Leere Kirchenbänke sind oft die Realität: Was können Gemeinden tun, um attraktive Angebote für ihre Gläubigen zu schaffen

Leere Kirchenbänke sind oft die Realität: Was können Gemeinden tun, um attraktive Angebote für ihre Gläubigen zu schaffen

Soll denn nichts bleiben, wie es war?

Die Volkskirchen werden bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren. Schuld ist nicht nur der demografische Wandel. Viele Protestanten und Katholiken sind unzufrieden mit dem Erscheinungsbild ihrer Kirche – oder schlimmer noch, sie nehmen sie gar nicht mehr wahr. Was nun?

In Titisee-Neustadt mitten im Hochschwarzwald hat eine Kirchenbank den Weg an die frische Luft gefunden. Über Monate hinweg transportierte der katholische Pastoralreferent Sebastian Swiatkowski ihre sperrigen Holzteile immer wieder mit dem Auto in den Park, auf den Campingplatz, zum Wochenmarkt oder ans Seeufer. Mit etwas Geschick und einem Imbusschlüssel dauerte es nicht lange, bis die Sitzgelegenheit publikumswirksam platziert war.

„Erzähl mir was, ich hör dir zu!“, stand auf einem Schild daneben, auf der Lehne: „Draußen. Hier. Die mobile Kirchenbank.“ Wenn alles bereit war, nahm der Seelsorger im Erzbistum Freiburg Platz und wartete. Es dauerte meist nicht lange, bis der erste Spaziergänger sich zu ihm gesellte. Swiatkowski hat hier schon so gut wie alles gehört: Geschichten über Scheidungen, Tod, Liebe und den Glauben. Heute kann man seine Bank mieten. Er selbst widmet sich anderen beruflichen Projekten – doch das mobile Kirchenangebot soll es weiterhin geben.

Erik Neumann ist der erste und einzige Kite-Pastor der Evangelischen Kirche. Von Mai bis Juli bittet er andere Sportbegeisterte im Ostseebad Loissin aufs Brett. Mit Sicherheits- und Lenkleinen ausgestattet, lassen sie sich von Drachen auf einer Mischung aus Surfbrett und Snowboard durch Wind und Wellen ziehen – und das alles im Namen der Hannoverschen Landeskirche. Denn auch Neumann ist Seelsorger. Und seine Kite-Camps, da ist der Geistliche sich sicher, eignen sich wunderbar dazu, das Leben und den Glauben zu teilen. An jedem Morgen sind 75 Minuten Gruppengespräch über Existenzielles eingeplant. Dann geht es aufs Wasser. Die Teilnehmer berichten danach nicht nur von emotionalen Gesprächen. Manche finden sogar den Weg (zurück) in die Kirche.

Demografische und kirchenspezifische Faktoren spielen bei der Zahl der Kirchenmitglieder eine wichtige Rolle

Demografische und kirchenspezifische Faktoren spielen bei der Zahl der Kirchenmitglieder eine wichtige Rolle

Während sich die meisten Kirchen darum bemühen, neue Mitglieder in ihre Räume zu locken, dreht sich in der katholischen Jugendkirche Samuel in Mannheim alles darum, dass junge Menschen aus der Kirche herausfinden. Die Bildungsreferentin der Gemeinde, Lisa Stegerer, schließt regelmäßig kleine Gruppen von Besuchern im Kirchturm ein. Das Ganze ist Teil eines Spiels – innerhalb von 60 Minuten müssen die Teilnehmer Rätsel mit biblischem Bezug lösen, um den Weg nach draußen zu finden. Escaperoom nennt sich das Konzept, das mittlerweile als kommerzielle Variante in vielen deutschen Städten etabliert ist.

