Sexueller Missbrauch in ihren Reihen zwingt die Evangelische Kirche zum Handeln. Für die Arbeit des Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Herbst 2018 1,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Sexueller Missbrauch in ihren Reihen zwingt die Evangelische Kirche zum Handeln. Für die Arbeit des Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Herbst 2018 1,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

„Man muss den Betroffenen zuhören“

Der Sozialpsychologe Heiner Keupp kritisiert die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in den Kirchen. Er fodert Einblick in die Archive durch Experten und Austauschplattformen für die Betroffenen.

In einem Interview der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom Donnerstag kritisiert der Sozialpsychologe Heiner Keupp die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in den Kirchen. Keupp wünscht „die Mitsprache der Betroffenen" und fordert, dass den Opfern mehr zugehört wird. Keupp ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie hat zum Ziel, Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexuell missbraucht wurden, die Möglichkeit zu schaffen, über das erlebte Unrecht zu sprechen. Die Betroffenen sollen so eine Anerkennung ihres Leids erfahren.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte sich auf ihrer Herbstsynode in Würzburg mit dem Thema Missbrauch befasst und verschiedene Maßnahmen zur Aufarbeitung beschlossen. Keupp bemängelt, dass keiner der Betroffenen vor den Synodalen habe berichten dürfen. Die Kommission fordere von der Evangelischen Kirche eine Austauschplattform für die Betroffenen. Der Sozialpsychologe konstatierte, dass sich in den Kirchen inzwischen etwas bewege in Sachen Aufarbeitung. Dennoch habe er den Eindruck, dass immer noch „viele das Thema aussitzen wollen". Die Kirchenleitungen hätten aber verstanden, dass sie etwas tun müssten.

Kirchen hielten Schweigecontainer dicht

Die Medien hätten lange Zeit nur Missbrauchsvorwürfe in der Katholischen Kirche in den Blick genommen. Dies habe die Protestanten glauben lassen, nicht an die Öffentlichkeit gehen zu müssen. „Man will die schöne Fassade der Kirche nicht beschmutzt haben", sagte Keupp. Die Kirchen hätten sich daran beteiligt, den „Schweigecontainer dicht zu halten“.

Zudem habe sich die Evangelische Kirche „die Welt ein bisschen schön geredet", weil die evangelischen Pfarrer im Gegensatz zu ihren katholischen Amtskollegen nicht dem Zölibat unterliegen, Sex haben und heiraten dürfen. „Ausgeblendet wird das Machtverhältnis, die ‚Pastoralmacht‘, die man als Zugriff auf die ‚Seelen‘ der Menschen verstehen kann", sagte Keupp. Dass die Katholische Kirche bei der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe externen Experten keinen Zugang zu ihren Archiven gewährt hat, wertet Keupp als „großen Fehler".

Medien zwingen Kirchen zur Haltungsänderung

Die Aufarbeitung muss nach Keupps Auffassung „unbedingt von unabhängigen Gremien" durchgeführt werden. Die Kirchen hätten sich „über Jahrhunderte hinweg Sonderbezirke geschaffen, die außerhalb der Zivilgesellschaft und staatlicher Instanzen ihr Eigenrecht" bewahrt hätten. Erst die Skandalisierung der Missbrauchsvorwürfe durch die Medien und „die schwindende Macht der Kirchen" hätten zu einer Änderung der Haltung geführt. Keupp fordert in dem Interview ein Interventionsrecht für die Kommission, um auf Institutionen zugehen zu können, die bislang geschwiegen und gemauert hätten. Dazu rechnet Keupp neben Klöstern auch kirchliche Heime und Einrichtungen, an denen Nonnen und Diakonissen tätig waren. Frauen seien bislang als Täter vernachlässigt worden.

Die Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs wurde am 26. Januar 2016 vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs auf Grundlage eines Bundestagsbeschlusses berufen. Die Laufzeit der Kommission war bis zum März 2019 begrenzt. Am 12. Dezember 2018 wurde sie durch das Bundeskabinett um weitere fünf Jahre, bis Ende 2023, verlängert.

Heiner Keupp stammt aus dem fränkischen Kulmbach. Sein Vater war Pfarrer in Oberfranken. Der Sozialpsychologe war als Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig und hat Studien zu Missbrauchsvorfällen im Kloster Ettal, dem Stift Kremsmünster und der Odenwaldschule veröffentlicht. Seit Einberufung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs 2016 ist er deren Mitglied.

Von: Norbert Schäfer

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