Der Unternehmer Heinrich Deichmann bei seiner Andacht auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund

Der Unternehmer Heinrich Deichmann bei seiner Andacht auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund

Hiobsbotschaften zum Kirchentagsauftakt

In Dortmund haben die Besucher des Evangelischen Kirchentages am Donnerstag Bibelarbeiten zu Hiob 2,7-13 besucht. Unter den Referenten waren auch der Unternehmer Heinrich Deichmann und Zeit-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo. Pro berichtet.

Giovanni Di Lorenzo

„Gott entscheidet auch über den Teufel“

„Ich gestehe: Ich bin voller Zweifel, was den Glauben betrifft. Ich bewundere jene, die das ohne Zweifel können.“ Das hat der Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zur Hiobsgeschichte in der Bibel am Donnerstag auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund festgestellt. Im Kern der Geschichte, in der Gott Hiobs Treue mit schweren Leiden prüft, gehe es für den Journalisten um Vertrauen. Zu glauben, bedeute auf Gott zu vertrauen. „Es gibt kaum eine Erzählung in der Bibel, die so komplex und herausfordernd ist wie die von Hiob.“

Vor 1.400 Zuschauern sprach di Lorenzo in diesem Zusammenhang auch über einen seiner journalistischen Höhepunkte. Vor zwei Jahren interviewte er Papst Franziskus. Der katholische Zeit-Journalist hatte sich dafür vorgenommen, dem Pontifex naive „Kinderfragen“ zu stellen – etwa zum Wesen des Teufels. Der Papst antwortete di Lorenzo, dass der Teufel ein gefallener Engel sei und dass Eifersucht, Neid und Kriege das Werk des Teufels seien.

Hiobsbotschaften gehören zum Alltag von Journalisten

Der Satan sei eben nicht das Böse an sich und der Gegenspieler Gottes, sagte di Lorenzo. „Gott entscheidet auch über den Teufel.“ Das werde allein daran klar, dass der Teufel das Einverständnis Gottes brauche, um Hiob zu prüfen. „Ist es nicht das Misstrauen, das uns voneinander und von Gott trennt?“, fragte di Lorenzo, der sich aufgrund seines Berufstands als Experte für Hiobsbotschaften bezeichnete. „Diese Botschaften kommen im Arbeitsalltag eines Journalisten am häufigsten vor.“

Zeit-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo bei seiner Andacht

Zeit-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo bei seiner Andacht

Di Lorenzo hält Hiobs Geschichte für allgemeingültig. „Fast alle Menschen erfahren in ihrem Leben Leid, das sich scheinbar in die Ewigkeit erstreckt“, sagte er. „Es geht um die menschliche Frage, wenn Gott doch so allwissend ist, warum er dann so viel Leid auf der Welt zulässt.“ Das sei aber eine Gleichung, die nicht aufgehe. Glaube sei keine Wissenschaft. Hiob habe nicht den Grund seines Leids gekannt. Er habe auch nicht gewusst, wie sein Leben zu Ende geht – so sei es bei allen Menschen. Di Lorenzo betonte, dass Hiobs Leben aber ein Happy End hatte. „Gott gibt Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hat“, betonte der Journalist.

Die Bibelarbeit nutzte di Lorenzo auch, um über nachhaltiges Leben zu sprechen. Manches an dem Thema verunsichere ihn. Als Beispiel nannte er die Energieversorgung in Deutschland. „Was nützt es, Atomkraftwerke abzuschalten, wenn hinter der französischen Grenze Atomkraftwerke stehen, die bereits Störfälle hatten“, fragte er. Er kritisierte Politiker aus dem Umwelt-Ressort, die sich in seinen Augen an die „Fridays for Future“-Demonstranten heran schmeißen. Grundsätzlich freue er sich über diese Jugendbewegung. Sie zeige aber auch eine Sollbruchstelle zwischen Eltern und Kindern. „Wenn jetzt sogar das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern angegriffen wird, was hält dann dieses Land noch zusammen?“, fragte er.

Der Zeit-Chefredakteur bezeichnete es als „etwas Besonderes“, auf dem Evangelischen Kirchentag zu sprechen. Das habe er noch nie getan.

Von: Michael Müller

Heinrich Deichmann

„Weil Hiob Gott die Freiheit gibt, sich anders zu verhalten, als es seinem Wunschbild entspricht, kann er an Gott festhalten“

Die katholische Heilig-Kreuz-Kirche. Backsteinexpressionismus: vor hundert Jahren südlich der historischen Wallanlagen Dortmunds in einer klassischen Arbeiterwohngegend entstanden. Auf dem evangelischen Kirchentag steht hier der berühmte Unternehmer Heinrich Deichmann auf der Kanzel. Er ist nicht nur Betriebswirt, sondern hat auch Geschichte, Philosophie und Theologie studiert.