In der Jugendkirche ist das Spiel kostenlos. Die Gemeinde will junge Menschen auf diesem Weg dazu motivieren, sich mit der Kirche und der Bibel zu beschäftigen. Offenbar geht das Konzept auf: Nicht nur Firmlinge, auch Schulklassen und Kindergeburtstagsgruppen suchen regelmäßig den Weg aus dem Kirchturm. Mobile Kirchenbank, Kite-Kirche und biblischer Escaperoom – das sind drei Beispiele, die Mut machen. Kirche, so wollen sie sagen, kann auch heute relevant sein. Sie kann Zugänge ermöglichen, auch für Menschen, die sich eigentlich nicht für sie interessieren oder sie gar abgeschrieben haben.

Heulen und Zähneklappern in Hannover

Mutmacher sind wichtig in Zeiten wie diesen. Denn alle Zeichen stehen bei der Kirche auf Bedeutungsverlust und Mitgliederschwund. Die einen sind nicht an Gottesdiensten interessiert, die anderen sehen in kirchlicher Moral und politischem Gebaren von Protestanten und Katholiken einen Affront gegen die postmoderne Selbstbestimmung. Spätestens seit im Mai die Mitgliederprojektion von der Universität Freiburg und der Evangelischen Kirche in Deutschland „Kirche im Umbruch“ erschien, dringt aus Landeskirchen hüben und drüben und dem Kirchenamt in Hannover vor allem: Heulen und Zähneklappern.

Denn die Lage ist ernst: Bis zum Jahr 2060 wird die Evangelische Kirche die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren. Von 21,5 verbleiben voraussichtlich 10,5 Millionen Menschen im Schoß der Kirche. Und das Schlimmste: Nicht allein die Demografie ist schuld. Zwar wird rund ein Viertel der Mitglieder schwinden, weil Sterbefälle hierzulande evangelische Zuwanderung und Geburten übersteigen. Doch die andere Hälfte des Schwunds geht auf „kirchenspezifische Faktoren“ zurück, wie die Forscher es ausdrücken.

Die Deutschen taufen ihre Kinder seltener, suchen als Erwachsene kaum Kontakt zur Kirche oder treten sogar aktiv aus. Der typische Kirchenabtrünnige ist zwischen 25 und 35 Jahre alt, eher männlich, gerade ins Berufsleben eingestiegen und spürt deshalb erstmals die Last der Kirchensteuer und nimmt selten kirchliche Angebote in Anspruch. Weil sich in eben dieser Lebensphase auch die meisten Deutschen dazu entscheiden, Kinder zu bekommen, resultiert aus deren Abwendung von der Kirche auch die Nichttaufe der Kleinsten. Für die Evangelische Kirche bedeutet das dreierlei: Sie verliert Mitglieder. Sie verliert (vor allem ehrenamtliche) Mitarbeiter.

Sie verliert Geld – und das macht dank wegbrechender Kirchensteuerzahler bei wachsenden kirchlichen Ausgaben etwa die Hälfte ihrer Leistungsfähigkeit aus. Sie wird künftig weniger Mitarbeiter anstellen und weniger Kirchengebäude unterhalten können. Das Phänomen ist keineswegs konfessionell begrenzt. Bei den katholischen Geschwistern zeigen sich ähnliche Entfremdungsentwicklungen: Laut der Freiburger Studie ist die Katholische Kirche nur minimal geringer vom Mitgliederschwund betroffen. Waren 1953 noch knapp 44 Prozent der Deutschen katholisch, schrumpfte die Zahl bis 2017 auf gerade mal 28 Prozent. Auch die Freikirchen können sich nicht darauf ausruhen, dass den meisten von ihnen gesunkene Kindstaufenzahlen und Kirchensteuerverluste keine Einbrüche bescheren werden.

