Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat sich zum Missbrauch in der katholischen Kirche geäußert

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat sich zum Missbrauch in der katholischen Kirche geäußert

Ex-Papst kritisiert Gottlosigkeit in Kirche und Gesellschaft

Der frühere Papst Benedikt XVI. hat als zentrale Ursache für Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche die Gottlosigkeit und eine Entfremdung vom Glauben benannt. In seinem Aufsatz „Ja, es gibt Sünde in der Kirche“ konstatiert er auch eine Abkehr von der katholischen Sexualmoral.

„Ja, es gibt Sünde in der Kirche. Zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche“. So hat der frühere Papst Benedikt XVI. eine Schrift benannt, in der er sich zu den Vorfällen in der Katholischen Kirche äußert. Pädophile Vorfälle und Missbrauch seien Ausdruck der Gottlosigkeit und der Entfremdung vom Glauben. Dies habe für die Theologie, die Priesterausbildung und die Auswahl von Bischöfen fatale Folgen gehabt. Eine Wurzel dafür sieht er auch in der sexuellen Revolution zwischen den Sechziger- und Achtzigerjahren.

Joseph Ratzinger hatte die Schrift wenige Tage vor seinem 92. Geburtstag am 19. April geschrieben, der FE-Medienverlag veröffentlichte sie Mitte Mai. Der frühere Papst will demnach zu einem neuen Aufbruch beizutragen. Er stellt das Thema zunächst in den historischen Kontext. Von 1960 bis 1980 seien in der Gesellschaft die „bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen und eine Normlosigkeit entstanden, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat“.

Völlige sexuelle Freiheit ließ keine Normen mehr zu

Ratzinger verdeutlicht, dass diese Entwicklungen viele angehende Priester in ihrer Ausbildung erschüttert hätten. Aus seiner Sicht habe die damals erkämpfte „völlige sexuelle Freiheit“ kaum noch Normen zugelassen, beklagt Ratzinger. Zudem sei auch Pädophilie als erlaubt und angemessen diagnostiziert worden: „Ich habe mich immer gefragt, wie junge Menschen in dieser Situation auf das Priestertum zugehen und es mit all seinen Konsequenzen annehmen konnten.“

Zudem beobachtet der Autor in dieser Zeit einen Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie. Bis dahin sei diese weitgehend naturrechtlich begründet und die Heilige Schrift nur als Hintergrund oder Bekräftigung angeführt worden. Später sei es um eine ganz auf die Bibel gegründete Moraltheologie gegangen. Die neue Methode habe aber keine Antwort auf die Krise der Moral gegeben, die zu einem „Auflösungsprozeß (sic!) der christlichen Auffassung von Moral“ geführt habe.

Glaube hat nicht mehr den Rang eines zu schützenden Guts

Pädophile Vergehen und Missbrauch seien nur dort möglich gewesen, wo der Glaube nicht mehr das Handeln des Menschen bestimmt habe. „Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes“, schreibt Ratzinger. „Gott wird als Parteiangelegenheit einer kleinen Gruppe angesehen und kann nicht mehr als Maßstab für die Gemeinschaft im ganzen stehen.“ Aufgabe müsse es deswegen sein, „daß wir selbst wieder anfangen, von Gott und auf ihn hin zu leben“.

Es gehe darum, Gott dringend um Vergebung anzuflehen. Er solle die Grundlage des Lebens sein, Christen erneuern und beherrschen. Ratzinger findet bedenklich, dass der Glaube im allgemeinen Rechtsbewusstsein nicht mehr den Rang eines zu schützenden Gutes hat. Auf das Böse der Welt könne man nur mit Liebe reagieren: „Unser Nichterlöstsein beruht auf der Unfähigkeit, Gott zu lieben. Gott lieben zu lernen, ist also der Weg der Erlösung der Menschen.“

Nur mit einem Schöpfergott, „der gut ist und das Gute will – kann auch das Leben des Menschen Sinn haben“, schreibt Ratzinger. Eine Gesellschaft ohne Gott verliere ihre Freiheit, „weil der Sinn stirbt, der Orientierung gibt“. Dass sich Missbrauch auch in der Kirche und unter Priestern ausbreiten konnte, müsse in besonderem Maß erschüttern. Eine von den Menschen selbst gemachte Kirche könne keine Hoffnung sein.

„Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses. Aber es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist.“ Es gebe auch heute viele demütig glaubende, leidende und liebende Menschen, „in denen der wirkliche Gott, der liebende Gott sich uns zeigt“. Diese Zeugen stünden mit ihrem Leben und Leiden für Gott ein. Das Vorwort des Büchleins hat Albert Christian Sellner geschrieben. Darin bestätigt er aufgrund seiner eigenen Lebensgeschichte, dass die 68er verantwortlich für die „sexuelle Verwilderung des Zeitgeists“ sind.

Papst Benedikt XVI.: „Ja, es gibt Sünde in der Kirche: Zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche“, Fe-medienverlag, 48 Seiten, 3,95 Euro, ISBN 978-3-86357-232-7

Von: Johannes Blöcher-Weil

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