Gleich in der ersten Bibelarbeit des Kirchentages geht es um ein Thema, das Christen seit Generation irritiert, verstört, manche sogar von Gott entfremdet hat: Die Geschichte von Hiob, Kapitel 2 Vers 7 bis 13. Die Vorbereitung dieses herausfordernden Themas „hat Kraft" gekostet,sagt Deichmann zu Beginn. Nicht nur Theologen, auch Philosophen und Literaten hätten sich vielfach mit Hiob befasst: Kant, Ernst Bloch, Kierkegard, Bert Brecht, George Bernhard Shaw, Thomas Mann.

Überliefert sei hier eine Geschiche, die unserem Gerechtigkeitsempfinden widerspreche:„Hier leidet der Gerechte." Das Hiob-Buch enthalte daher „schwere Kost“. „Hier werden Dinge berichtet, die wir nur mit Mühe mit unserem Gottesbild in Einklang bringen können.“

Warum lässt Gott das zu?

Die Bibel berichtet, wie Hiob das Böse meidet, mit Frau und Kindern gesegnet ist, Rinder, Schafe, Kamele und Eselinnen besitzt – bis Satan Gott herausfordert, dass Hiobs Frömmigkeit nur so lange andauern werde, bis er den Segen verliert. Tatsächlich verliert er alles – außer sein nacktes Leben. Trotzdem hält Hiob am Vertrauen auf Gott fest. Am Schluss wird Hiob gesegnet, von seiner Hautkrankheit befreit.

Und doch steht über allem die Frage, die sich auch für Deichmann aufdrängt: „Warum lässt Gott das zu? Wie kann es überhaupt zu dieser Abmachung zwischen Gott und Satan kommen?“ Für viele Ausleger sei diese Stelle schwer mit ihrem Gottesbild in Einklang zu bringen. Deichmann versucht erst gar nicht, diese Fragen abzutun, lässt sie stattdessen stehen, ohne letzte Antworten darauf zu geben.

Dennoch lädt der Unternehmer die Zuhörer in der Dortmunder Heilig-Kreuz-Kirche ein, sich trotz aller Schwere und Spannungen auf diesen Text einzulassen. Ein „Gottesbild von unauslotbarer Kühnheit“ zeige sich da, beim Ausleger habe sie zu Entsetzen geführt. Aber, so beobachtet Deichmann: Das Leid bei Hiob habe seinen Ursprung nicht bei Gott, sondern beim Satan, er habe es überhaupt erst initiiert. „Gott ist solidarisch, empathisch, leidet mit.“ Gott lasse das Böse zu, aber er grenze es ein. „Das ist schwer zu ertragen.“ Schlimmer wäre es jedoch, wenn das Böse den Menschen unkontrolliert schlagen dürfe.

Gleichzeitig lasse Gott nicht zu, dass er in ein festes Bild gepresst wird – wie es etwa die Freunde mit ihrer Suche nach Hiobs schuldhafter Vergangenheit tun. Oder Hiobs Frau, die will, dass er Gott verflucht, damit Hiob zur Strafe stirbt und von seinen Leiden erlöst wird. Sie ziehe die logische Konsequenz: „Gott ist ein willkürlich handelnder Despot“, Hiob soll sich von Gott lossagen.

„Gott enzieht sich aller menschlichen Berechenbarkeit“

Doch Hiob zwinge Gott nicht in eine Rolle, stattdessen sage er: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ Diesen Satz könne nur jemand sagen, der selbst von Leid am eigenen Leib betroffen sei, sagt Deichmann. Wer versuche, solche Weisheiten Leidenden zuzusprechen, werde scheitern. „Gott entzieht sich aller eindeutigen menschlichen Berechenbarkeit.“ Menschliche Maßstäbe seien nicht die Maßstäbe Gottes.

Doch Hiob würde falsch verstanden, wenn in ihm nur der bedingungslos vertrauende Leidende gesehen werde. Denn Hiob klage durchaus über sein Leiden, das vor allem deswegen so quälend sei, weil er keinen dahinter stehenden guten Zweck oder ein Ziel kenne: „Man kann von Hiobs demütiger Hingabe nicht sprechen, ohne auch über seine Klage zu reden.“ Noch in der tiefen Klage und Verzweiflung bleibe Hiob Gott zugewandt. „Wer weint, protestiert und schimpft, der hat immerhin Gott noch nicht gekündigt.“ Und: „Gott hält das aus.“ Auch wenn es keine letztliche Erklärung liefere, gelte für Hiob: „Weil Hiob Gott die Freiheit gibt, sich anders zu verhalten, als es seinem Wunschbild entspricht, kann er an Gott festhalten.“

Das gelte auch für Christen heute, die alles aus Gottes Hand nehmen und an Gott festhalten dürften – „im Vertrauen darauf, dass Gott für uns ist und es gut mit uns meint“.

Unmittelbar zeige Gott seine Liebe in Jesus Christus. „Seine Liebe zu uns Menschen ist so groß, dass Gott in Jesus Mensch wird und uns ganz nahe kommt, dass Gott in Jesus für uns am Kreuz stirbt, damit wir Leben haben, neues Leben, das über den Tod hinausgeht.“

Von: Nicolai Franz/Christoph Irion

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