So werden sich die Mitgliedszahlen bis in das Jahr 2060 entwickeln

So werden sich die Mitgliedszahlen bis in das Jahr 2060 entwickeln

pro hat exemplarisch verschiedene Gemeindebünde angefragt. Demnach ist die Entwicklung zwar vielschichtig und keineswegs so eindeutig wie bei den Landeskirchen und den Katholiken. Dennoch beunruhigen die Zahlen. Die im Bund der Evangelisch-Methodistischen Kirche verbundenen Gemeindeangehörigen und Gemeindeglieder waren 1992 noch knapp 70.000, im Jahr 2018 kamen knapp 50.000 Personen zusammen. Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden vermeldet seit Jahren eine Stagnation rund um die Marke von 81.000 bis 82.000 Mitgliedern. Und das bei strukturellem Bevölkerungswachstum. Der Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden ist nach eigenen Angaben gewachsen – von 28.000 Mitgliedern im Jahr 1996 auf heute knapp 63.000. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Experten gehen davon aus, dass die Eingliederung von Auslandsgemeinden dabei eine größere Rolle spielt als tatsächliches organisches Wachstum.

Vielleicht ist die Erwachsenentaufe ein Grund dafür, dass Schrumpfungsprozesse im freikirchlichen Milieu weniger rasant oder gar nicht verlaufen, sorgt sie doch mutmaßlich dafür, dass Christen in mündigem Alter eine bewusste Entscheidung für oder gegen Gott und die Gemeinde treffen. Vielleicht ist die Tatsache wichtig, dass Gemeindeglieder in Freikirchen oft stärker in die Arbeit involviert sind, weil die oftmals kleineren Organisationen eher auf Freiwilligenengagement setzen. Doch egal, woran es liegt, Fakt ist auch: Der gesamte prozentuale Anteil der Freikirchler an der Bevölkerung Deutschlands wächst nicht. Laut dem Marburger Institut Remid waren im Jahr 2001 knapp 1,1 Prozent der Deutschen Mitglieder von Freikirchen. 2017 waren es gerundet ebenso viele, deren Zahl ist im Verhältnis zum Bevölkerungswachstum genau genommen sogar leicht gesunken.

Austrittsgründe: Die Bindung fehlt

Zusammengenommen zeigen die Statistiken vor allem eine Tendenz deutlich: Die Zahl der Christen in Deutschland sinkt über die Grenzen von Denominationen und Konfessionen hinweg – teilweise dramatisch.

Auf die Frage nach dem Warum gibt eine Studie im Auftrag des Bistums Essen aus dem Jahr 2018 Auskunft. Dabei wurden über 300 Personen gefragt, warum sie die Kirche verlassen haben. Demnach spielt die Kirchensteuer zwar eine Rolle bei der Entscheidung zum Austritt. Jedoch fällt dies fast ausschließlich zusammen mit einer fehlenden Bindung zur Kirche oder Misstrauen ihr gegenüber ins Gewicht.

Viele Ausgetretene äußern Zweifel daran, dass die Kirche ihr Geld für gute Zwecke verwendet. Ein zweiter Grund liegt in den moralischen Vorstellungen der Kirche. Das Frauenbild, die Haltung zu Homosexualität, Priestertum, Zölibat und die Sexualmoral als solche seien veraltet. Drittens gilt die Kirche als Institution vielen als unglaubwürdig. Schuld daran scheint vor allem der Missbrauchsskandal zu sein. Einige erklärten jedoch auch, die Kirche kümmere sich zu wenig um Missionierung. Eine vierte Gruppe gab als Gründe Glaubensverlust oder Enttäuschungen durch Geistliche oder andere Kirchenmitarbeiter an.

Laut Studie ist der Weg hin zum Kirchenaustritt in ein recht simples Schema zu pressen: Auf die Kindstaufe folgen mit zunehmendem Alter Glaubenszweifel oder eine kritische Haltung gegenüber der Kirche wegen ihrer Positionen oder ihres mutmaßlich veralteten Erscheinungsbildes. Die Mitglieder entfremden sich zunehmend, verlieren immer mehr an Bindung zu ihrer Gemeinde, treten deshalb aber noch nicht aus. Dazu braucht es ein enttäuschendes Erlebnis, etwa mit einer Person der Kirche, oder den Eintritt in das Berufsleben und damit das erstmalige Zahlen der Kirchensteuer. Wer entweder die eine oder die andere Belastung der Beziehung Mitglied-Kirche erlebt, entscheidet sich schließlich für den Austritt. Stichprobenartige Erhebungen, etwa innerhalb der Evangelischen Kirche Berlins und Brandenburgs, zeigen ähnliche Austrittsgründe.

