Glaube an und für sich ist immer nur so stark wie sein Fundament. Ob es klug ist, an die Wahrheit zu glauben? Immer.

Oft sind es nicht rationale Argumente, die Menschen an Gott zweifeln lassen, sondern Gefühle. Allen voran die Frage der Theodizee: Warum lässt Gott Leid zu?

Dazu habe ich vor allem in meinem Buch „Gott im Fadenkreuz“ viel geschrieben. Leid gibt es in zwei Formen: Erstens das Leid, das sich Menschen gegenseitig zufügen: Krieg, Terror, Hass. Und zweitens der Schmerz, der offensichtlich nicht von Menschen verursacht wird: Katastrophen, Tsunamis, Erdbeben, Krebs. Zum ersten: Wenn Gott uns keine Willensfreiheit gegeben hätte, wären wir bloß Automaten, keine Menschen. Wir hätten nicht mehr die Wahl, Ja oder Nein zu sagen. Gott hat bei der Erschaffung des Menschen also ein Risiko auf sich genommen. Ein ähnliches Wagnis gehen Eltern ein: Sie zeugen ein Kind, obwohl sie genau wissen, dass dieses Kind seine Eltern ablehnen könnte. Warum tun sie es trotzdem? Natürlich ist die Antwort: Weil es so bereichernd und wunderbar ist, wenn Kinder aufwachsen und uns lieben.

Und was ist mit dem Leid, für das Menschen nichts können?

Der Standardvorwurf gegen das Christentum lautet: Wenn ein guter, allmächtiger Gott das Leiden Unschuldiger zulässt, ist er entweder nicht gut oder nicht allmächtig. Niemand hat eine Lösung dafür. Wenn wir Mathematiker jahrhundertelang erfolglos versuchen, eine Frage zu lösen, dann wenden wir manchmal ein: Gibt es nicht eine bessere, berechtigtere Frage? Ich würde die Frage anders stellen: Gibt es Hinweise für einen Gott, dem wir trotz dieses unlösbaren Problems vertrauen können? Hier hat das Christentum eine eigentümliche Antwort. Der Kern des christlichen Glaubens ist, dass Gott Fleisch geworden und am Kreuz gestorben ist. Wenn Jesus wirklich Gott war, müssen wir fragen: Was macht Gott an einem Kreuz? Dann wird es offensichtlich: Gott ist nicht fern vom menschlichen Leiden, sondern im Gegenteil: Er kennt es.

Für ein Interview ist dieses Thema natürlich zu komplex. Aber es ist wichtig. Im Februar 2011 war ich in Christchurch, kurz nach dem verheerenden Erdbeben, bei dem 185 Menschen starben. Ich predigte in einem der ersten Gottesdienste nach dieser Katastrophe. Eine Frau hinterließ eine kleine Notiz für mich: „Ich habe meinen Mann verloren. Aber was Sie gesagt haben, hat mir Hoffnung gegeben.“ Das habe ich oft erfahren. Wenn Menschen diese Gedanken des Leids mitdenken, spüren sie: Das ist nicht nur intellektuelles Gerede, sondern Gott kommt ihnen in Jesus Christus nahe. Weil er nicht nur für sie gelitten hat, sondern auch auferstanden ist, bekommen sie eine Hoffnung, mit der sie sich durch die Theodizee-Frage kämpfen können.

Der Theologe Tobias Faix spricht bei jungen Christen von der „Generation Lobpreis“. Manche Beobachter sagen, dass die Lobpreis- und Wohlfühlkultur die ernsthafte Beschäftigung mit dem Glauben ersetzt habe. Stimmt das?

Das ist völlig klar, denke ich. Ich bin sehr für Lobpreis. Aber die oberflächlichen Inhalte vieler Songs betrüben mich sehr. Manchmal kommen sie mir vor wie Mantren. Die Leute wiederholen dieselben Zeilen wieder und wieder, bis sie fast inhaltslos werden. Meine Nichte Kristyn Getty und ihr Mann Keith schreiben wunderbare neue biblisch fundierte Songs. „In Christ Alone“, auf Deutsch „In Christus ist mein ganzer Halt“, ist zum Beispiel von ihnen. Vor einem Monat war ich auf einer Konferenz in Nashville, die hieß „Sing!“, mit 10.000 Teilnehmern. Kristyn und Keith mit ihrem Team sagten dort: Wir wollen biblische Songs mit echtem Inhalt. Die heutige Lobpreiskultur ist ja wunderbar – bis die Theodizee­Frage auftaucht, bis man also leidet, bis Verhältnisse in sich zusammenstürzen. Dann bleibt wenig Substanz.