Es scheint, als sei das Hauptproblem der Kirche auf eine ebenso einfache wie verheerende Formel zu bringen: Sie hat den Kontakt zu den Menschen verloren. Vor allem schafft sie es nicht mehr, jene zu begeistern, die bereits Mitglieder sind. Wer austritt, dem fehlt die Bindung zur Kirche. Wer keine Verbindung zur Kirche hat, kann ihr Handeln seltener nachvollziehen. Und wer den Kontakt zur Kirche verloren hat, steckt Enttäuschungen schlechter weg, seien sie spirituell oder menschlich.

Was nun? Wege aus der Krise

„Nicht heulen, sondern handeln“, fordert der Katholik, Politikberater und Welt-Kolumnist Erik Flügge in seinem gleichnamigen Buch. Er kritisiert eine „zu Tode reflektierte Theologie“ der Protestanten. Zu viel Kopf, zu wenig Herz. Zu viel Bewahrungswillen, zu wenig Mut. Zu viel Wagenburgmentalität, zu wenig Leben. Wer dazu noch fröhlich nicken kann, wird eventuell skeptischer, wenn Flügge seine Ideen ausführt. Den Gottesdienst an sich erklärt er für tot und verzichtbar. Das klingt nach radikaler Reform, zugleich wünscht er sich aber auch ein vehementeres Eintreten der Protestanten für den Auferstehungsglauben, das Fundament der Kirche, wie er schreibt.

So vereint ausgerechnet der als progressiv geltende Flügge zwei Sichtweisen auf die Krise, die symptomatisch geworden sind für den Umgang mit dem Mitgliederschwund. Denn wirft man einen Blick darauf, was Theologen, Experten für Gemeindebau oder schlicht Christen von der Basis vorschlagen, um Menschen neu für die Kirche zu begeistern, dann kristallisieren sich vor allem zwei Deutungsmuster heraus. Die einen wollen Kirche neu denken, auf Begegnung statt frontale Beschallung im Gottesdienst setzen, Lehre durch Dialog eintauschen, mit Konventionen brechen.

Augsburg war bei der MEHR-Konferenz 2016 Anlaufpunkt für Christen aus katholischen, protestantischen und freikirchlichen Gemeinden

Augsburg war bei der MEHR-Konferenz 2016 Anlaufpunkt für Christen aus katholischen, protestantischen und freikirchlichen Gemeinden

Die anderen fordern ein – mal mehr, mal weniger – radikal ausgeprägtes Zurück-zu-den-Wurzeln, etwa der Autor und Blogger Markus Till. In seinem Buch „Zeit des Umbruchs“ plädiert er für ein kompromissloses Back-to-the-Roots, kann dem Mitgliederschwund sogar etwas Positives abgewinnen: „Die Kirche ist unaufhaltsam auf dem Weg, wieder das zu werden, was sie ursprünglich war: Eine Freiwilligenkirche von entschiedenen Jesusnachfolgern.“

Januar 2018. 11.000 Christen aus katholischen, protestantischen und freikirchlichen Gemeinden treffen sich in Augsburg. Auf der Bühne in der Messe stehen die Worte „Jesus, Jesus, Jesus“. Eine Band mit E-Gitarren, Schlagzeug und flott gekleideten jungen Musikern beschallt die Besucher. Später wird der Gründer des örtlichen Gebetshauses und Initiator der Konferenz mit dem Titel „Mehr“, Johannes Hartl, predigen. Die Tagesschau berichtet wohlwollend über das Großevent, das seit 2012 steigende Besucherzahlen verzeichnet.

Von Besucher- oder Begeisterungsmangel an kirchlichen Themen ist hier nichts zu spüren. Und das, obwohl Hartl zu den Konservativen seiner Zunft gehört: Die Pille etwa sieht er kritisch. 2018 veröffentlichte er gemeinsam mit anderen ein „Mission Manifest“, in dem Hartl unter anderem mehr Evangelisation durch die Kirche fordert und eine Abkehr vom „humanistischen Mainstream“. „Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben“, heißt es in dem Schreiben. Im Juni twitterte er: „Ich kann die Frage nicht mehr hören, was Kirche tun müsse, um attraktiv zu werden. Es gibt genau eins, das attraktiv an Kirche ist: die Gegenwart Jesu. Wo tatsächlich sein Wort geglaubt, gebetet, gefastet und seiner Kraft konkret vertraut wird, ist auch Kraft da.“ Entgegen allem, was Studien und Mitgliederprognosen verlauten lassen, ist es ausgerechnet ein konservativer Katholik mit zahlreichen Fans an der evangelikalen Basis, der Massen zu begeistern vermag.

Die Landeskirchen setzen derweil auch auf Konzepte, die sich den klassischen gottesdienstlichen Formaten wie Predigt, Lobpreis und gemeinsamem Vater Unser entziehen. Fresh X, adaptiert aus der Anglikanischen Kirche Großbritanniens, will gezielt im Lebensraum der Menschen wirken und setzt vor allen Dingen auf Niedrigschwelligkeit. Kirche soll da sein, wo die Menschen sind – das kann auch bedeuten, dass vor dem Kiten in der Ostsee ein gemeinsamer Austausch der Sportler über Lebenskrisen und den Sinn des Lebens stattfindet, wie im Falle der Camps von Pastor Neumann. Oder ein Escaperoom einen neuen Zugang zu biblischen Themen schafft.

„Wir wollen nicht die verfasste Kirchenstruktur retten, sondern einen Glauben leben, der in der Welt wirkt“, beschreibt Rolf Krüger seine Arbeit. Der Gründer der Plattform Jesus.de kümmert sich heute um die Öffentlichkeitsarbeit der in Deutschland als Verein organisierten Fresh-X-Bewegung. In einem Podcast tauschte er sich kürzlich mit Kollegin Katharina Haubold darüber aus, dass klassische frontale Konzepte nicht mehr sein Zugang zu Kirche seien. Er wolle sich nicht mehr „anpredigen lassen“. Dabei könnte auch ein klassischer Predigtgottesdienst ins Fresh-X-Schema passen – wenn das Format dem Lebensgefühl der Gemeinschaft entspricht, in der das jeweilige Projekt wirken soll.

Diversität, Dialog und Mission sollen Hand in Hand gehen und Berührungsflächen für jeden ermöglichen – egal aus welchem Milieu er oder sie stammt. Ob das Konzept aufgeht, ist schwer zu sagen. Die Verantwortlichen legen Wert darauf, dass die unterschiedlichen Formate „Erprobungsräume“ sind. Seit 2015 haben sie zum Beispiel ihren festen Platz in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland. Erste Erhebungen zeigen Erfreuliches: Zwischen 2.600 und 4.700 Menschen konnten die insgesamt 33 unterschiedlichen Angebote von Streetwork im Problemkiez bis Kochgruppe im Stil eines Hauskreises bisher erreichen. Über die Hälfte von ihnen hat nach Angaben der Kirche zuvor keinen Kontakt zu christlichen Gruppen gehabt. Die meisten Besucher sind zwischen 20 und 40 Jahre alt – genau jene Bevölkerungsgruppe also, mit der sich die Kirche derzeit besonders schwertut. Die Evangelische Kirche Mitteldeutschland hat in den letzten fünf Jahren 12,5 Millionen Euro in die Arbeit investiert.