Der Inhalt einiger Lieder ist Selbstlob nach dem Motto „Herr, ich wünsche mir, dass ich dich jetzt loben“ kann. Es gibt sogar ein Lied, das „I really want to worship you“ heißt. Das ist kein Lobpreis, sondern Narzissmus. Es lohnt sich, diese Lieder zu analysieren. Denn ihr Hauptinhalt bin „ich“ und wie ich mich fühle, wie ich reagiere. Ich möchte junge Leute in dieser Hinsicht nicht kritisieren. Trotzdem ist dieser Narzissmus sehr gefährlich. Man sollte zuerst Gottes Wort hören und ihn dann auf der Basis des Gehörten loben. Stattdessen gibt es in vielen Gottesdiensten 40 Minuten lang Lobpreis, gefolgt von einem kurzen Wort.

„Der Inhalt einiger Lieder ist Selbstlob“

Ein Lobpreisleiter würde jetzt sagen: Aber ich will Gott doch von ganzem Herzen loben, und das mache ich mit meinen Liedern!

Dann lesen wir mal diese Songs und beantworten die Frage: Ist das wirklich Lob Gottes oder Lob unserer Gefühle? Der Trend, uns selbst in den Mittelpunkt zu stellen, ist gefährlich. Wir werden zu einer selbstanbetenden Gesellschaft. Das ist extrem formuliert, aber trotzdem müssen wir vorsichtig sein. Ich sorge mich um die Jugend. Ich selbst bin alt. Deswegen bin ich sehr froh, dass es auch jüngere Leute gibt, die dieses Problem erkennen.

Es wird schwieriger, jüngere Menschen für den Glauben zu begeistern. Untersuchungen zeigen: Wenn Menschen die Kirche verlassen, tun sie das oft, weil sie konservative Wertvorstellungen ablehnen.

Zumindest bei uns in England kommt laut einer Studie noch ein weiterer Austrittsgrund hinzu. Der am häufigsten genannte Grund war: Die Kirche beantwortet unsere Fragen nicht. Umso erfolgreicher ist der europäische Atheismus. 1.500 Jahre lang hat der Glaube an Gott die Geschichte Europas bestimmt. In der Verfassung der EU kommt er hingegen nicht vor. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Leute wie Richard Dawkins oder Christopher Hitchens haben den Wind gesät, jetzt ernten wir die Auswirkungen. Der BBC-Reporter Michael Buerk sagt: Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte haben wir keine gemeinsamen Normen mehr.

Was können Christen tun, damit der Sturm abflaut?

Ich kann die Menschen beeinflussen, mit denen ich in Kontakt stehe. Junge Menschen interessieren sich sehr für ethische Fragen, vor allem die großen: den Klimawandel zum Beispiel. Ich bin froh, dass die jungen Leute wie bei „Fridays for Future“ sich dafür interessieren, dass unser Benehmen Konsequenzen für unsere Welt hat. Und das ist biblisch: Wir haben eine Verantwortung, die Schöpfung gut zu verwalten. Ich finde es aber schade, wenn Menschen sich für die Schöpfung interessieren, aber nicht für den Schöpfer.

Wenn Jugendliche sich wieder für Ethik interessieren, ist das nicht auch ein Anknüpfungspunkt für Christen?

Ja, denn sie interessieren sich eben doch für die großen Fragen. Und gleichzeitig geben die Kirchen zu wenig Antworten. Sie müssen zeigen, dass das Christentum ein rational sinnvolles System ist, das gute Antworten gibt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Beitrag ist im Christlichen Medienmagazin pro erschienen. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5667751, per E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.

Die Fragen stellte Nicolai Franz

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