Vielleicht lässt sich der Erfolg von so unterschiedlichen Angeboten wie Fresh X und Hartls Mehr-Konferenz so erklären: Die eine Form erreicht jene, die bereits kirchlich sozialisiert sind und die konventionelle Gestalt frommer Veranstaltungen schätzen. Die andere eher jene, die einen neuen Zugang suchen oder gar nicht wissen, wonach sie sich eigentlich sehnen. Der Theologe an der Hochschule des CVJM Tobias Faix erklärt es im Gespräch mit pro so: „Wir brauchen beides, weil es unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen gibt und sich im großen Bild einiges gut ergänzt.“ Und damit meint er einerseits die Such-Orte mit ungewöhnlichen und überraschenden Formaten und andererseits die kirchenmassenkompatiblen Konferenzen eines Johannes Hartl.

Wichtig, so Faix, sei es, dass die missionarische Kraft und die Beziehung zu den Menschen vor Ort nicht verloren gehe. Laut einem Aufsatz, den er gemeinsam mit Kollegen für sein neues Buch „Kirche, ja bitte!“ verfasst hat, wird sich die Zukunft der Kirche auch an den religiös Indifferenten und Suchenden entscheiden. Jenen also, die zu wenig Bezug zu ihrer katholischen Gemeinde haben, um zum Beispiel nach Aufdeckung eines Missbrauchsskandals dennoch Mitglied zu bleiben oder gar das System verbessern zu wollen. Oder jenen, die zwar evangelisch getauft sind, aber danach nur noch zu Weihnachten mit ihren Eltern in der Kirche waren. Laut Faix gilt beim Thema Austritt eine einfache Kosten-Nutzen-­Rechnung: „Man tritt dann aus, wenn sich das Gefühl einstellt, dass eine Mitgliedschaft in der Kirche viel mehr kostet, als sie einem nutzt.“ Was muss bleiben?

Wahrheit entdecken

Liegt das Heil der Kirche also künftig in bühnenkompatiblen Großveranstaltungen mit perfekt arrangierten Lichtshows und Soundeffekten? Oder eher im Stuhlkreis mit Atheisten auf der Suche nach dem Sinn des Lebens? Experten aus Landeskirchen und dem freikirchlichen Bereich sehen in beidem Chancen und Probleme. Der Theologe Hans-Hermann Pompe von der Arbeitsgemeinschaft missionarische Dienste bei der Diakonie Deutschland beschäftigt sich hauptberuflich mit der Frage, wie Kirche sich entwickeln muss, um jene anzusprechen, die sie derzeit nicht mehr erreicht, zugleich aber ihren Kern nicht verliert.

In Fresh X sieht er einen von vielen Wegen, die es zu erproben gilt, warnt aber vor einer „messianischen Aufladung“ der Bewegung. Es gibt vieles, von dem sich die althergebrachten christlichen Institutionen verabschieden müssen, ist er sich sicher: Eine automatische fromme Sozialisation gehört ebenso dazu, wie alte Formate als Massenveranstaltung. Abschaffen will er den Gottesdienst, so wie Erik Flügge vorschlägt, dennoch nicht. „Auch Herr Flügge ist froh, wenn das italienische Restaurant an der Ecke zuverlässig geöffnet hat, sollte es ihn einmal nach Pizza verlangen“, erklärt er gegenüber pro. „Wir kommen nicht ohne Verkündigung aus“, sagt er, auch wenn sich über die Form selbiger streiten lasse. So hält er Widerspruch aus der feministischen Bewegung gegen ausschließlich männliche Sprachformen der Rede von Gott für völlig verständlich. „Gott ist Herr der Welt, aber Gott ist kein Mann“, sagt er.

Außerdem müsse sich die Kirche auch eingestehen, dass eine Predigt, basierend auf dem Bibelsatz Jesu: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ heute vielleicht mehr Menschen abschrecke als begeistere. „Jesu Satz ist kein Vogel-friss-oder-stirb-Satz, sondern eine Einladung zu einem geistlichen Weg, in dem Jesus sich als Wahrheit erschließt“, sagt Pompe. Seiner Meinung nach ergibt sich der Inhalt für postmoderne Zuhörer erst nach einer – möglicher­weise längeren – „gemeinsamen geistlichen Reise.

Rainer Schacke ist Direktor des Berliner Instituts für urbane Transformation und leitet gemeinsam mit anderen eine Freie evangelische Gemeinde in Berlin. Neben der Lehre vom Reich Gottes und der Versöhnung des Menschen mit Gott durch Jesus Chris­tus gehören für ihn die Einladung zur Lebenswende und biblische Ethik zur Basisausstattung christlicher Gemein­schaften – auch heute und künftig. Gemeinde Jesu und ihre Gottesdienste sollten kontextuell relevant sein, ohne den Inhalt des Evangeliums zu kompromittieren. Wer klassisch-liturgische Gottesdienste grundsätzlich abschaffen wolle, vernachlässige allerdings jene, die diese Form schätzen.

Bei etlichen Freikirchen und auch im Bereich der Evangelischen Allianz sieht er ein großes Versäumnis der letzten Jahrzehnte: Die Haltung war zu defensiv und zu wenig auf den kulturellen Zugang zum direkten Umfeld der Gemeinden ausgerichtet. „Wir müssen neu lernen, das Evangelium in unsere Kontexte hinein zu buchstabieren und in Gottes Mission unterwegs zu sein“, sagt er und meint damit, dass die Ortsgemeinde auch die Vielfalt der Menschen um sie herum in den Blick nehmen sollte. Soll für eine Stadt wie etwa Berlin heißen: Der Hipster aus Prenzlauer Berg sollte ebenso angesprochen werden wie die aus Syrien geflüchtete Muslima. Die kirchlich sozialisierte junge Frau ebenso wie der im humanistischen Verband engagierte Mann mittleren Alters. Freilich müsse nicht jede Gemeinde jeden Stil bedienen und könne nicht jeden erreichen.

Aber die Auseinandersetzung mit der Kultur um sie herum gehört für Schacke zum christlichen Leben in der Postmoderne dazu. „Die Kirchen können nicht einfach weiter das machen, was sie immer gemacht haben“, sagt er. Dazu gehört auch: Sie können nicht nur erwarten, dass die Menschen zu ihnen kommen, sondern Kirche muss sich auf den Weg zu den Menschen machen. Beispielhaft für ein Engagement, wie Schacke es sich vorstellt, ist die Arbeit des Vereins „Move In“. Dabei ziehen Christen in Brennpunktgegenden und pflegen die Kontakte mit den Menschen vor Ort, erleben ihre Sorgen und Probleme nicht nur aus der Distanz, sondern werden Teil der Nachbarschaft.

Begegnungsflächen wie diese will auch Pompe schaffen – nur eben auch mithilfe klassischer Konzepte. Er lobt die Aktion „Gottesdienst erleben“, deren Inhalt so simpel wie wirksam ist: Christen laden Menschen, die sie persönlich kennen, zu Gottesdiensten ein – und diese sind dann so gestaltet, dass die neu Dazugekommenen sich so willkommen wie möglich fühlen. In der Predigt fallen keine fromm besetzten Begriffe. Jeder Teil der Liturgie wird erklärt. Keine Voraussetzungen, kein Insidervokabular, volle Annahme, könnte man das Prinzip zusammenfassen.

Letztendlich können Veranstaltungen wie diese jedoch nur den Weg in die Kirche eröffnen. Ob die Menschen bleiben, ergibt sich aus dem Innenleben der Kirchen und damit dem Engagement jedes einzelnen Christen: Gelingt es ihnen, Kontakte zu jenen aufzubauen, die ihre Weltsicht nicht automatisch bejahen? Interessieren sie sich für deren Sinnfragen? Daran wird sich die Zukunft der Kirche entscheiden – egal ob sie Kite-Pastoren anstellt, Ecaperooms entwickelt, Kirchenbänke unter freien Himmel stellt oder ganz klassische Gottesdienste feiert.

Der Beitrag ist im Christlichen Medienmagazin pro erschienen. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5667751, per E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.

Von: Anna Lutz

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